Aachen: Bald gibt es Tagesmütter in Reserve

Aachen : Bald gibt es Tagesmütter in Reserve

Zwei „Großtagespflegestellen ohne Kinder“ soll es in Aachen zusätzlich geben. Die „kinderlose“ Großtagespflegestelle ist Kernstück einer Vertretungsregelung für die Kindertagespflege.

Nächste Woche soll der Kinder- und Jugendausschuss das Angebot auf den Weg bringen. Die Stellen werden dann wahrscheinlich nächsten Sommer besetzt.

Tagesmütter und -väter sind für viele Familien eine attraktive Form der Kinderbetreuung, gerade wenn die Kinder noch sehr klein sind: familiär, flexibel, mit kleinen Gruppen und durch die öffentliche Förderung nach dem Kinderbildungsgesetz (Kibiz) für Familien mittlerweile auch bezahlbar. Allerdings gibt es einen großen Unsicherheitsfaktor: Wer kümmert sich, wenn die Tagesmutter plötzlich krank wird oder in Urlaub fährt? Bisher müssen Familien dann selbst für Ersatz sorgen.

Mit der geplanten Vertretung für die Tagespflege schafft die Stadt Aachen hier Abhilfe, erfüllt aber auch eine gesetzliche Verpflichtung. Das Sozialgesetzbuch verlangt eine verlässliche Regelung für den Ausfall der Tagesmutter. Und auch das Kibiz macht die Landeszuschüsse zur Kinderbetreuung von einem Vertretungsplan des Jugendamts abhängig. Höchste Zeit also, dass hier etwas passiert.

Der Verein Familiäre Tagesbetreuung als Fachberatungsstelle, die im Auftrag der Stadt Aachen Tagesmütter qualifiziert und vermittelt, hat ein Vertretungssystem ausgearbeitet: eine Kombination aus Großtagespflegestellen und eigens reservierten Einzelplätzen bei Tagesmüttern.

Die Großtagespflege ist im Kibiz ausdrücklich verankert. Bis zu drei Tagesmütter dürfen in so einem Verbund bis zu neun Kinder gleichzeitig betreuen. Der Verein schlägt vor, zwei solcher Tagespflegestellen sozusagen im Standby-Betrieb einzurichten. Mit den Tagesmüttern im Umkreis soll regelmäßiger Kontakt gepflegt werden. So ist die „Ersatz-Tagesmutter“ den Kindern nicht völlig fremd, wenn sie zum Einsatz kommt.

Aus Sicht der Verwaltung ist eine Vertretungsregelung mit Großtagespflegestellen vor allem dort sinnvoll, wo viele Tagesmütter arbeiten und folglich auch viele Tagesmütter irgendwann Urlaub brauchen. Deshalb ist angedacht, für Burtscheid und Forst sowie für Laurensberg, Richterich und Aachen-West jeweils eine Großtagespflegestelle einzurichten. Fürs übrige Stadtgebiet sollen Vertretungsplätze bei einzelnen Tagesmüttern reserviert werden.

Kosten würde so ein Vertretungsmodell gut 223 000 Euro im Jahr. Darin enthalten wäre der „Aufwendungsersatz“, also die Bezahlung für die Tagesmütter, sowie die Kaltmiete für angemietete Räume in Höhe von rund 30 000 Euro im Jahr.

Bettina Konrath, Geschäftsführerin der Familiären Tagesbetreuung, ist zufrieden mit dem Entwurf, den sie ausgearbeitet hat: „Ich glaube, das ist ein sehr praktikables Modell. Wenn die Politik zustimmt, sollten wir zeitnah starten. Denn wir brauchen in Aachen eine Vertretungsregelung.“

Die Politik dürfte wohl zustimmen. Zwar werden die Fraktionen noch im Detail beraten, bevor die Jugendpolitiker entscheiden. Aber Peter Tillmanns, jugendpolitischer Sprecher der CDU, ist zuversichtlich, dass die Sache jetzt Fahrt aufnimmt. „Ich finde die Regelung gut“, sagt er und hofft, dass das Projekt im Sommer 2016 starten kann. „Wir sind in Aachen ein wenig im Verzug, aber das sind andere Kommunen auch.“

„Wichtig ist, dass wir für die Eltern eine verlässliche Betreuung bieten“, erklärt Clea Stille, jugendpolitische Sprecherin der SPD. Ob alle Details des Vorschlags so umzusetzen seien, müsse allerdings genau erörtert werden.

„Ein guter Schritt“, kommentiert Hilde Scheidt, Jugendexpertin der Grünen, das Maßnahmenpaket. „Für Eltern ist die Regelung eine wichtige Unterstützung, und auch für die Tagesmütter bringt sie mehr Sicherheit und Entlastung.“

Ob die angesetzten und kalkulierten Stundenumfänge für die Tagesmütter-Vertretung ausreichen werden, muss die Praxis zeigen. Derzeit kann niemand abschätzen, wie viel Vertretungsbedarf angemeldet wird. Eine Statistik über Ausfälle werde bisher nicht geführt, stellt die Verwaltung fest.

Die Großtagespflegestelle als Standbein der Kinderbetreuung setzt sich in Aachen erst allmählich durch. „Wir haben durchaus interessierte Tagesmütter“, berichtet Bettina Konrath. „Aber häufig finden sie keine passende Wohnung, weil die Mieten so teuer sind.“ Deshalb, sagt die Geschäftsführerin, werde man für die beiden vorgesehenen Großtagespflegestellen erst nach Räumen suchen, „wenn klar ist, dass es Geld gibt“.

Und das wiederum hängt vom Haushalt ab. Stimmt die Politik zu, dann soll die neue Vertretungsregelung zwar möglichst flott in Kraft treten — allerdings frühestens, wenn der städtische Etat für 2016 rechtskräftig ist.

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