Aachen: „Blick hinter die Kulissen“: Auf ein Stelldichein mit den Burgherren

Aachen : „Blick hinter die Kulissen“: Auf ein Stelldichein mit den Burgherren

Zwei Stunden bevor die Spots hell leuchtend die Bühne anstrahlen, die ersten Worte fallen und sich alle Blicke erwartungsvoll auf einen mit Kunstblumen geschmückten Pavillon richten, geht es auf der Burg Frankenberg erstaunlich gemütlich zu. Von Hektik oder Nervosität weit und breit keine Spur. Und das, obwohl in nicht mehr ganz zwei Stunden das Theaterstück „Was ihr wollt“ von William Shakespeare an Ort und Stelle aufgeführt werden muss

„Der Abendablauf ist sehr entspannt, das hat sich alles eingespielt“, sagt Tom Hirtz, Intendant des Das Da Theaters, und schaut wie ein Burgherr über die herrlich idyllische Kulisse, die auf dem sonst leeren Hof der Burg errichtet wurde.

Vor dieser märchenhaften Kulisse in der Burg Frankenberg treten die Schauspieler des Das Da Theaters noch bis zum 23. Juli sechs Mal pro Woche auf, um William Shakespeares „Was ihr wollt“ zu spielen. Dafür wurde eigens eine Burg in die Burg gebaut. Foto: Andreas Herrmann

So ein bisschen sind Hirtz und seine Kollegen manchmal sogar tatsächlich Burgherren. Schließlich hat der Intendant immer im Sommer den Schlüssel zum alten Gemäuer — und das schon seit 1991. Wie schon in den 25 Jahren zuvor hat sich das Das Da Theater auch in diesem Jahr über den Sommer wieder in der Burg einquartiert und mit viel Fantasie und jeder Menge Arbeit eine Burg in der Burg geschaffen. Vier Wochen hat der Aufbau in Anspruch genommen, rund ein Jahr zuvor haben bereits die ersten Vorbereitungen begonnen. Und in diesen Wochen spielt das Theater noch bis zum 23. Juli an sechs Tagen pro Woche das Stück „Was ihr wollt“ an genau diesem Platz.

Vor dieser märchenhaften Kulisse in der Burg Frankenberg treten die Schauspieler des Das Da Theaters noch bis zum 23. Juli sechs Mal pro Woche auf, um William Shakespeares „Was ihr wollt“ zu spielen. Dafür wurde eigens eine Burg in die Burg gebaut. Foto: Andreas Herrmann

Logistische Meisterleistung

Vor dieser märchenhaften Kulisse in der Burg Frankenberg treten die Schauspieler des Das Da Theaters noch bis zum 23. Juli sechs Mal pro Woche auf, um William Shakespeares „Was ihr wollt“ zu spielen. Dafür wurde eigens eine Burg in die Burg gebaut. Foto: Andreas Herrmann

So entspannt wie an diesem Abend war es in den ersten Wochen natürlich nicht. „Alles, was wir brauchen, um die Burg zum Theater zu machen, mussten wir hierher bringen“, sagt Hirtz. Das beginnt mit den Materialien für den erbauten Turm und das Gerüst, geht weiter über Dekoration, Kostüme, Schminke, technische Ausrüstung bis hin zu den Sitzen und eine kleine Bar fürs Publikum. Eine logistische Meisterleistung auf engem Raum.

dasda. Foto: Andreas Herrmann

Hirtz ist es wichtig, dass der Zuschauer den Unterschied zwischen Realität und Theaterkulisse nur schwer erkennen kann. Daher wurde der Turm, den Bühnenbildner Frank Rommerskirchen entworfen und geplant hat, so in die Burg integriert, dass ihn Ahnungslose auf den ersten Blick der Burg Frankenberg zuordnen würden. Dabei steckt dahinter eine Stahlkonstruktion, ummantelt von einer Menge Holz und Farbe.

Diese Gestaltung fällt Rommerskirchen so leicht, da er es schon seit vielen Jahren macht, die genauen Maße und Daten der Burg auf dem Computer gespeichert hat und so schon im Vorjahr ein 3D-Modell für die Kulisse zu „Was ihr wollt“ entwickeln konnte. „Wir sind seit so vielen Jahren auf der Burg, da haben wir viel Routine entwickelt und kennen inzwischen jeden Stein“, sagt Hirtz.

Trotz aller Routine sieht das Bühnenbild dennoch in jedem Jahr völlig anders aus, nie sind die Zuschauerplätze wie im Vorjahr angebracht. Nie steht alles am selben Platz. Das, was sich häufig wiederfinden lässt, sind lediglich die Materialien. „Wir lagern alles, was man noch verwenden kann, ein. Zum einen möchten wir damit die Umwelt schonen und nicht alles wegwerfen, zum anderen sparen wir so auch Kosten“, so Hirtz weiter.

„Der Hof wird zur Werkstatt“

Auch wenn Vieles wiederverwendet werden kann, muss es stets neu ausgerichtet werden. „Wir passen die Sitzplätze der Kulisse an und möchten, dass jeder Gast auch alles gut sehen kann. Daher werden die Zuschauerränge individuell gestaltet — bei jedem Stück“, erklärt Hirtz. Alle Arbeiten werden zudem vor Ort vorgenommen, das Holz in Form gesägt und festgeschraubt. „Die einzelnen Elemente sind zum Teil so groß, dass es einfacher für uns ist, es hier zu machen und nicht im Theater“, sagt Hirtz. „Der Hof wird dann zur Werkstatt.“

Das Einzige, was immer gleich gut sein muss, ist die Qualität der Materialien, die schließlich wasserfest sein müssen. „In diesem Jahr haben wir bislang Toscana-Wetter“, sagt Hirtz und klopft vorsorglich auf Holz. „Es heißt ja immer, dass in Aachen das Wetter schlecht ist, aber das können wir gar nicht so bestätigen“, fügt er hinzu. Es habe trotz vieler guter Jahre aber auch schon die Schlecht-Wetter-Variante gegeben. Da mussten teilweise Aufführungen unterbrochen werden. „Die Zuschauer kennen das. Viele von ihnen sind Stammtheaterbesucher und bringen Capes mit. Sie sind bestens vorbereitet“, sagt Hirtz. „Aber im Zweifelsfall muss auch das gesamte Equipment acht Wochen Regen aushalten können.“

Spezielle und empfindliche Scheinwerfer werden daher jeden Abend aufs Neue angebracht und nach der Aufführung abgebaut. Und auch die Lautsprecher werden über Nacht vorsorglich gut verpackt. Die Dekoration hat Ausstatterin Nadine Dupont ebenfalls möglichen Wetterüberraschungen angepasst. Und die Mikrofone, die die Schauspieler benutzen, sind ferngesteuert und werden ebenfalls Abend für Abend weg- und am nächsten Tag wieder ausgepackt.

Würde das Stück im Das Da Theater an der Liebigstraße gespielt, hätten sie vermutlich nicht mal ein Mikrofon. „Hier auf der Burg gibt es viele Störgeräusche. Es fliegen Flugzeuge über uns hinweg, Sirenen sind zu hören, bellende Hunde und vieles mehr. Würden die Schauspieler ohne Mikrofon sprechen, wären sie dann im Zweifel kurz nicht zu hören und das wollen wir vermeiden“, sagt der Intendant. Bei „Was ihr wollt“ finden 130 Zuschauer Platz — und da es keine Preisstaffelung gibt, solle jeder eine gute Qualität erwarten dürfen, egal auf welchem Platz.

Hündin Hera sorgt für Ruhe

Dafür sorgen auch die Schauspieler. Rund anderthalb Stunden vor Beginn der Vorstellung schlüpfen sie in der Garderobe, die in einem Vortragsraum in der Burg eingerichtet wurde, so langsam in ihre Kostüme, zupfen die Perücken zurecht, schminken sich und wärmen ihre Stimmen mit Sprach- und Gesangsübungen auf. Auch hier ist es ruhig, niemand wirkt hektisch. „Das Gute am Theater ist, dass man viel Zeit zum Proben hat. Das sind alles Profis und ausgebildete Schauspieler“, so Hirtz. Für noch mehr Entspannung sorgt derweil seine Hündin Hera, die auch immer mit dabei sein darf. Der Theaterhund begrüßt alle Schauspieler, Techniker und Helfer schwanzwedelnd und bringt jeden zum Lächeln. Eine schönere Arbeitsatmosphäre kann man sich wohl kaum vorstellen.

Während Techniker Timo Pappert gemeinsam mit Hirtz und Abendspielleiter Jürgen Melzer noch die Scheinwerfer einstellt und jeden einzelnen kontrolliert, kommen die Schauspieler so langsam auf die Bühne. Pappert testet nun noch ihre Mikrofone und sorgt für den technischen Feinschliff. Dann bleibt noch ein wenig Zeit für ein Schwätzchen und zum Ausatmen. „So früh waren wir noch nie fertig“, sagt Schauspielerin Lina Kmiecik. Am Eingang warten sie nun auf die Zuschauer, um sie dann ab 21 Uhr in die Welt von William Shakespeare zu entführen.

Draußen stehen die Zuschauer derweil schon Schlange. In gut 20 Minuten geht es los. Während die Schauspieler dann vielleicht doch ein wenig nervös werden, dürfen sie es sich gemütlich machen.

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