Bend Aachen: Mann nach Sturz auf Karussell lebensgefährlich verletzt

Unglück auf dem Öcher Bend : Der Sturz aus dem Karussell und die Frage nach dem Warum

Am letzten Tag des Aachener Bend gerät ein Mann auf dem Karussell „Polyp“ in Panik und wird lebensgefährlich verletzt. Warum? Die Polizei wertet das Ereignis als Unglücksfall, zumindest vorläufig. Auch eine Leserin berichtet von Problemen auf dem Fahrgeschäft.

Marvin Dreßen sah noch, dass einer seiner Fahrgäste sich nicht verhielt wie die anderen, hektisch wurde, panisch wurde, versuchte, sich aus seiner Gondel zu befreien, obwohl das Karussell schon fuhr. Dreßen reagierte und leitete sofort den Vorgang ein, der das Karussell zum Stehen bringt, aber natürlich stoppt es nicht abrupt, sondern läuft aus, es dauert einige Sekunden. Zu viele Sekunden, wie sich herausstellte, denn der Fahrgast stürzte aus der Gondel und schlug mit dem Kopf auf dem Podest des Karussells auf. Ein Niederländer, 47 Jahre alt, sein Vater stand am Rand, wurde Zeuge des Unfalls und musste erleben, wie sein Sohn mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen am Montag gegen 15.30 Uhr ins Klinikum gebracht wurde.

Die Probleme am 14. August

Am Tag darauf gab sich der Sprecher der Schausteller auf dem Aachener Bend ungewohnt wortkarg. Peter Loosen aus Würselen wollte ausnahmsweise überhaupt nichts sagen, Unfälle sind nicht gut fürs Geschäft. Nach Erkenntnissen des Bauamts, das gleich nach dem Vorfall am Montagnachmittag gebeten wurde, das Karussell und besonders die betroffene Gondel zu untersuchen, gab es keine technische Störung. Die Polizei wertet das Ereignis daher als Unglücksfall, zumindest vorläufig.

Das Karussell, das wegen seiner fünf krakenartigen Arme „Der Polyp“ heißt, ist keines der Fahrgeschäfte, dessen Benutzung besonderen Mut erfordern würde, das sagt auch Betreiber Dreßen. Mit dem „Polyp“, den er erst zu dieser Saison einem anderen Schausteller abgekauft hatte, war er in Zwickau, Verden, Hannover, Speyer und Heilbronn, nirgendwo gab es Probleme. Bis er nach Aachen kam.

Eine Leserin meldete sich gestern bei unserer Zeitung und schilderte, dass auch sie auf dem „Polyp“ Probleme gehabt habe. Am 14. August, also vergangene Woche Mittwoch, habe sich der Sicherungsbügel ihrer Gondel während der Fahrt um zwei oder drei Raster von ihr weg bewegt, so dass der Bügel sie nicht mehr habe halten können. Sie habe sich nur mit Mühe in der Gondel halten können und um Hilfe geschrien. Aber niemand habe sie bemerkt.

Die Mutter der Leserin sei daraufhin abends zu Betreiber Dreßen gegangen und habe ihm das Problem geschildert. Er habe um Entschuldigung gebeten und in Anwesenheit eines Vertreters des Bend-Veranstalters versprochen, sich der Sache anzunehmen. Das Aachener Eurogress, der Bend-Veranstalter, bestätigte diese Schilderung gestern gegenüber unserer Zeitung.

Die Polizei erklärte gestern, dass der „Polyp“ offenbar nicht gestartet werden kann, wenn einer der Sicherungsbügel in den Gondeln nicht ordnungsgemäß geschlossen ist. Das mag so sein, doch was ist, wenn die Bügel ordentlich geschlossen sind, sich aber während der Fahrt bewegen, ohne sich vollständig zu öffnen? Die Polizei setzt die Ermittlungen fort und will noch weitere Zeugen vernehmen.

Der letzte schwerere Unfall auf dem Aachener Bend liegt sechs Jahre zurück. Damals, im August 2013, wurde eine 66 Jahre alte Frau unter dem Sicherungsbügel hindurch aus der Raupenbahn geschleudert, glück­licherweise jedoch nur leicht verletzt. Auch dieser Vorfall blieb letztlich ungeklärt, auch dieser Vorfall wurde als Unglücksfall gewertet, wie das Aachener Polizeipräsidium am Dienstag mitteilte.

Der Deutsche Schaustellerbund erhebt eigenen Angaben zu Folge keine abschließende Statistik zu Unfällen bei Volksfesten. „Wenn es zu einem Unfall kommt, was selten ist, beruht er meist auf menschlichem Fehlverhalten“, sagte gestern Frank Hakelberg, Geschäftsführer des Deutschen Schaustellerbundes. Meist handele es sich um Arbeitsunfälle beim Auf- und Abbau von Ständen oder Fahrgeschäften. Dass es in Deutschland so selten zu Unfällen komme, habe auch damit zu tun, dass Wartungsintervalle und technische Überwachung „ausgesprochen gut“ seien. Als sich vor einigen Jahren in den USA die Gondel eines Karussells während der Fahrt löste, seien in Deutschland alle baugleichen Karussells sofort auf die in den USA festgestellte Schwachstelle hin überprüft worden, sagte Hakelberg.

Der Bend ging am Montagabend mit einem großen Feuerwerk zu Ende. Der Betreiber des „Polyp“ verabschiedete sich aus Aachen und schrieb auf Facebook: „Ihr wart einfach nur der Hammer, danke Aachen.“

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