Aachen: Bezahlbarer Wohnraum wird in Aachen immer knapper

Aachen : Bezahlbarer Wohnraum wird in Aachen immer knapper

Es ist ein Trend, auf den Bernhard Verholen gerne verzichten würde, der aber seiner Meinung nach in Aachen voll eingeschlagen hat: Es gibt viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum für viel zu viele Menschen, die diesen dringend benötigen. Für den Caritas-Vorstand ist die Situation dramatisch.

„Aachen reiht sich leider in den bundespolitischen Trend ein, dass nur ein Drittel des benötigten sozialen Wohnraums gebaut wird.“ Und das, obwohl die Stadt versucht gegenzusteuern: Wo immer sie Einfluss nehmen kann, verpflichtet sie seit 2014 Investoren und Bauherren zum Bau öffentlich geförderter Wohnungen — in der Regel wird eine Quote von 30 Prozent angestrebt.

Doch immer mehr einstige Sozialwohnungen fallen aus der Mietpreisbindung heraus, ohne dass ausreichender Ersatz geschaffen wird, wie der aktuelle Wohnungsmarktbericht zeigt. Inzwischen liegt demzufolge der Bestand der öffentlich geförderten Wohnungen unter 10.000 — mehr als 4000 werden in den kommenden zehn Jahren aus der Bindungsfrist fallen.

Problem hat sich verschärft

Leidtragende seien dabei längst nicht mehr nur Kinderreiche, Alleinerziehende, Migranten oder Einkommensschwache, wie die Caritas betont. Das Problem reiche „bis in die Mitte der Gesellschaft“. Ob Auszubildende, Studierende oder Menschen, die aus familiären oder beruflichen Gründen umziehen müssen, sie alle könnten ein Lied davon singen. Zudem sei es für Menschen mit psychischen Problemen kaum möglich, in einem regulären Mietverhältnis unterzukommen.

Wie stark sich die Wohnungsnot in Aachen verschärft hat, veranschaulicht Verholen am Beispiel der ehrenamtlichen Beratung, mit der die Caritas Migranten bei der Wohnungssuche unterstützt. So hätten die Helfer im Jahr 2016 noch zehn Migranten erfolgreich vermitteln können, im vergangenen Jahr allerdings keinen einzigen. Ein ähnliches Bild zeigt der Wohnungsmarktbericht der Stadt Aachen: Beim Fachbereich Wohnen, Soziales und Integration konnte im Jahr 2016 nur jedem dritten Antragsteller eine öffentlich geförderte Wohnung vermittelt werden. 2004 lag die Vermittlungsquote noch bei rund 80 Prozent.

Dass die Wohnraumversorgung Untersuchungen zufolge in der Bevölkerung als eines der besonders drängenden Probleme gesehen werde — „75 Prozent werten Wohnungsverlust als hohes Risiko“ — überrascht den Caritas-Vorstand deshalb nicht.

Die Quotenregelung der Stadt Aachen bei größeren Bauvorhaben sei deshalb ein wichtiger Schritt. Doch auch darüber hinaus seien Anstrengungen nötig, um die Wohnungsnot langfristig zu bekämpfen. „Sinnvoll kann auch die Vergabe kommunaler Grundstücke in Erbpacht sein“, teilt Verholen mit.

Darüber hinaus fordert der Caritas-Vorstand, dass die Bindungsfristen für Sozialwohnungen auf 25 bis 30 Jahre ausgeweitet werden. „Vorrangige Aufgabe kommunaler Wohnungsbaugesellschaften muss es sein, günstigen Wohnraum zu schaffen oder vorzuhalten. Stadtplanung sollte darauf achten, dass im Rahmen von Gebäudemodernisierungsvorhaben Bestandsmieter nicht aus dem jeweiligen Quartier verdrängt werden wegen Unbezahlbarkeit.“

Auch die Infrastruktur einer Stadt spiele beim Thema Wohnen eine Rolle. So glaubt Verholen, dass sich die hiesigen Studenten bei der Wohnungssuche nicht so stark auf den Innenstadtbereich konzentrieren würden, wenn die Campus-Bahn gebaut worden wäre. „Viele Dinge hängen zusammen.“

Auch Vermieter sind gefordert

Doch nicht nur die Politik sei gefordert. Auch die breite Bevölkerung — allen voran Vermieter — müssten für das Thema sensibilisiert werden. „Wen möchte ich in meiner Nachbarschaft haben? An wen vermiete ich diese Wohnung? Bei der Beantwortung dieser Fragen spielen auch oft Vorurteile eine Rolle.“ Umso wichtiger sei es, dass „artikulationsschwache Gruppen und Personen“ durch Beteiligungsprozesse in Stadtvierteln mit Hilfe von Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit Gehör finden.

Dass sich das Problem innerhalb von ein bis zwei Jahren nicht lösen lässt, weiß Verholen. „Es hilft wenig, in Aktionismus zu verfallen.“ Nötig seien stattdessen langfristige Strategien.

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