Aachen: Bildung für nachhaltige Entwicklung: Schüler gehen unter die Imker

Aachen : Bildung für nachhaltige Entwicklung: Schüler gehen unter die Imker

Die Schulgemeinschaft an der 4. Aachener Gesamtschule hat am Mittwoch auf einen Schlag ein paar zehntausend neue Mitglieder bekommen. Mit Mathe oder Englisch darf man den Neuen nicht kommen. Dafür aber werden sie mit ziemlicher Sicherheit ab Sommer das Schulleben versüßen — mit Honig aus eigener Produktion.

Aachens jüngste Gesamtschule geht unter die Bienenzüchter. Am Mittwoch brachte Imker Klaus Georg Geller die beiden Völker in die Schule. In ihren Bienenstöcken — den sogenannten Beuten — leben die Insekten ab sofort ganz hinten auf dem Schulgelände.

Fünftklässler Marc aus der Bienen-AG (Bild oben) darf bei der Ankunft der Bienenvölker die Schutzkleidung erstmals einsetzen. Imker Klaus Georg Geller (unten, links) bringt nicht nur rund 45 000 Bienen mit, sondern auch die ersten Honig-Kostproben (unten, rechts). Foto: Heike Lachmann

Schülerinnen und Schüler und auch Kinder der benachbarten Kita Bergstraße verfolgten im Nieselregen gespannt, wie Geller aus unscheinbaren Kisten Rahmen für Rahmen voller Bienen herausnahm und in die vorbereiteten Beuten einsetzte. „Das hier ist ein Bienenmann“, erklärte der Imker den Kleinen aus der Kita. „Den könnt Ihr in die Hand nehmen. Der kann nicht stechen.“ Und dann vergaßen die Kinder alles um sich herum, und der Bienenmann wurde andächtig von einer kleinen Hand in die andere weitergereicht.

Fünftklässler Marc aus der Bienen-AG (Bild oben) darf bei der Ankunft der Bienenvölker die Schutzkleidung erstmals einsetzen. Imker Klaus Georg Geller (unten, links) bringt nicht nur rund 45 000 Bienen mit, sondern auch die ersten Honig-Kostproben (unten, rechts). Foto: Heike Lachmann

Die Gesamtschule an der Sandkaulstraße befasst sich nicht aus Jux und Dollerei mit der Imkerei. Der Einzug der Bienen ist ein Baustein im Bemühen um Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), wie Schulleiter Hanno Bennemann erläutert. Die Schule fühlt sich den 17 Globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung (Global Goals for Sustainable Development) verpflichtet, die die Weltgemeinschaft 2015 als die drängendsten für den Planeten definiert hat. Es geht darum, extreme Armut zu beseitigen, Ungleichheit zu bekämpfen und den Klimawandel aufzuhalten. „Das Insektensterben ist ein aktuelles Thema, das auch den Schülern sehr am Herzen liegt“, erläutert Biologielehrerin und Projektleiterin Regina Blümlein-Krieger.

Die Beschäftigung mit den Bienen passt laut Hanno Bennemann aber auch bestens zum handlungsorientierten Lernen, das in der Gesamtschule zu den Prinzipien gehört: „Die Kinder sollen am Leben lernen. Dafür holen wir das Leben in die Schule.“

Honigschleuder und Smoker

Der Förderverein der Schule hat den Ankauf der beiden Bienenvölker finanziert. All das Gerät, das man zum Imkern braucht, stellt die Imkerei Geller zur Verfügung: von den Beuten über die Honigschleuder bis hin zu Schleiern, Handschuhen und dem sogenannten Smoker, der beruhigenden Rauch produzieren, wenn der Imker am Bienenstock hantiert. All das kam am Mittwochmorgen auch schon zum Einsatz. Fünftklässler Marc von der Bienen-AG durfte mit Schutzhaube und Handschuhen direkt neben den Bienenstöcken stehen.

Stichwort Imker: Hanno Bennemann, Regina Blümlein-Krieger und ihre Kollegin Linda Langer gehen bereits beim Imkerverein in die Lehre, um sich in Seminaren am Wochenende das nötige Fachwissen anzueignen. Schließlich sind sie wild entschlossen, im Sommer Honig zu ernten. Derzeit leben in jedem der beiden Bienenvölker 20.000 bis 25.000 Tiere, schätzt der Imker. „Bis zum Sommer wächst jedes Volk auf 40.000 Tiere“, erwartet er.

Schülerinnen und Schüler haben sich im Biologieunterricht mit dem Thema Bienen beschäftigt und auch ganz praktisch bei den Vorbereitungen für den Einzug der Bienen geholfen. „Die Kinder wollen diese Themen nicht nur in der Theorie behandeln“, stellt Blümlein-Krieger fest. „Sie wollen mit anpacken.“

Die Bienen werden auch das Schulgelände verändern, kündigt die Lehrerin an: „Wir wollen den langweiligen Schulgarten zu einem Lebensraum verändern.“ Die Hochbeete sind schon angelegt, Bäume und Büsche werden noch gepflanzt, und eine Rasenfläche soll zur Wildblumenwiese werden. Auf der Suche nach Pollen und Nektar kommen Bienen allerdings viel weiter herum. „Bienen fliegen in einem Umkreis von sechs Kilometern“, berichtet die Biologielehrerin.

Naturnahe Angebote

Die Gesamtschüler arbeiten nicht allein für nachhaltige Entwicklung. Auch die Nachbarn werden einbezogen. Die 4. Gesamtschule geht mit der Kindertagesstätte Bergstraße und der Grundschule Am Lousberg dafür eine offizielle Kooperation ein. Nächste Woche wird der Vertrag unterschrieben. Kleine und große Kinder sollen die Chance haben, miteinander und voneinander zu lernen. Gemeinsam wolle man naturnahe Angebote auf den Weg bringen, sagt Kita-Leiter Jürgen Starkes.

Besonders die Jungen und Mädchen aus der Bienen-AG sind jetzt ganz gespannt, wie es weitergeht mit den Neuen in der Schule. Paul und Leonhard können es gar nicht erwarten, mit den Tieren zu arbeiten. „Und wer Bienen hat, achtet ganz anders aufs Wetter und darauf, was gerade blüht“, weiß Imker Geller.

Ian aus der Jahrgangsstufe 9 ist zu alt für die Bienen-AG. Er kümmert sich in seiner Freizeit um das Projekt und besucht sogar zusammen mit seinen Lehrern den Imkerkurs.

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