Aachen: Boden wird bis in 15 Meter Tiefe abgetragen

Aachen: Boden wird bis in 15 Meter Tiefe abgetragen

„Nein, gesprengt wird nicht!” Die Aussage beruhigte die Anwohner. Aber Lärm, Staub und Erschütterungen wird es dennoch geben, wenn ab Juli im Industriepark Rothe Erde wieder die Bagger, Kräne, Riesenbohrer und Lkw anrollen.

Rund 40 Bürger, vor allem aus der Wohnsiedlung Fringsgraben, der Weißwasserstraße und der Hüttenstraße waren in die Grundschule Barbarastraße gekommen, um sich über eine weitere Altlastensanierung auf dem Philips-Gelände zu informieren.

Ende 2011 wurde gemeldet, Boden und teilweise auch das Grundwasser auf dem riesigen Philips-Areal sei mit Schadstoff-Altlasten verseucht, den Leichtflüchtigen Chlorierten Kohlenwasserstoffen LCKW. Es sei dringend erforderlich, den mit den gesundheitsschädlichen und unter Umständen auch krebserregenden Schadstoffen verseuchten Boden abzutragen. Eine erste Fläche nahe der Hüttenstraße und Weißwasserstraße wurde im vergangenen Jahr ausgetauscht. Spektakulär war dabei die vorsorgliche Evakuierung der nahen Kindertagesstätte in ein Container-Domizil an der Barba-rastraße.

Garantenstellung der Stadt

Trotz aller Befürchtungen und Ängste der Anwohner verlief die erste, Millionen Euro schwere Sanierungsmaßnahme weitgehend problemlos. Das lag zum erheblichen Teil an der von Anfang an praktizierten Offenheit der betei ligten Behörden, Gutachter, Firmen und des sanierungspflichtigen Philips-Unternehmens. Auch in der jetzigen vierten Info-Runde legten sie die Karten offen auf dem Tisch. Die Bürger von Rothe Erde fragten nach Lärm, Dreck, zusätzlichem Lkw-Verkehr, Gefahren für ihre Häuser und Wohnungen und nach den Kontrollen.

Herbert Hilgers, Leiter der Unteren Bodenschutzbehörde im städtischen Fachbereich Umwelt, warb erkennbar um Vertrauen. Er betonte die gesetzlich geforderte „Garantenstellung” der Stadt und versicherte den Bürgern: „Wir werden auch die zweite Sanierungsmaßnahme begleiten und überwachen. Wir werden regelmäßig und unangemeldet mindestens einmal pro Woche vor Ort sein. Sie können mich beim Wort nehmen.”

Was vor Ort geplant ist, erläuterte Diplom-Geographin Frauke Kurth-Minga vom Altlasten-Sanierungsbüro Tauw aus Moers. Schon im Juli beginnt der Abbruch der Glasfabrik (ehemalige Philips-Bildröhrenproduktion). Von den Hallen stehen im Wesentlichen nur noch die Außenhüllen, Betongerüste mit stellenweise Ziegelmauern und großen Glasfenstern. Ein Riesenbagger bricht von oben herab die Mauern nieder, wobei eine Wasserkanone aufwirbelnden Staub mit einem Spezial-Feinwassernebel eindeckt und bindet. Der Abriss dauert bis Ende des Jahres.

Im September startet die Sanierung des ehemaligen Chemikalienlagers. Alle Gebäude werden abgerissen. In der ersten von drei Sanierungszonen kann der Boden problemlos entfernt werden, in den beiden anderen, nahe der Siedlung Fringsgraben, muss die Erde bis zu einer Tiefe von 15 Metern in einer „überschnittenen Großlochbohrung” komplett abgetragen werden. Bei dieser Technik wird von einem Kran ein 1,50 Meter breites Stahlrohr Loch über Loch schneidend „drehend und drückend” in den Untergrund getrieben, der kontaminierte Boden herausgezogen und das Loch mit „natürlichem, sauberem” Boden wieder verfüllt.

Die Arbeiten sollen ein Jahr dauern. Ein Anwohnerschutzkonzept verspricht gegen Staub, Gerüche und Lärm: Maschinen, die dem „Stand der Technik genügen”; Anfeuchten des Bodens; Reifenwaschanlage; Abtransport des Bodens und Bauschutts mit abgeplanten Lkw; Alarm und Bewetterung, das heißt Zuführen von Frischluft am Bohrloch bei Überschreitung der sicherheitshalber niedrig angesetzten Ausgasungswerte; Arbeitszeiten nicht vor 7 Uhr und nicht nach 20 Uhr; samstags und sonntags keine Arbeiten; 15 km/h Höchstgeschwindigkeit der Lkw auf dem Philips-Gelände; zwei Lkw-Routen im Industriepark mit den Ausfahrten Lilienthalstraße und Weißwasserstraße, wobei über die Weißwasserstraße-Hüttenstraße nur 15 Ptozent der anfallenden Fuhren abgewickelt werden.

Die Bürger in Rothe Erde werden regelmäßig weiter informiert. Einen Ansprechpartner der Bauleitung werden sie vor Ort antreffen. Auch kann der Sanierungsplan in aller Ruhe im Umweltamt eingesehen werden (Fachbereich Umwelt, Untere Bodenschutzbehörde, Reumontstraße 1). Die Protokolle aller Kontrollmessungen können eingesehen werden.

Die Besucher der vierten Info-Veranstaltung erhielten eine Liste mit Ansprechpartnern für die Sanierungsmaßnahmen. Herbert Hilgers beteuerte nochmals: „Wir sind nicht aus der Welt. Wenn Sie ein Problem haben, melden Sie sich bitte. Wir kommen vor Ort und gucken, wie wir Abhilfe schaffen können.” Und auch Frauke Kurth-Minga ermunterte: „Ärgern Sie sich nicht erst drei Wochen lang jeden Tag von Neuem. Schlucken Sie eventuellen Ärger nicht runter, melden Sie sich!” Ein Anwohner mit verhaltenem Optimismus: „Wollen wir hoffen, dat dat klappt.”