Aachen: Beifall im Bürgerforum für die Willkommenskultur der Stadt

Aachen : Beifall im Bürgerforum für die Willkommenskultur der Stadt

Von einem Jahrhundertproblem ist die Rede, von einer historischen Völkerwanderung. Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Auch in Deutschland wird der Druck in jeder Stadt und jeder noch so kleinen Gemeinde von Tag zu Tag spürbarer. Wie eine Kommune wie Aachen die herkulische Aufgabe meistert, wurde im Bürgerforum eindrucksvoll demonstriert.

Das Forum wurde zur Stunde des Heinrich Emonts. Der Fachbereichsleiter Soziales und Integration präsentierte zum Thema „Flüchtlingssituation in Aachen“ nicht nur eine minutiös ausgearbeitete Übersicht, er erläuterte die schwierige Lage auch mit einer so tiefen menschlichen Anteilnahme am Schicksal der Zuflucht Suchenden, dass ein alter Fahrensmann wie der CDU-Politiker Hans Herff, 45 Jahre im Polit-Geschäft, unter zustimmendem Kopfnicken ringsum ehrfurchtsvoll dankte: „Herr Emonts, Sie sind ein Glücksfall für die Stadt.“

Der hier und da im Forum befürchtete Auftritt rassistischer Gruppen trat nicht ein. Mehr als 40 Zuhörer verfolgten die Debatte, sehr aufmerksam, sehr ruhig, gelegentlich auch mit hitzigen Zwischenrufen. Viele meldeten sich zu Wort. Sie konnten ihre Sorgen und Ängste darlegen, warum denn nun ausgerechnet da und dort in ihrer Nachbarschaft Wohncontainer platziert werden sollen, wo man doch „grundsätzlich gar nichts gegen die Flüchtlinge“ habe.

In solchen Momenten aber war es die überzeugende Art, in der Heinrich Emonts die Arbeit von sieben Fachbereichen der Verwaltung einfach nur schilderte, Vor- und Nachteile von Standorten abwog. Und von der Not der geflohenen Menschen erzählte, der von grauenhaften Erlebnissen Traumatisierten, die außer Brot keine Lebensmittel kennen, denen man vom Einkauf bis zur deutschen Mülltrennung mit Rat und Tat beistehe. „Menschen, die wir nicht auf der Straße stehen lassen können.“ 1078 geflüchtete Menschen werden zurzeit in Aachen betreut. Plus 500 unbegleitete minderjährige Jugendliche, plus 250 Flüchtlinge in Landeseinrichtungen.

Aber was sagen schon die Zahlen. Die gestern gültigen sind heute überholt. Fast täglich korrigiert die Bundesregierung die Zahl der nach Deutschland Fliehenden. Von heute auf morgen muss eine Stadt wie Aachen dann binnen 24 Stunden 300 Flüchtlinge unterbringen, siehe Inda-Gymnasium, da bleibt keine Minute, vorher noch lange mit Schulleitungen zu kommunizieren.

Bis Ende des Jahres werden nach jetzigem Stand 2200 Flüchtlinge in Aachen leben, Ende 2016 rechnet Heinrich Emonts bislang mit 2800. Aber: „Ich weiß nicht, was ich im nächsten Monat sage“, bekennt er. Nur eins weiß er sicher: „Wir stehen vor einer Aufgabe, die die Stadt nicht alleine schafft. Wir brauchen die gesamtgesellschaftliche Unterstützung.“

Die ist da. Und wie! Aachen ist nicht nur in Sonntagsreden eine weltoffene Stadt, die auch die Flüchtlinge willkommen heißt. Beeindruckend wie Heinrich Emonts berichteten Vertreter des Aachener Bündnisses für Flüchtlinge aus ihren Arbeitsgruppen. Mehr als 20 Initiativen arbeiten im Bündnis mit, von professionellen Helfern der Wohlfahrtsverbände bis hin zu vielen sich ehrenamtlich engagierenden Bürgern.

33 internationale Förderklassen konnten bis jetzt an Aachener Schulen für jugendliche Flüchtlinge eingerichtet werden. Eine komplette Schule für sie wäre erstrebenswert. „Die Willkommenskultur in Aachen ist vorzüglich, wir können stolz sein“, sagt ein Herr vom Bündnis, Bundespolizist, der am Grenzübergang Lichtenbusch das Ankommen verzweifelter jugendlicher Flüchtlinge täglich hautnah erlebt. Wenn er von ihrer Trauma-Betreuung spricht, von vor dem Krieg geflohenen Menschen, von Folter und Vergewaltigung, droht ihm die Stimme zu versagen.

An die Nieren gehend auch der Appell einer Bündnis-Dame, die nach der Unterbringung der 300 Flüchtlinge im Inda-Gymnasium dort eine Woche mitgeholfen hat. „Ich kann nur jedem raten: Gehen Sie einmal nur einen Tag oder auch nur ein, zwei Stunden zu diesen Menschen, nehmen Sie sie in den Arm — und haben Sie keine Angst!“

Still ist es im Saal, bevor der Beifall aufkommt. Die Zwischenrufe wie „Kaserne! Kaserne!“ — was heißen soll, die Stadt solle Flüchtlinge in Kasernen unterbringen, aber nicht in Containern vor ihrer Haustür — verstummen. Heinrich Emonts und die Bündnis-Sprecher haben es verstanden, nachdenklich zu stimmen, Einsichten zu fördern.

Und so wird es dabei bleiben, dass übergangsweise „unselige Turnhallen-Nutzungen, Notfall-Maßnahmen“ (Heinrich Emonts) wie etwa an der Grundschule Michaelsbergstraße unumgänglich sind. „Keine einzige Turnhalle möchte ich belegen“, sagt Emonts, aber: Drei sind vorgesehen, über weitere fünf wird diskutiert.

Weitere Standorte gesucht

Und es wird bleiben bei den mobilen Wohneinheiten (Container) mit den vom Rat beschlossenen und Anfang 2016 zu belegenden Standorten an der Adenauerallee (Sportplatz, 80 Plätze), Laachgasse in Haaren (50) und am Gemmenicher Weg (am Kronenberg-Steppenberg, 80 Plätze). Das ehemalige Logistikzentrum an der Roermonder Straße in Richterich soll 230 Menschen Platz bieten, an der Turpinstraße könnten es 90 Plätze werden. Weitere Standorte werden gesucht. Sobald Maßnahmen konkret werden, will die Stadt „auf die Nachbarschaften zugehen“. Das heißt: informieren — so wie sie es am Mittwoch in Haaren getan hat (siehe Bericht unten) und es am Donnerstag in Richterich tun wird (ab 18 Uhr in der Peter-Schwarzenberg-Halle, Grünenthaler Straße).

„Wir lassen Sie nicht alleine stehen“, versicherte denn auch Iris Lürken besorgten Gemütern. Die CDU-Politikerin sprach von einer „Wahnsinns-Mammutaufgabe“. Die Flüchtlingszahlen liefen aus dem Ruder, Planungen seien unmöglich, weshalb sie der Verwaltung für ihre hervorragenden Leistungen Respekt ausspreche. Achim Ferrari (Grüne) mahnte statt des Wortes Flüchtlinge eine anderes Wort an: „Wir sollten deutlicher machen, das es Schutzsuchende sind. Es kommen Menschen, die bei uns Schutz suchen.“