Aachen: Christine Jansen gibt Archäologie jetzt ein Gesicht

Aachen: Christine Jansen gibt Archäologie jetzt ein Gesicht

Auch Archäologen haben ihre Routine: „Scherben und Knochen sind Alltagsgeschäft“, erklärt Dr. Joachim Meffert, stellvertretender Grabungsleiter der Firma Goldschmidt-Archäologie, die derzeit an der Bergstraße im Erdreich herumstochert. Aber ein Fund gibt der ausgegrabenen Vergangenheit nun ein Gesicht — oder zumindest einen Namen: Eine gewisse „Christine Jansen“ hat dort vor etwa hundert Jahren ein Armband verloren.

Gefunden wurde es jetzt bei den Arbeiten zur Erweiterung der dortigen Kindertagesstätte. Dass es noch Zeugnisse der Vergangenheit im Erdreich geben könnte, galt zunächst als unwahrscheinlich. Auf Luftbildern hatte Stadtarchäologe Dr. Markus Pavlovic einen großen Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg ausgemacht. „Da sollte man meinen, da kann nichts mehr sein.“

Dennoch ist allerhand Interessantes übriggeblieben. Beim Buddeln stieß man auf Reste von Kellern, deren Ursprünge in die Zeit zwischen dem großen Stadtbrand von 1656 und der Mitte des 18. Jahrhunderts zurückreichen.

Was dort früher los war, bevor die Bombe den Trichter machte, können sich die Archäologen inzwischen ganz gut zusammenreimen. „Wir haben mehrere Nähmaschinen gefunden“, berichtet Britta Esser, Technikerin bei der Grabungsmannschaft. Auch Knöpfe und ein kleines Bügeleisen gab das Erdreich wieder her, was den Schluss nahelegt, dass es sich um Zeugnisse aus Aachens Vergangenheit als Tuchmacherstadt handelt.

Als besonderen „Schatz“ wertet Pavlovic das bronzene Band mit dem Namenszug von Christine Jansen und den Verzierungen aus der Jugendstil-Epoche. „Mit diesem Fund bekommt die Archäologie ein Gesicht“, meint er. Es ist ein relativ junges Gesicht, die Geschichte reicht viel weiter zurück. „Die Siedlungsschichten reichen zurück bis ins Mittelalter“, sagt Meffert.

Und die oberste und jüngste Schicht ist einigermaßen dünn: An der Kita Bergstraße mussten die Archäologen keineswegs tiefe Löcher buddeln, um der Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Die Mauerreste aus dem 19. Jahrhundert lagen dicht unter der Oberfläche.

Ausgräber Meffert erklärt das mit dem durchaus verständlichen ökonomischen Pragmatismus unserer Vorfahren, die einfach auf dem vorhandenen Schutt aufbauten. „In der Nachkriegszeit wurde das einfach planiert“, sagt Meffert, „das reichte fürs Erste.“

Heute gehen Stadtarchäologen wie Markus Pavlovic sensibler mit Zeugnissen der Vergangenheit um. Der geht von 2000 Jahren Besiedlungsgeschichte in der Innenstadt aus. Mit allerhand Fundstücken ist also entsprechend zu rechnen, wenn da irgendwo gebuddelt wird. „Sobald ich in den Boden gehe, zerstöre ich“, erklärt Pavloviv. Deshalb beugt er sich schon früh über zur Verfügung stehende Unterlagen, bevor Baggerschaufeln unerwünschte Fakten schaffen.

Für Bauherren sind das oft unerwünschte Verzögerungen. Auch das städtische Gebäudemanagement hatte andere zeitliche und finanzielle Vorstellungen bei der Erweiterung der Kindertagesstätte an der Bergstraße. „Zeitverzug und Kostensteigerung sind im Moment noch nicht genau zu beziffern“, sagt Projektleiter Leonidas Papadopoulos vom Gebäudemanagement.

Die Einrichtung soll von jetzt drei Gruppen auf fünf erweitert werden, es soll zusätzliche Plätze für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren geben. Die Kosten dafür seien mit 1,3 Millionen Euro berechnet worden, sagt Klaus Schavan, der Technische Leiter des städtischen Gebäudemanagements. Wenn es nun teurer werde, müsse man damit professionell umgehen. „Das sieht ja auch jeder ein.“ Umgekehrt sieht auch Stadtarchäologe Pavlovic ein, dass man sich mit der Gegenwart arrangieren muss. Eine ausgebuddelte Kellertreppe hält er zwar für „erhaltenswert“, aber die Erweiterung der Kita Bergstraße müsse eben auch sein. „Wir finden sicher einen guten Kompromiss“, meint Pavlovic.

Der Ring von Christine Jansen macht da weniger Probleme, weil er nicht so sperrig ist wie eine Kellertreppe. „Der kommt ins Depot nach Meckenheim“, sagt Pavlovic. Da ist noch Platz für solch ein kleines Schmuckstück.