Aachen: „Blick hinter die Kulissen“: Kitsch, Glanz und Gloria auf der Bühne

Aachen : „Blick hinter die Kulissen“: Kitsch, Glanz und Gloria auf der Bühne

Wenn der Götter Herzen schmerzen, dann kann nur Glanz und Gloria helfen. So scheint zumindest die Taktik am Theater Aachen bei der Ausstattung der Schauspieler für die Oper „Ariadne auf Naxos“ zu sein. Das Werk des Wiener Komponisten Richard Strauss (1864-1949) wurde 1912 uraufgeführt und spielt zum einen im Haus eines Neurreichen, zum anderen auf der Insel Naxos, auf der sich die Großprinzessin Ariadne schließlich in den Gott Bacchus verliebt.

Ab Mai wird die Oper am Stadttheater aufgeführt. Für die Oper werden zweierlei Arten von Kostümen benötigt: „Es wird viele seriöse Kostüme im Stil von Wagners Interpretation der Nibelungensage geben, aber auch sehr extravagante, kitschige Gewänder“, sagt Renate Schwietert, Leiterin der Kostümabteilung.

Im Fundus im Mörgens untergebracht ist der Traum vieler Damen: Etwa eintausend Schuhe. Wenn für eine Aufführung aber ein bestimmtes Paar benötigt wird, dann finde man es meistens nicht, sagen die Experten aus der Kostümabteilung. Foto: Harald Krömer

Von der Idee einer Figur bis zum Gewand ist es ein weiter, aufwendiger Weg. „Einige Besucher glauben, dass wir die Kostüme sozusagen im Karnevalsladen kaufen“, sagt Schwietert. Weit gefehlt, erklärt sie, denn was die Darsteller auf der Bühne tragen, wird für jeden Bühnencharakter in jedem Stück neu entworfen, genäht, angepasst und extra noch auf alt getrimmt, damit es nicht neu und unrealistisch aussieht. Gefertigt werden diese Teile in der Kostümabteilung, die im Mörgens untergebracht ist.

Die Kostüme werden von freischaffenden Kostümbildnern entworfen. Sie zeichnen Bilder von den Gewändern, wie man es von Designs von Modeschöpfern kennt. Diese Bilder werden als Figurinen bezeichnet und vor Ort, im Mörgens umgesetzt. Für Ariadne stammen die sogenannten Figurinen von Merce Paloma aus Spanien. Sie hat bereits öfter für das Theater die Designs entworfen und reist extra einen Tag nach Aachen, damit sie in Zusammenarbeit mit Schneidern, Regisseur und Bühnenbildnern bei der Entwicklung der Gewänder helfen kann. „Es ist wichtig, dass das ganze Theater-Team in den Entwicklungsprozess der Gewänder einbezogen wird“, sagt Schwietert. Die Kleidungsstücke müssen je nach Beanspruchung angepasst werden können.

Damit aus den Zeichnungen aber auch Kleider werden, dafür gibt es im Mörgens mehrere Abteilungen: eine Damen- und eine Herrenschneiderei, eine Waschküche, in der Stoffe auch gefärbt und auf alt getrimmt werden, eine Anprobe sowie mehrere Lager — für Kostüme, Schuhe und Requisiten —, ein Stofflager und nicht zuletzt der Kombiraum, der einerseits als Hutlager dient, andererseits aber auch für die kreative Gestaltung der Kostüme.
Die Figurine wird von einer Leitungsgruppe des Theaters angenommen, dann landet sie bei Charlotte Thomasius.

Sie ist Gewandmeisterin und leitet die Schneidereien und die Anproben. Thomasius erarbeitet einen Schnitt, der dem Gewand der Figurine möglichst ähnlich wird. Nach diesem wird sozusagen das Grundgewand genäht und es folgt die erste Anprobe. Damit jedes Gewand auch zu dem jeweiligen Darsteller passt, „haben wir eine Liste mit den Maßen aller Mitarbeiter“, sagt Thomasius. „Nach den Feiertagen müssen wir die Darsteller meistens neu abmessen“, sagt sie und lacht.

Nach der ersten Anprobe folgen die Feinheiten: Was braucht der Darsteller für seine Rolle? Glitzer, Pailletten, oder — wie im Fall für das Kostüm der Ariadne — Muscheln. Diese werden dann in der Schneiderei oder im Kombiraum von Lydia Lambertz angefügt. Sie ist zuständig für das Kunstgewerbe, das heißt, sie bastelt alles, was benötigt wird. Für das pompöse Gewand der Ariadne waren anfangs echte Muscheln geplant. „Die sind aber zu schwer und zu zerbrechlich.“ Deshalb hat sie aus Stoff und mit Watte unterlegt selbst Muscheln hergestellt, die von etwas Entfernung wie echte aussehen. Sie färbt auch die Plastiktrauben golden ein, die an das Kostüm des Bacchus gehängt werden. „Abputz“ nennt man die Feinheiten, um die sich Lambertz kümmert. Sie ist auch die Herrin der Waschküche, in der sie die Stoffe „altern“ lässt oder das Blut in die Hemden färbt, wenn ein Darsteller auf der Bühne verletzt wirken soll.

Bei der zweiten Anprobe sollte das Gewand dann im Großen und Ganzen fertig sein. Es geht nur noch um letzte Änderungen und Anpassungen.

„Die Entstehung der Gewänder ist ein Gemeinschaftsprodukt“, sagt Schwietert. Ohne Regisseur und Bühnenbildner kann ein Kostüm, das auf den Brettern, die die Welt bedeuten, bestehen will, nicht zustande kommen. „Wir müssen wissen, was der Künstler auf der Bühne anstellt — ob er auf dem Boden kriechen muss, ob an ihm gezerrt wird.“ Nur dann könne der richtige Stoff gewählt werden. So kommt es auch, dass der Hosenstoff des Harlekins für die Oper eigentlich nicht gut tragbar ist, jedenfalls nicht direkt auf der Haut. „Deshalb wurde eine Hose in die Hose genäht“, erklärt Schwietert.

Die fertigen Kostüme sind dann robust genug, um die etwa 20 Aufführungen zu überstehen. Für jeden Künstler gibt es in der Regel nur ein Kostüm.

Weil es aber oft rund geht auf der Bühne, laufen Thomasius und ihre Kollegen aus den Schneidereien bei den Vorführungen im Hintergrund mit, nähen hier einen Ärmel wieder ganz an, dort einen Kragen.
Tausende Kostüme sind im großen und im kleinen Fundus im Theater untergebracht, hinzu kommen etwa 1000 Schuhe. „Aber wenn man etwas sucht, dann kann man sicher sein, dass man es nicht findet“, sagt Schwietert und lacht.

Als sei es mit den extravaganten Gewändern für die Aufführungen nicht genug, so muss die Kostümabteilung die Darsteller auch mit Kleidung versorgen, die der für die Bühne möglichst ähnlich ist, von Gewicht und Form. „Denn in den Bühnenkostümen wird nur wenige Male geprobt“, erklärt Schwietert, dass die Probengewänder dem Auftrittskostüm möglichst ähnlich sein müssen. „Der Darsteller muss wissen, spüren, wie er sich darin bewegen kann, auch wenn er es noch nicht trägt.“

Schwietert ist seit 16 Jahren beim Theater Aachen, zuvor war sie freiberuflich als Kostümbildnerin tätig. „Der Beruf ist sehr abwechslungsreich — und eine Aufführung, wie die Oper ‚Ariadne‘ natürlich besonders spannend.“ Und damit alles perfekt ist, kommt bei dieser Oper eine extra Ladung Glanz und Kitsch zum Einsatz.

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