Aachen: Cannabis gibt es in Aachen nur selten auf Rezept

Aachen: Cannabis gibt es in Aachen nur selten auf Rezept

Vor rund einem Jahr, am 10. März 2017, ist in Deutschland ein neues Cannabis-Gesetz inkraftgetreten. Seitdem darf Cannabis auch vom Hausarzt für medizinische Zwecke verschrieben werden, und seitdem verschreiben Ärzte in Deutschland immer häufiger medizinisches Cannabis.

Bundesweit wurden innerhalb des vergangenen Jahres nach Angaben des Apothekenbranchenverbands Abda etwa 44.000 Einheiten an Cannabis-Blüten auf Kosten der Krankenkassen abgegeben. In Aachen ist die Nachfrage jedoch noch sehr überschaubar.

„Anfragen hatten wir schon jede Menge“, sagt Wiebke Moormann, Inhaberin der Falken-Apotheke und Pressesprecherin der Apotheker in Aachen. Darunter einige durchaus kuriose — die Frage etwa, ob man nicht gleich auch die dreifache Menge dessen bekommen könne, was auf einem Rezept ausgewiesen wird. Unmöglich, das sei natürlich überhaupt keine Frage. Ein Rezept wurde Moormann bisher jedoch noch von niemandem über die Ladentheke gereicht.

Eine „sehr geringe Anzahl von Anträgen“ habe die Kasse in Aachen bisher nur registriert — im niedrigen zweistelligen Bereich, sagt Waldemar Radtke, Regionaldirektor der AOK Rheinland/Hamburg in der Städteregion Aachen und im Kreis Düren. „Bei uns in der Region ist das bisher kein großes Thema.“ Würden Anträge eingereicht, seien die Rezepte häufig für Palliativpatienten, für die eine Bewilligung innerhalb kurzer Zeit erfolge. Bei anderen Hintergründen eines Antrags auf medizinisches Cannabis würden circa zwei Drittel genehmigt.

Aufwendige Herstellung

Stellt ein Patient zum ersten Mal einen Antrag bei einer Krankenkasse, dann schalte diese in der Regel automatisch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) ein, der sich jeden Fall noch einmal genau anschaue. Heiner Beckmann, Landesgeschäftsführer der Krankenkasse Barmer: „Dabei prüft der MDK nicht nur, ob Cannabis generell für die Therapie infrage kommt, sondern auch, welches Präparat konkret geeignet wäre. Je nach Sachverhalt und Einzelfall erfolgt gegebenenfalls zusätzlich eine weitere Einschätzung über die Apotheker der Barmer.“

In der Apotheke werden die gelben Betäubungsmittelrezepte eingelöst. Die Präparate im Labor als „patientenindividuelles Arzneimittel“ herzustellen ist für die Apotheken aufwendig, erklärt Moormann. Patientenindividuell bedeutet, dass die unzerteilten Blüten zum auf den jeweiligen Patienten zugeschnittenen Medikament verarbeitet werden — zu Kapseln, Sprays, Tropfen oder Blüten. Dabei müssen Identität, Gehalt und Reinheit geprüft werden, etwa über Schmelzpunktbestimmung oder Dünnschicht-Chromatographie. Die Apothekenmitarbeiter, sagt Moormann, würden dafür extra geschult. „Das Rauchen von Cannabis zusammen mit Tabak als ‚Joint‘, die Teezubereitung mit fetthaltigen Flüssigkeiten wie Sahne, oder das Einbacken in Kekse sind für medizinische Zwecke völlig ungeeignet, da die optimale Dosis nicht reproduzierbar wäre“, sagt die Apothekerin.

540 Euro pro Monat

Die Kosten für den Bedarf an getrockneten Cannabisblüten für einen Schmerzpatienten schätzt das Bundesgesundheitsministerium auf durchschnittlich 540 Euro pro Monat. Tatsächlich müssen die Preisschilder auf den Präparaten schon ein wenig Platz bieten: 28 Kapseln eines Medikaments kosten zum Beispiel 478 Euro, ein Fertigspray mit Wirkstoff aus Stammpflanze und Blüte ist für 310,64 Euro zu haben. Mit zugesagter Übernahme durch die Krankenkasse zahlen Patienten maximal zehn Euro zu. Das bedeutet aber nicht, dass, wer will, in der Apotheke günstig und sicher an seinen Stoff kommt. Nach Einschätzung der AOK Rheinland/Hamburg gehen die Ärzte und Krankenhäuser in der Region Aachen mit der Verordnung Cannabis-haltiger Mittel sehr sorgsam um, so wie vom Gesetzgeber auch vorgesehen.

Wie sich die Nachfrage nach medizinischem Cannabis in Aachen entwickeln wird, darüber könne nur spekuliert werden, sagt Moormann. Allerdings habe man mit dem neuen Gesetz und der grundsätzlichen Verfügbarkeit von Cannabis zur medizinischen Anwendung einen Weg eingeschlagen, den zu gehen sich lohne. Cannabis eigne sich zwar nicht für jeden Patienten, könne in einigen Fällen aber helfen.

Übrigens: Vorrätig haben die Apotheken das Cannabis nicht. Nur ein Präparat kann Moormann derzeit in Deutschland bestellen, die anderen kommen aus den Niederlanden oder aus Kanada. Und: die Apotheker fahren nicht selbst mal schnell über die Grenze und decken sich im nächsten Coffee-Shop ein. Alles wird offiziell nach Deutschland eingeführt.