Aachen: CSI Aachen im Suermondt-Ludwig-Museum

Aachen : CSI Aachen im Suermondt-Ludwig-Museum

Der Lichtschein der Taschenlampe muss in einem bestimmten Winkel auf das bemalte Holz treffen. Nur dann besteht eine Chance, das zu sehen, von dem Michael Rief weiß, dass es da ist. „Da! Sehen Sie es? Die eingeritzten Buchstaben?“ Von dem Flügelaltar aus dem 16. Jahrhundert — einem Meisterwerk — war lange nur wenig bekannt, bis Rief auf die geheimnisvollen Nachrichten im Holz stieß.

Vermutlich geht sogar ein Menschenleben auf das Konto des Museumsstücks. Ein paar Meter entfernt liegen Holzfiguren, in denen Rief, stellvertretender Direktor und Kustos der Sammlungen im Suermondt-Ludwig-Museum (SLM), Nachrichten fand, die jemand vor Hunderten Jahren in Hohlräumen deponiert hatte. Und was hat es mit dem stabil gebauten Mannsbild im knappen Morgenröckchen auf sich?

Niemand wusste, wer den Altar gebaut hatte, wo und wann genau er entstanden war. Bekannt war nur, dass er für die Sammlung Suermondt 1908 von einer Kirchengemeinde in Graubünden gekauft worden war. Dann fielen Rief auf der Rückseite eingeritzte Buchstaben und Zeichen auf. Er wandte sich an Frank Pohle, Leiter der Route Charlemagne und Juniorprofessor für Geschichte und Kultur der Region Maas/Rhein an der RWTH. Und gar nicht viel später waren zumindest Teile der kryptischen Inschrift entschlüsselt. Es war vermutlich das Jahr 1519, als sich Augustin Henckel aus Schaffhausen Nadel- und Lindenholz zur Hand nahm, um dieses Stück zu schaffen. Ein Mann namens Jakob Diepolt, ein Kaplan, hatte den Altar bestellt. Als der dann drei Jahre später endlich ankam, nahm eine Tragödie ihren Lauf. Am Tag der Lieferung starb Diepolt. Dass die Lebensgeister wegen des spektakulären Anblicks des Altars aus ihm wichen, ist nur ein winziges Stück weit Spekulation. Denn die Andeutungen auf dem Stück selbst legen dieses Geschehen Riefs detektivischem Empfinden nach nahe. „Die Aufregung muss riesengroß gewesen sein. Das hat sein Herz wahrscheinlich nicht mitgemacht“, vermutet Rief. Am St. Andreas-Tag 1522, dem Tag der Ankunft des Altars, starb Diepolt — so steht es auf dem Stück selbst auf lateinisch zu lesen.

Aus einem Loch gezogen

Rief nennt den investigativen Teil seiner Arbeit gerne „Carving and Sculpture Investigation“ (CSI), angelehnt an die US-amerikanische Krimiserie. Die, vor allem die Ausgabe aus Miami, mag Rief ganz besonders, „weil der Hauptdarsteller so übertrieben schlecht spielt“, sagt er und setzt ein schelmisches Grinsen auf. Mit Rief wird eine Runde durch die Räume mit den Skulpturen schnell zum fesselnden Parforceritt durch die Renaissance, mit Anekdoten links und rechts und Stücken, an denen zentimeterdick Geschichte klebt. Was er zu erzählen vermag, holt eine verrückte Zeit in die Gegenwart. Eine Zeit, in der Männer Pluderhosen trugen und die Aussicht auf einen neuen Altar für den Sakralbau dazu taugte, für ein vorzeitiges Ableben zu sorgen. „Wir sind zwar in der Provinz, aber wir sind nicht provinziell.“ Auf diese Feststellung legt Rief Wert, und er untermauert sie: „Vor einiger Zeit waren die Freunde des Louvre aus Paris hier, und sie waren von unserer Sammlung ehrlich beeindruckt.“

Im SLM, das Deutschlands drittgrößte Skulpturensammlung unter kommunalem Dach beherbergt, sind viele solcher äußerst mysteriösen oder spannenden oder lustigen Entdeckungen zu machen. Und einige von ihnen hat der stellvertretende Direktor höchstselbst aus einem Loch gezogen. Wortwörtlich. So, wie die Reste von dem, was vor etwa 500 Jahren wahrscheinlich einmal ein Kaufvertrag gewesen ist — zumindest eine Hälfte davon. Er hatte einen Arma-Christi-haltenden Engel aus Köln, um 1490 bis 1500, auf dem Labortisch in der Werkstatt in Augenschein genommen. Von dem mit Leinen ausgestopften Loch im Boden der Figur wusste er bereits. Die kommen öfter vor, weil die Figuren auf Dorne gesteckt und so stabilisiert wurden. Dann war da aber noch etwas, ein anderes Material — Papier. „Da ging der Blutdruck dann hoch, man hofft ja immer auf einen versteckten Zettel. Aber ich musste natürlich ganz ruhig bleiben. Hätte ich geschrien oder gerufen, hätte ich das fragile Material vielleicht angespuckt“, erklärt der Experte bildhaft. Was Rief dem Engel entlockte, sind Fragmente, auf denen aber Buchstaben zu erkennen sind. Ganz sicher ist er noch nicht, dass es sich wirklich um einen absichtlich zerrissenen Vertrag handelt, einen sogenannten Kerb- oder Spanzettel. Weitere Ermittlungen sind erforderlich. Das kleine Zettelchen aus einem anderen Engel ist derweil bereits vollständig identifiziert. Es handelt sich um die Seite aus einem 500 Jahre alten handgeschriebenen Gebetbuch über die sieben Schmerzen Mariens.

Wams mit kurzen Schößen

Eine Drehung genügt, und Rief steht vor dem nächsten Stück, über das zu sprechen sich lohnt. „Die kann ich nicht in eine Schublade stecken“, sagt Rief und weist auf eine Skulptur. „Das macht mich ganz rasend.“ Wieder huscht das schelmische Grinsen über sein Gesicht. Nur das Alter sei geklärt — knapp 530 Jahre — und dass sie aus dem Tiroler Raum stammt. Darauf weist das Material, Zirbelkiefer, hin. Allerdings ist nicht geklärt, wer sich das Holz zur Brust nahm und mit seinen Werkzeugen solange meisterhaft beschnitzte, bis ein junger Mann in zeitgenössischer Kleidung — kein Morgenröckchen, sondern ein „Wams mit kurzen Schößen und Beinlingen darunter“ — entstanden war. Erneut sind weitere Ermittlungen erforderlich.

Einige, aber längst nicht alle Stücke aus dem SLM, denen CSI Aachen, Museumsausgabe, schon Geheimnisse entlockt hat. Und Michael Rief und seine Kollegen sind weiter dran — mit Mikroskop, Sonde, Zahnarztbesteck, viel Fachwissen und einem gerüttelt Maß Enthusiasmus. Etliche Ergebnisse sind im Suermondt-Ludwig-Museum bereits zu besichtigen.

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