Bürgerforum in Aachen gegen Starterpaket für Stoffwindeln

Bürgerforum : Mehrheit wickelt Windelvorschlag ab

Ein paar Zuhörer kicherten. Ein paar lachten. Scherze hin und her. Im Bürgerforum stand das Thema „Bezuschussung von Stoffwindeln“ an. Das versprach, heiter zu werden. Eine junge Mutter erklärte ihren Vorschlag und sie machte es wunderbar. Am Ende ahnten viele verblüfft: Diese Idee, die hat was!

Allein den Rathaus-Großkoalitionären CDU-SPD, sekundiert von der FDP, mangelte es an Mut oder Phantasie oder an beidem, Neues zu wagen. Dabei hätte sich Schwarz-Rot-Gelb bei vielen Kommunen in deutschen Landen (sch)windelerregenden Rat holen können.

Wer macht sich bei der Geburt eines Kindes schon Gedanken darüber, dass dieses kleine Wesen im Lauf der nächsten drei Jahre – bis es trocken ist – rund 5000 Windeln nutzt? Sind es Wegwerf-, sprich Einwegwindeln, „entsteht eine Tonne Restabfall“, wie der Aachener Stadtbetrieb errechnet hat. Volle Windeln füllen 10 bis 15 Prozent des städtischen Restmülls.

Ein riesiger Abfallberg. Mit Windeln vollgepresste Mülltonnen. Hier setzt, ökonomisch und ökologisch vorteilhaft, der Bürgerantrag der erwähnten jungen Mutter an. Ihr bravourös präsentierter Vorschlag: Die Stadt Aachen schließt sich der Aktion anderer Kommunen an und schiebt das Wickeln mit Stoffwindeln, diesen altbewährten, waschbaren, wiederverwendbaren Mehrwegdingern, finanziell an.

Fakt: Pro Kleinkind fallen, bis es die Toilette benutzt, 2000 Euro für Wegwerfwindeln an. Ein komplettes Stoffwindel-Paket, inzwischen supermodern farbig gemustert und auch als All-in-One-Windeln zu erhalten, kostet zwischen 300 bis 400 Euro. Diese Summe auf einen Schlag, argumentiert die junge Mama, sei für viele „ein Hemmschuh“. Einige Landkreise, Städte und Gemeinden zahlen deshalb für ein Starterpaket Stoffwindeln eine einmalige Pauschale zwischen 30 und 100 Euro. Motto: „Clever wickeln wird belohnt.“

„Keine Vergünstigungen“

Von „clever“ mochten CDU-SPD und FDP nichts wissen. Sie wickelten zwar, aber ab und folgten dem Stadtbetrieb. Der räumt ein, in Aachen gebe es „keinerlei gesonderte Entsorgungsmodalitäten für Windeln in Form von Windelsäcken, Windeltonnen oder anderen Möglichkeiten“, eine „Quersubventionierung über die allgemeinen Abfallgebühren“ aber sei rechtswidrig. „Zur Befriedigung von Individualinteressen einer Minderheit können und dürfen keine Vergünstigungen durch die Allgemeinheit finanziert werden.“

Iris Lürken (CDU) hieb in die gleiche Kerbe: „Sollen wir denen, die von der Plastiktüte weg wollen, eine Tasche kaufen?“ Tobias Kollig (FDP) fand den Vorschlag immerhin „inhaltlich super“, ihn zu subventionieren sei aber der falsche Weg.

Anders die Opposition. Bürgermeisterin Hilde Scheidt (Grüne) sah im Vorschlag ein „gutes Thema, weniger Müll zu produzieren“. Sie beantragte, im Kinder- und Jugendausschuss zu diskutieren, ob Aachen wie andere Städte ein Stoffwindel-Starterpaket finanzieren könne. Ellen Begolli (Linke) schloss sich an. Als „extrem sinnvoll“ befand Margret Vallot (Piraten) die Stoffwindel-Bewegung und bemerkte ungeduldig: „Ich weiß gar nicht, warum wir das nicht sofort einführen.“

CDU, SPD und FDP lehnten eine weitere Debatte im Fachausschuss ab. Chance vertan. In Aachen dampft die Windelkacke weiter in pickepackevollen Mülltonnen.

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