Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy erzählt vom Hof "4 Linden"

Kindheit in Aachen : Einfach noch ein bisschen geradeaus

Der „4 Linden“-Hof in Laurensberg lädt zum Tag der offenen Tür. Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy war schon da und erzählt von Heimat, Hühnern und hehren Idealen.

Ich kenne meine alte Heimat. Ich weiß, wie es dort aussieht, und ich weiß sogar, wie es dort mal ausgesehen hat. Ich bin endlich alt genug für sentimentale Erinnerungen. Da, wo das „Anne-Frank-Gymnasium“ steht, habe ich Indianer gespielt und Kuhfladen angezündet. Wo Bürogebäude und ein Paintball-Park entstanden sind, habe ich Mutproben abgelegt, bin im Dunkeln über den Kohleberg geschlichen und in eine Fabrik-Ruine mit unheimlichen, blinden Fenstern eingestiegen.

Klingelmäuschen spielen

Die Straße, in der ich aufgewachsen bin, ist 2549 Meter lang. Ungefähr bei Meter 250 wurde vor 40 Jahren mein kleiner Hund überfahren, bei Meter 400 wohnte Frau H. die wunderbare Kekse backte, auf Höhe von Meter 1050 wurde ich beim Klingelmäuschen erwischt, auf 2000 Metern fiel ich vom Rad.

Und wenn man von dort aus noch ein wenig weiter fährt, immer geradeaus, da wo meine Straße fast zu Ende ist, dann kann man bei Meter 2503 einem Wunder begegnen. Und das ist kein Witz, und übertrieben ist es auch nicht.

Vor fast 40 Jahren wechselte in der Karl-Friedrich-Straße ein verfallenes Häuschen den Besitzer. Der neue war ein Idealist, ein Spinner, der wenig Geld und viele Ideen hatte – und der gesegnet war mit Langmut und dem nötigen Trotz, den es braucht, wenn man etwas Außergewöhnliches erschaffen will.

Er pflanzte und plante, er baute mit seinen eigenen Händen ein Fachwerkhaus aus Lehm und Holz und einem Dach aus Stroh, er kaufte Land dazu, Tiere und eine Kutsche, ein altes Bauernhaus aus Westfalen trug er ab und baute es in seinem kleinen, großen Reich wieder auf.

Der Ort, von dem ich dachte, dass er nur in den Phantasien von Buchautoren existieren würde, heißt „4 Linden“. Er ist das bunteste, ungewöhnlichste und zauberhafteste Stückchen Welt, das man sich vorstellen kann. Ein durch und durch ökologischer, nachhaltiger, kreativer Hof mit Eseln, Bienen, Ziegen, Hunden, Hühnern und Enten. Es wimmelt von Kuriosem und Schönem, von noch unausgereiften Ideen, Ecken zum entdecken, Ruhepolen und Natur-Motiven, die Postkarten und Coffee-Table-Books zieren könnten.

Meine Kinder waren hier so glücklich und so dreckig wie nie. Spaß statt Sagrotan. Natur statt Kulturbeutel und unter den Fingernägeln Schmutz, der mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu entfernen ist. Die Domführung haben sie mit Entenkacke an den Schuhen absolviert.

Ich habe hier in einem alten Zirkuswagen gewohnt, selbstgemachte Marmelade gegessen, Eier gesucht, Kräuter geerntet und herrlich beseelt etwas zu viel Wein am Abend unter den vier Linden sitzend getrunken. Und von dem wunderbaren Spinner, der hier am Ende meiner alten Straße wohnt, habe ich mir erklären lassen, wie das geht mit dem Festhalten an Träumen, solange, bis sie wahr werden.

Manchmal wünschte ich, dass ich noch zu Hause wäre in der Karl-Friedrich-Straße bei Meter 150. Dann hätte ich es nicht so weit zu den vier Linden. Zum Durchatmen und Auftanken.

Am 29. und 30. Juni ist dort Tag der offenen Tür für Kinder, Erwachsene und Träumer.

Lassen Sie sich darauf ein, lassen Sie sich verzaubern und grüßen Sie den alten Spinner von mir!

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