Aachen: Citykirche: Ein offenes Ohr für Opfer von Gewalt

Aachen : Citykirche: Ein offenes Ohr für Opfer von Gewalt

Die ökumenische Citykirche St. Nikolaus ist ein Ort des Austauschs und der Begegnung. Seit einigen Wochen gibt es in dem schönen Kirchenraum in der Großköln­straße ein neues Angebot. Der Weiße Ring gestaltet dort jede Woche ein offenes Gesprächsangebot.

Immer montags von 15 bis 17 Uhr sind zwei Ehrenamtler vor Ort und stehen für alle Anliegen und Fragen zur Verfügung. Sie beraten Menschen, die Opfer von Kriminalität und Gewalt geworden sind. Wer Hilfe braucht oder einen Rat sucht, muss keinen Termin abmachen, sondern kann einfach in der Kirche vorbeischauen.

Der Weiße Ring ist nach eigenen Angaben der einzige bundesweit tätige Opferhilfeverein. Der gemeinnützige Verein hat bundesweit rund 3200 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in 420 Außenstellen. Die Ehrenamtler in der Städteregion Aachen sind bereits seit 40 Jahren Experten in Sachen Opferhilfe und Kriminalitätsprävention. So lange gibt es ihre Außenstelle des Weißen Rings schon. Jedes Jahr finden zwischen 200 und 250 Menschen aus Aachen und dem Altkreis Hilfe und Unterstützung.

„Ein offenes Gesprächsangebot war schon lange unser Wunsch“, erzählt Hans Jahn, Leiter der Aachener Außenstelle. Beim katholischen Pfarrer Timotheus Eller und der evangelischen Pfarrerin Sylvia Engels vom Seelsorgeteam der Citykirche stieß der Wunsch auf offene Ohren. Seit dem 1. Juli sind die Berater des Weißen Rings nun jeden Montag vor Ort. Und einige Ratsuchende waren auch schon da.

Für Gespräch und Beratung sei die Citykirche ganz ideal, findet Berater Dieter Ruland. Die Kirche sei zwar ein öffentlicher Ort, biete aber in dem kleinen „Sprechzimmer“ einen geschützten Raum, in dem man sich in Ruhe unterhalten kann, ohne dass Fremde neugierig reinschauen oder zuhören können.

17 Frauen und Männer engagieren sich aktuell in Aachen und Umgebung für den Weißen Ring. Allen gemein ist der Wunsch, sich Menschen zu widmen, die Hilfe benötigen. Zum Weißen Ring kommen zum Beispiel Menschen, die körperlich oder seelisch misshandelt wurden, die Opfer von Dieben oder Einbrechern wurden oder unter Mobbing zu leiden haben. „Auch sexuelle Gewalt ist ein großes Thema“, berichtet Georg Küpper, der stellvertretende Leiter der Außenstelle.

Um Opfer kümmern

Manche Berater, allerdings längst nicht alle, haben oder hatten auch beruflich mit dem Thema Kriminalität zu tun. Dieter Ruland zum Beispiel war früher Bewährungshelfer. „Beruflich hatte ich immer mehr mit der Täterseite zu tun“, sagt er. Ohnehin nehme die Strafverfolgung ja eher die Täter in den Blick. Jetzt will er sich um die Opfer kümmern. Alle Ehrenamtler beim Weißen Ring werden auf ihren Einsatz vorbereitet und bilden sich regelmäßig in Schulungen weiter.

„Im persönlichen Gespräch mit den Betroffenen überlegen wir, welche Hilfe nötig und möglich ist“, sagt Hans Jahn. Die Beraterinnen und Berater bieten zum Beispiel Begleitung zu Behörden, zur Polizei oder zum Gericht an. Sie haben Informationen zur Opferentschädigung parat. Opfer von Kriminalität geraten manchmal auch finanziell in Bedrängnis. Hier kann der Weiße Ring sie mit einer Soforthilfe unterstützen. Und die Berater stellen bei Bedarf auch Kontakt zu Anwälten und Therapeuten her. „Wir sind keine Fachleute für Traumabehandlung, und wir sind keine Juristen“, sagt Georg Küpper. „Aber wir vermitteln die Betroffenen zu Leuten, die sich auskennen.“

Die Helfer sind auch in der Prävention aktiv und halten Vorträge in Seniorenheimen oder Schulen. Und sie machen mit Infoständen auf ihr Angebot aufmerksam. Reichlich Arbeit also, die ausschließlich ehrenamtlich geleistet wird. Finanziert wird der Einsatz des Weißen Rings nur aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Auch Bußgelder, die Gerichte verhängen, kommen manchmal dem Weißen Ring zugute. „Spenden sind uns sehr willkommen“, sagt Dieter Ruland.

Aus Sicht der Seelsorger an St. Nikolaus passt das offene Gesprächsangebot des Weiße Rings sehr gut in die Citykirche. „Das ist ein willkommenes Kooperationsprojekt“, sagt Pfarrer Eller.

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