Aachen: Bürgerstiftung erinnert an 70 Jahre Frieden

Aachen: Bürgerstiftung erinnert an 70 Jahre Frieden

Neun Zeitzeugen haben Martin Borgmann schon Rede und Antwort gestanden. Sie kramten in ihren Erinnerungen an den 21. Oktober 1944. Das war der Tag, an dem die ehemalige Kaiserstadt von den Amerikanern erobert wurde. Damit hatte der 2. Weltkrieg in Aachen ein Ende. In diesem Jahr jährt sich die Aachener Kapitulation zum 70. Mal.

Deshalb will die „Bürgerstiftung Lebensraum Aachen“ ein großes Projekt anstoßen, um an diesen Tag und die Tage zuvor und danach zu erinnern. „Aachen war der kleine Teil in Deutschland, der als erstes befriedet wurde“, sagt Hans-Joachim Geupel, der Vorsitzende der Stiftung.

Die Bürgerinitiative Lousberg-Bunker protestiert gegen die Lärmbelästigung, die beim Abriss des Bunkers Rütscher Straße entsteht. Auch fürchten die Mitglieder um den Bestand der teilweise denkmalgeschützten Häuser in der Nachbarschaft.

Angestoßen vom Abriss des Bunkers Rütscher Straße am Lousberg, möchte er den Aachenern mit seinem Projekt bewusst machen, dass sie bereits 70 Jahre in Frieden und Freiheit leben dürfen. Geupel ist es wichtig, dass sie dies wertschätzen und durch das Projekt am Vergessen gehindert werden.

Ein wichtiger Baustein seines Projektes sind die von dem Sozialwissenschaftler Martin Borgmann geführten Interviews mit Zeitzeugen. Seit November vorigen Jahres engagiert Borgmann sich ehrenamtlich in der Stiftung. Bisher hatte er die Möglichkeit mit vier Frauen und fünf Männern im Alter von 77 bis 99 Jahren über ihre Erinnerungen an die Zeit von September 1944 bis Mai 1945 zu sprechen. „Mir laufen Schauer über den Rücken, wenn ich die Geschichten höre“, beschreibt Borgmann. „Die Menschen erzählen sehr emotional. Aber ich spüre ihren Willen, etwas zu hinterlassen. Sie wünschen sich, dass ihre Geschichten nicht vergessen werden und haben das Bedürfnis sich zu öffnen“, sagt er weiter.

Frei erzählen

In den etwa dreistündigen Gesprächen, die Martin Borgmann mit den Zeitzeugen führt, lässt er sie frei erzählen. Jeder einzelne Bericht ist dabei individuell anders. „Die 99 Jahre alte Dame war zum Zeitpunkt der Aachener Kapitulation hochschwanger. Sie wusste nicht, in welche Richtung sie sich orientieren sollte“, berichtet Borgmann. Einer der Interviewten war „Nachrichten“-Fotograf Martin Ratajczak. Nicht nur er, sondern auch alle anderen Interviewten, bekannten sich zur Angst. Angst vor der Rückkehr der „Braunen“. „Bemerkenswert ist, keiner sagte Nazis, alle sprachen nur von den Braunen“, erinnert sich Borgmann. „Die Dankbarkeit der Zeitzeugen gegenüber den Amerikanern war in den Gesprächen unübersehbar. Sie fühlten sich erleichtert und befreit. Doch trotzdem war ihre Angst vor einem eventuell wiederkehrenden Terror der Deutschen größer denn je“, weiß Borgmann.

Neben den Interviews, für die noch Zeitzeugen gesucht werden, sind jedoch auch die modernen Medien ein wichtiger Stützpunkt des Projektes. Die Internetseite www.freeaachen44.de soll demnächst mit Berichten und Bildern zum Thema Aufarbeitung der Kapitulation Aachens gefüllt werden. Um auch die Jugendlichen zu erreichen, soll von Juni 2014 bis zum 8. Mai 2015 (bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht) täglich ein kurzer Satz zu diesem Thema auf Twitter gepostet werden. Desweiteren wird gemeinsam mit der Volkshochschule ein Schülerprojekt ins Leben gerufen. Ebenfalls der Aachener Geschichtsverein zeigt Interesse an einer Beteiligung. Im Rahmen von Projektarbeiten oder -wochen sollen sich Schüler mit dem Thema Frieden und Freiheit befassen. Außerdem beschäftigt sich das Projekt damit, einen neuen Erinnerungsort zu schaffen. Darüber machen sich zur Zeit RWTH-Professor Michael Schulze und seine Studenten Gedanken.

US-Generalkonsul nimmt teil

Wichtig sind Geupel auch die Erinnerungen amerikanischer Soldaten während der Kapitulation Aachens, die erhalten bleiben sollen. Daher hat der US-Generalkonsul Stephen A. Hubler sofort zugesagt, amerikanische Veteranenverbände zu kontaktieren und am 21. Oktober 2014 zur abschließenden Veranstaltung des Projekts in den Ballsaal des Alten Kurhauses, Kompbadstraße, zu kommen. „So kann nach und nach aus verschiedenen Mosaiksteinen ein Gesamtbild dieser Zeit entstehen“, fasst Geupel das Projekt zusammen. Auch amerikanische Schüler sind eingeladen, mitzumachen. e_SClB

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