Aachen: Chöre plagen Nachwuchssorgen: Iris Lüpges gehen die Männer aus

Aachen : Chöre plagen Nachwuchssorgen: Iris Lüpges gehen die Männer aus

Ginge es nur um die Zahl von Anmeldeinteressenten, Iris Lüpges hätte keine Sorgen. Die Chorleiterin des Aachener Gospelchors Sound’n’Soul bekommt mehrfach pro Woche Anfragen von potenziellen neuen Mitgliedern. Doch die Sache hat einen Haken, es sind nämlich fast nur Frauen, die sich bei Iris Lüpges melden und bei Sound’n’Soul mitsingen wollen.

Dass ihr Chor bei den Frauen so beliebt ist, erfreut die Leiterin natürlich einerseits, andererseits wird das Desinteresse seitens der Männer langsam zu einem Problem. Ein Problem, dass Iris Lüpges und ihr Kollege Stephan Helling seit einigen Jahren beobachten und nicht nachvollziehen können.

Es war nämlich einmal ganz anders, erinnert sich die Chorleiterin. Als sie und Stephan Helling die Leitung des Chors 2004 übernahmen, war das Verhältnis genau andersherum, „da gab es hier mehr Männer und weniger Frauen“, so Lüpges. Heute steht sie vor circa 60 Chormitgliedern, zehn davon singen im Bass und fünf im Tenor — wenn alle da sind - und der Rest sind Frauen.

Dass das Verhältnis vor einigen Jahren noch ganz anders war, wundert hingegen nicht in einer Stadt wie Aachen mit seinen vielen technischen Studiengängen, die nach wie vor bei jungen Männern beliebt sind.

Auch wenn Sound’n’Soul im Prinzip offen für jeden ist, der stimmlich geeignet ist und mitmachen möchte, kommen viele Mitglieder aus dem Bereich der Hochschulen. „Die Fluktuation in unserem Chor ist recht hoch, da hier viele Studierende mitsingen, die nach fünf bis sechs Jahren ihr Studium beendet haben und Aachen dann wieder verlassen.

Der Nachwuchs war dann mehr und mehr weiblich“, erzählt Iris Lüpges. Offenbar singen die männlichen Studenten nicht mehr so gerne wie noch vor ein paar Jahren — zumindest nicht im Chor.

Benedikt Ant kann das nicht verstehen, er ist genau wie sein Chorkollege Oliver Rippel seit ein paar Monaten dabei und beide fühlen sich bei Sound’n’Soul sehr wohl.

Allerdings haben beide auch eine „musikalische Vorgeschichte“: Benedikt Ant hat ein Gymnasium mit Musikschwerpunkt besucht, Oliver Rippel hat schon vor seinem Studium in einem Chor gesungen und beide wollten — unabhängig voneinander — wieder in einem Chor singen. Warum das aber offenbar immer weniger Altersgenossen möchten, können sie nur mutmaßen, „vielleicht weil sich Interessensfelder verschoben haben“.

Udo Hirtz hat eine weitere Vermutung: „Vielleicht besteht die Annahme, dass man Noten können muss, bevor man hier mitsingen darf. Das stimmt aber nicht, man braucht keine Vorkenntnisse.“ Udo Hirtz ist seit 2003 Mitglied bei Sound’n’Soul und konnte die Veränderung im Choraufbau über die Jahre miterleben, die sich mittlerweile deutlich bemerkbar macht. Etwa in der Auswahl der Lieder, die der Chor singt.

„Stücke, bei denen Männer die tragende Stimme darstellen, sind eigentlich kaum noch möglich. Das war auch mal anders“, sagt Iris Lüpges, die die Veränderungen aber nicht einfach hinnehmen möchte. Sie und Stephan Helling möchten lieber aktiv etwas gegen den Männerschwund in ihrem Chor unternehmen. Ein Weg ist für die beiden, dass sie Ende August eine offene Probe für Männer anbieten (Infobox), bei der interessierte Herren einfach mal reinschnuppern können.

Ansonsten läuft viel über Mundpropaganda. Einige der männlichen Chormitglieder sind heute nur Chormitglied, weil sie eine Freundin oder Bekannte haben, die bei Sound’n’Soul mitsingt. Bei Holger van Bergen war es eine Kollegin. Van Bergen ist Lehrer und war durch die Schilderungen seiner Kollegin neugierig geworden. Neugierig genug, um sich den Chor einmal anzusehen und schnell zu merken: „Der Spaß kommt rüber.“

„Spaß“: Das antworten alle, die gefragt werden, warum sie mitsingen. Spaß am Singen, Spaß an der Gemeinschaft. Und die musikalische Ausrichtung des Chors sei ebenfalls wichtig, meint Iris Lüpges. Gospel könne sehr gut Menschen zwischen 20 und 30 Jahren begeistern, es lassen sich klassische Stücke genauso gut singen wie aktuelle Hits.

„Es ist abwechslungsreich und alles andere als steif“, sagt Stephan Helling. Bei Sound’n’Soul ist Bewegung ein Muss, mitklatschen und zur Musik bewegen gehört einfach dazu. „Und jeder, der neu dazu kommt, wird gleich mitgenommen“, erklärt Holger van Bergen, der selbst seit November dabei ist.

Vielleicht muss Mann einfach seine Scheu überwinden, das rät zumindest Klaus Meyer. „Viele Männer glauben, sie können nicht singen, aber das stimmt nicht, sie sollten es einfach einmal versuchen.“

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