Aachen: Bierdeckelaktion soll auf Zwangsprostitution aufmerksam machen

Aachen : Bierdeckelaktion soll auf Zwangsprostitution aufmerksam machen

„20 Stunden Sex am Stück, oder Ivana sieht ihre Kinder nie wieder.“ Bierdeckel mit dieser Aufschrift werden derzeit in den Lokalen der Pontstraße verteilt, um auf ein höchst sensibles Thema aufmerksam zu machen. „Denn Zwangsprostitution findet auch in Aachen statt, auch wenn niemand gerne offen darüber spricht“, so der Fachausschuss Prostitution.

Meist sind es Frauen aus südosteuropäischen und afrikanischen Ländern, die unter Vortäuschung falscher Tatsachen nach Deutschland gelockt wurden und dann in einem Bordell landen. „Und viele Freier wissen nicht einmal, dass die Frauen dort ihnen nicht freiwillig zu Diensten sind“, sagt der Fachausschuss. Er setzt sich für diese Frauen ein und rückt damit auch das Thema Zwangsprostitution einmal mehr in den Blick.

„Alle verdienen an diesen Frauen, aber keiner setzt sich für sie ein“, sagt eine Beraterin der Beratungsstelle Solwodi. Solwodi unterstützt Prostituierte, wann immer sie Hilfe brauchen, und hat auch in der Antoniusstraße eine Anlaufstelle. „Es sind nur ein paar Schritte bis zu diesem Hilfsangebot, aber für die Frauen ist es oft wie eine Reise durch die halbe Welt“, meint Ellen Begolli von den Aachener Linken. Sie spricht von „Sex-Sklaverei“ und meint, dass dieser Begriff besser auf den Punkt bringt, was da eigentlich geschieht.

„Kaum eine der Frauen mag sich vorgestellt haben, was sie in Deutschland erwartet“, sagt die Beraterin von Solwodi. „Die Frauen leben in ihren Heimatländern in prekären Verhältnissen und kommen nach Deutschland, weil sie hoffen, hier Arbeit zu finden, damit sie ihre Familien unterstützen können.“ Stattdessen würden sie „mit der Not im Nacken“ in die Zwangsprostitution getrieben.

Und daraus gibt es nur sehr schwer ein Entrinnen, so Solwodi. Denn entschließt sich eine Frau auszusteigen, scheitert sie oft schon daran, dass sie keine Arbeit findet. Solwodi wünscht sich, dass mehr Arbeitgeber niedrigschwellige Jobs für diese Frauen zur Verfügung stellen. Laut Ellen Begolli lebt das ganze System von einer doppelten Moral. Einerseits sei Prostitution in Deutschland legal, die Prostituierten bezahlten Steuern wie in jedem anderen Gewerbe auch, aber anderseits blieben sie von vielen sozialen Hilfssystemen ausgeschlossen.

Demnach würde sich keine Krankenkasse bereiterklären, sie als Mitglied aufzunehmen. Die Konsequenz: Die Frauen müssen für ihre Gesundheit teuer bezahlen und private Leistungen in Anspruch nehmen. Auch das Leben in der Antoniusstraße sei sehr teuer, moniert Solwodi. Demnach wird bei den Frauen überall über die Maßen abkassiert. Die frisch gedruckten 20.000 Bierdeckel sollen auf das Thema aufmerksam machen. Der Fachausschuss hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Situation dieser Frauen zu verbessern. Denn sie sind auf Unterstützung angewiesen, zumal sie oft aus Angst vor massiven Konsequenzen darauf verzichten, sich der Polizei oder den Beratungsstellen zu öffnen.

Enorm wichtig ist laut Fachausschuss, dass das Thema in der Öffentlichkeit besprochen wird. Und dass vor allem die Freier genau hinsehen und sich fragen, wen sie vor sich haben. Denn um der Ratlosigkeit und der Überforderung, die dieses Thema oft hervorrufe, zu begegnen, sei es am besten, immer wieder offen darüber zu sprechen, meint der Fachausschuss. Und genau dazu sollen die Bierdeckel jetzt anregen.

Im Fachausschuss Prostitution finden sich unter anderem Vertreterinnen der Ratsfraktionen, von Beratungsstellen, aber auch von Polizei und Staatsanwaltschaft. „Hier ziehen wir ganz unabhängig von unserer Parteizugehörigkeit an einem Strang“, betont Uschi Brammertz (CDU). Gerade Aachen sei wegen seiner Nähe zu den Niederlanden und Belgien ein Umschlagplatz für Menschenhandel und Zwangsprostitution. Umso mehr sei man in der Verantwortung, sich um diese Themen zu kümmern.

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