Biografienprojekt von RWTH-Studierenden: Berührende Form der Erinnerung an die Reichspogromnacht

Biografienprojekt von RWTH-Studierenden : Berührende Form der Erinnerung an die Reichspogromnacht

Ein Seminar zum heutigen Antisemitismus stand am Anfang. Am Ende stehen eine groß angelegte Ausstellung zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht im Krönungssaal des Aachener Rathauses, drei Bücher und über 100 Biografien von Opfern der Shoah (Verfolgung und Ermordung der Juden während des Nationalsozialismus) aus der Region, die Studierende ganz unterschiedlicher Fachrichtungen von Theologie bis Physik recherchiert und geschrieben haben.

„Ich gehöre zur Mehrheitsgesellschaft. Ich habe keine Diskriminierungserfahrung. Trotzdem oder gerade deswegen muss ich sensibel im Umgang mit Minderheiten sein“, hat Alexander Hermert für sich als wichtigsten Erfahrungswert aus seiner Zeit im Projekt des Kirchenhistorikers Christian Bremen von der katholischen Fakultät der RWTH mitgenommen. Der 24-jährige Politikstudent der RWTH gehört zur etwa zwölfköpfigen Gruppe, die sich intensiv an der Erarbeitung der Ausstellung beteiligt hat.

Zunächst suchten die jungen Leute in der Vergangenheit: Kurz bevor die Bezirksregierung die sogenannten Wiedergutmachungsakten dem Archiv übergeben hat und diese damit für die nächsten Jahre nicht mehr zugänglich sind, konnten sie sie als Recherchegrundlage für ihr eigenes Biografienprojekt nutzen. Die Wiedergutmachungsakten enthalten die Anträge der Opfer der Shoah oder ihrer Nachfahren auf Entschädigungsgelder bei der Bundesrepublik Deutschland. Detailliert mussten sie ihr erfahrenes Leid dokumentieren und beweisen, um wenigstens Geld zu erhalten.

Über 100 solcher Akten vergab Bremen an Studierende. Herausgekommen sind am wenigsten „Scheine“, also prüfungsrelevante Nachweise für das Studium. Entscheidender sind die sehr persönlichen Berührungspunkte der jungen Menschen mit der Vergangenheit und eine daraus resultierende moderne, zukunftsorientierte Erinnerungskultur. Einige machten Nachfahren in Israel, Süd- und Nordamerika aus und traten mit ihnen in Kontakt. „Viele wussten gar nicht so viel vom Leben ihres Opas oder ihrer Oma in Deutschland. Sie waren dankbar für unsere Recherche und waren sehr aufgeschlossen, mit uns zu reden“, erinnert sich Politikstudent Rene Porger.

Er, Hermert und einige andere Mitstreiter möchten diesen Kontakt gerne institutionalisieren. „Warum hat Aachen eigentlich keine israelische Partnerstadt?“, fragen sie sich und schmieden bereits Pläne, das zu ändern. Eine andere Studierende, Anna Conrads, bereitet einen Antrag vor, Pfarrer Joseph Buchkremer aus Herzogenrath-Straß für seine Hilfe für die Familie Cytron als „Gerechten unter den Völkern“ in der Gedenkstätte „Yad Vashem“ in Israel aufzunehmen. Er wäre erst der 604. Deutsche, dem diese Ehre zuteilwerden würde.

Zwei Überlebende des Holocausts – eine davon ist Friederike Görtz aus Geilenkirchen – besuchten das Seminar von Bremen. „Bitte glauben Sie mir! Den Holocaust gab es“, bat die andere, die ihren Namen aus Angst vor Repressalien in der Öffentlichkeit nach wie vor nicht nennen will, inständig. Zu oft wurde ihr offensichtlich bisher nicht geglaubt. Und auch die Studierenden spüren unter Kommilitonen: „Der Antisemitismus ist wieder auf dem Vormarsch.“

Schrecken ins Gesicht geschrieben

Beide Frauen beeindruckten die Mittzwanziger in dritter Nachkriegsgeneration gewaltig. Doch sie gehören zu den letzten, die noch aus eigenem Erleben berichten können. Denen der Schrecken ins Gesicht geschrieben steht, denen die Stimme versagt, wenn sie von der alltäglichen Ausgrenzung, der staatlich verordneten Verarmung und der bürokratisch perfekt organisierten Vernichtung sprechen.

„Ein echtes Nachempfinden, das bislang vor allem durch die Zeitzeugenberichte bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen erzeugt wurde, können jetzt die Biografien übernehmen. Sie werden von Schülern nicht als historische Quelle mit Distanz wahrgenommen, sondern als konkretes Schicksal“, hat Reinhold Breil, Lehrer an der Gesamtschule Rheydt-Mülfort in Mönchengladbach, festgestellt. Er hat in einem Projekt mit dem 12. Jahrgang seiner Schule fächerübergreifend mit einigen Biografien gearbeitet und anschließend mit Studierenden die didaktischen Begleitbücher zur Ausstellung entwickelt.

„Das beschäftigt die Jugendlichen immer noch“, sagt Breil. „Diese Art der Geschichtsvermittlung übertragen sie sofort auf heute. Ihnen wird klar: Ausgrenzung und Antisemitismus fängt nicht im KZ, sondern auf dem Schulhof an.“

Zeitzeugin Friederike Görtz

Zeitzeugin Friederike Görtz stand für das Biografienprojekt der Aachener Studierenden Rede und Antwort. Foto: folgt/Rauke Xenia Bornefeld

Friederike Görtz aus Geilenkirchen wurde 1934 als Tochter eines katholischen Vaters und einer jüdischen Mutter geboren. Ab 1941 hat sie mit ihrer Mutter in Internierungslagern, so genannten Judenhäusern, in Düren und Jülich leben müssen. Die Mutter Martha Herz (Schwarz-Weiß-Foto) wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert.

Friederike, katholisch getauft, kam bei einer Pflegefamilie unter. Sie hat den Holocaust überlebt, und auch ihre Mutter kam aus dem KZ zurück – aber „als gebrochene Frau“, meint die Tochter. „Viel gesprochen hat sie nicht mehr. Aber sie hat sich plötzlich viel mehr für ihren jüdischen Glauben interessiert als vorher.“ Und sie hat darauf geachtet, dass Friederike nicht mit Kindern aus Nazi-Familien verkehrte. Denn der Antisemitismus war mit dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ nicht verschwunden.

„Sehr viel später warf mir ein ehemaliger Kollege aus der Verwaltung vor, dass ‚Ihr Juden nach dem Krieg alles bekommen habt‘.“ Worauf der Herr so neidisch war: Entschädigungszahlungen für Internierung und Deportation, die vielen Opfern der Naziherrschaft nur nach immensem bürokratischem Aufwand zögerlich zugesprochen wurden.

Friederike Görtz ist als Zeitzeugin immer noch in Schulen unterwegs und stand auch für das Biografienprojekt der Aachener Studierenden Rede und Antwort.

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