Aachen: Bunker: Wo war die Kapitulation?

Aachen: Bunker: Wo war die Kapitulation?

Die Diskussion um den Erhalt oder Abriss des Bunkers an der Rütscher Straße hält an. Wie berichtet, will der Investor Norbert Hermanns dort hochwertige Wohnungen bauen. Dagegen hat sich eine Bürgerinitiative formiert, die das unbedingt verhindern will. Denn für sie hat das klobige Relikt einen besonderen historischen Wert.

Schließlich kapitulierte hier der Stadtkommandant Oberst Gerhard Wilck am 21. Oktober 1944 — und Aachen war die erste von den Nazis befreite deutsche Großstadt.

Aber ist tatsächlich der Bunker der Ort der Kapitulation? Ist es somit genau dieser Ort, der als symbolisches Gedächtnis zwingend erhalten werden sollte? Diese Fragen lassen sich gar nicht so einfach beantworten. Denn wie so oft in der Forschung geht es um Details.

So meldete sich am Mittwoch Oberbürgermeister Marcel Philipp in der Bunkerfrage bei den „Nachrichten“ zu Wort. Er sei etwas „irritiert“ über eine Aussage des früheren Rechtsdirektors der Stadt Aachen, Dietmar Kottmann.

Als einer der wortführenden Streiter für den Bunkererhalt hatte der am Montag in einem Vortrag vor rund 100 Zuhörern die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges in Aachen noch mal nachgezeichnet.

Nur eine Variante von mehreren

Dort sprach er vom Bunker als dem Ort, an dem Oberst Wilck nach tagelangen Bombenangriffen am 21. Oktober die Kapitulation unterschrieb (wir berichteten). Allerdings, und daran erinnerte auch OB Philipp, ist das nur eine von mehreren möglichen Varianten der Kapitulation.

Denn die Quellenlage ist komplex und widersprüchlich. Das erklärte am Mittwoch auch Kottmann auf Anfrage der „Nachrichten“. „Die Version mit der Unterzeichnung am Bunker ist nur eine Möglichkeit. Aber es ist meiner Meinung nach die unwahrscheinlichste. Das habe ich auch so skizziert.“

Viel wahrscheinlicher sei, dass Wilck die Kapitulation zwar mündlich am Bunker erklärte. „Laut eines amerikanischen Militärhistorikers wurde er dort dann aber von den Amerikanern entwaffnet und abgeführt.“

Schließlich habe man ihn zum Rolandplatz gebracht, wo dann erst die schriftliche Kapitulation erfolgte. Aber auch der Hansemannplatz könne dieser Ort gewesen sein, meint Kottmann. „Es gibt ein Foto der Unterzeichnung im US-Quartier. Wo genau das lag, ist nicht bekannt.“

Bleibt die Frage: Gilt nun der Bunker oder der amerikanische Gefechtsstand als die historische Stelle der Kapitulation und damit als besonders erinnerungswürdig?

Für die Bürgerinitiative ist die Sache klar: Der Bunker soll erhalten bleiben und die Entscheidung des LVR aus dem Jahr 2005, ihn nicht unter Denkmalschutz zu stellen, zurückgenommen werden. Kottmann: „Der Bunker ist eindeutig mit der Kapitulation verbunden.“

Auch Marcel Philipp kann sich gut vorstellen, dass man am Lousberg einen Gedenkhinweis anbringt. Er sagt aber auch: „Die Frage der Denkmaleintragung ist abschließend von der Bezirksregierung geklärt worden.“ Heißt: Der Abriss ist rechtens. Auch vermutet der OB, dass es bei der Verhinderung im Grunde um etwas anderes gehen könnte.

Etwa die Furcht vor Lärm, Dreck und wegfallenden Parkplätzen. „Eine spannende Frage ist es, wo genau die Kapitulation unterschrieben wurde. Auch dort sollte man an dieses besondere Ereignis erinnern“, so der OB.

Investor Hermanns zeigt sich ebenfalls bereit, auch nach dem Bunkerabriss die Stelle weiter zu würdigen. Er schlägt eine multimediale Tafel an der Rütscher Straße vor. Auch möchte er mit der Bürgerstiftung Lebensraum dafür sorgen, dass ein Historiker die Quellenlage aufarbeitet und niederschreibt.

„Den völligen Erhalt des Bunkers halte ich für eine unangemessene Forderung“, sagt Hermanns. „Es wäre falsch, ihn als Kulturdenkmal neben den ägyptischen Pyramiden zu sehen.“ Er geht davon aus, dass der Bunker demnächst abgerissen wird.