Bezirksregierung genehmigt die "Zeelink"-Trasse in Aachen

„Zeelink“-Trasse : Mit der Pipeline kommt auch die Angst

In Aldenhoven ist es glimpflich ausgegangen. Als am Montag dort eine Ferngasleitung aus bislang unbekanntem Grund leckschlug, wurden Erde und Asphalt weit durch die Luft geschleudert, ein Auto „versank“ in einem Erdloch, Hunderte Anwohner mussten mitten in der Nacht evakuiert werden, morgens blieben ein Kindergarten und eine Schule geschlossen.

Aber zum Glück entzündete sich das Gas nicht. Eine Explosion blieb aus. Das hätte weitaus schlimmere Folgen gehabt.

Ein Forschungsbericht der Bundesanstalt für Materialsicherheit besagt, dass im Falle einer solchen Explosion bis in eine Entfernung von 250 Metern keine Überlebenschancen bestehen. 2004 explodierte in Belgien eine Pipeline. 24 Menschen starben, Autos verbrannten noch in einer Entfernung von 500 Metern. Da verwundert es nicht, dass in Brand die Angst vor einer solchen Havarie bald bei einigen hundert Anwohnern zum Lebensbegleiter wird. Denn dort im Bereich der Eckenerstraße und den umliegenden Straßen wird alsbald die Trasse einer Gaspipeline verlaufen – teils nur wenige Meter von den Häusern und einer Tankstelle entfernt.

„Schutz der Menschen geht vor“

„Zeelink“ ist der Name der Röhre, die von der belgischen Grenze bei Lichtenbusch bis ins Münsterland gebaut wird – insgesamt 13 Kilometer auf Aachener Gebiet. „Ursprünglich hatte Bauherr „Open Grid ­Europe“ aus Essen eine andere Trasse bei der Bezirksregierung angemeldet. Diese wäre weiter südlich verlaufen, streckenweise durch das Naturschutzgebiet Indetal. Dagegen gab es massiven Protest aus der Verwaltung, der Politik und von Bürgern. OGE schwenkte um und nahm eine Trasse ins Visier, die weitgehend entlang der Autobahn 44 verläuft.

Ursprünglich sollte die Pipeline durchs Indetal laufen. Doch auch dagegen gab es Protest – der erfolgreich war. Foto: Heike Lachmann

Klingt erstmal gut, ist für besagte Anwohner aber schlecht. Auch dort bildete sich eine Bürgerinitiative, die jedoch weit weniger Gehör fand. „Dabei sollte man doch meinen, dass der Schutz der Menschen vor dem Schutz der Natur geht“, ärgert sich Lothar Hartwig, dessen Haus an der Eckenerstraße nur 150 Meter von der neuen Trasse entfernt steht. Andere sind sogar noch näher dran. Mehrere hundert Anwohner machten ihre Bedenken im Planfeststellungsverfahren offiziell geltend. Doch damit fuhren sie gegen den behördlichen Prellbock. Die Bezirksregierung hat die Trasse vor wenigen Tagen fast ohne Auflagen genehmigt.

„Rattenschwanz von Folgen“

 Das ärgert Lothar Hartwig maßlos. So werde der Brander Wall ebenso untertunnelt wie im weiteren Verlauf die Kompostanlage an der Debyestraße. Nicht aber das kleine Waldstück hinter den Häusern, wo dies Aussagen von OGE zufolge – so berichtet es Hartwig aus einem Anhörungstermin – rein technisch auch möglich gewesen wäre. Stattdessen werde dieser Grünstreifen nun weitgehend abgeholzt, was auch noch dazu führe, dass der einzige Lärmschutz zur Autobahn hin verlorengehe, „Es ist ein Rattenschwanz von Folgen, die das nach sich zieht“, so Hartwig. Auch der Wertverlust der Häuser gehöre dazu.

Im Vordergrund stehen für die Anwohner aber die Sicherheitsbedenken. Denen folgt die Bezirksregierung nicht. Seitens des TÜV Nord hätten zwei Sachverständige eine Studie „einschließlich einer systematischen Gefahrenbetrachtung“ angefertigt. Die Gutachter hätten die „technische Sicherheit der Erdgasfernleitung Zeelink nach Maßgabe der geltenden rechtlichen Bestimmungen“ bestätigt. Das Gutachten sei „für die Planfeststellungsbehörde verständlich und plausibel nachvollziehbar und es bestehen keine Anhaltspunkte, die es erforderlich machen würden, dieses in Frage zu stellen“. Zudem zitiert die Behörde ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster, in dem eine Klage in einem ähnlichen Fall abgewiesen wurde.

Die Bezirksregierung hält Sicherheitsrisiken durch die neue Pipeline für nahezu ausgeschlossen. Doch wie schnell es gehen kann, hat sich am Montag in Aldenhoven gezeigt, als ein Leck für große Schäden sorgte. Foto: Karl Stüber

„Schutzlos ausgeliefert“

Auch Boris Cudina, der ebenfalls in dem Gebiet wohnt, hat sich intensiv durch Regelwerke und einschlägige Fachliteratur gearbeitet. Als technischer Controller ist er ohnehin kein Laie in Sicherheitsfragen. Die Abhandlung ebendieser auf wenigen Seiten im Planfeststellungsbeschluss hält er für einen Skandal. Es gebe keinerlei Schutzvorkehrungen für den Fall einer Havarie. Die Wohngebiete und die dort lebenden Menschen seien „den Folgen schutzlos ausgeliefert“, sagt er.

Auch die Kita Schagenstraße und die Brander Gesamtschule lägen nahe der Trasse. Und: Sabotage oder gar einem terroristischen Akt sei nichts entgegengesetzt. Während die Bezirksregierung glaubt, eine solche Sabotage sei mit „aufwändigen Erdarbeiten“ verbunden, die „nicht unbemerkt bleiben würden“, sieht Cudina das anders: Die Pipeline liege nur 1,20 Meter unter der Oberfläche, sie anzubohren sei eine Leichtigkeit. Behördlicherseits heißt es: „Das Risiko, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden, gehört zum allgemeinen Lebensrisiko, welchem ein jeder täglich ausgesetzt ist. Vollständig ausgeschlossen werden kann dieses nicht. Durch den Bau der Erdgasfernleitung Zeelink wird dieses jedoch nicht signifikant erhöht.“

Die Bezirksregierung führt aus, dass „die Variante Indetal bezüglich des Schutzgutes Mensch vorzugwürdig“ sei. Jedoch entstünden bei der jetzigen Trasse „keine erheblichen Auswirkungen, die das Leben, die Gesundheit oder das Wohlbefinden des Menschen beeinträchtigen“. Fazit der Behörde: „Zeelink“ erfülle „alle an sie zu stellenden, aktuellen rechtlichen und technischen Anforderungen“. So sei davon auszugehen, „dass dadurch die Sicherheit der Umgebung gewährleistet ist und insbesondere schädliche Einwirkungen auf Mensch und Umwelt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermieden werden“. Bei den Brander Anwohnern aber bleiben Angst und Ärger. Und die Betroffenen des Vorfalls in Aldenhoven-Siersdorf werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit froh sein, dass sie mit dem Schrecken und ein paar Blechschäden davongekommen sind.

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