Aachen: Bach, wiederentdeckt: Ein Konzert, das einfach gespielt werden muss

Aachen : Bach, wiederentdeckt: Ein Konzert, das einfach gespielt werden muss

Wenn Solo-Oboist Stéphane Egeling über Johann Sebastian Bach spricht, dann gerät er unweigerlich ins Schwärmen. Er ist fasziniert von dem Ausnahmetalent, dessen Selbstbewusstsein und musikalischer Leistung. Egeling hat sich also nicht ohne Grund viele Jahre intensiv mit Bach, seiner Biografie und seinen Werken auseinandergesetzt.

Kein Wunder, dass all sein Wissen und seine Faszination nun in ein Konzert münden, auf das er zwei Jahre hingearbeitet hat. Am Mittwoch, 15. November, wird der Oboist in der Annakirche zusammen mit dem Sinfonieorchester Aachen im Rahmen der Aachener Bachtage Konzerte für Oboe und Orchester spielen. Und im Grunde musste es so kommen.

300 Jahre alt

Die Begeisterung für Bach, so sagt Egeling, hat er von seinem Vater. „Mein Vater ist aus Thüringen, für ihn gibt es nur Bach“, sagt der Oboist. Als Egeling dann im Alter von 13 Jahren per Zufall zur Oboe kam beziehungsweise die Oboe zu ihm, da war es um ihn geschehen. Er war damals im Schulorchester, und als der Lehrer fragte, wer welches Instrument spielen wolle, da meldete Egeling sich versehentlich für die Oboe. „Ich wusste damals nicht, wie die Instrumente heißen“, sagt er und lächelt. Denn er dachte, die Oboe sei ein Fagott, welches er auf den ersten Blick für viel interessanter hielt. Heute sagt er: „Die Oboe passt aber auch besser.“

Sie passt so gut, dass er nicht nur leidenschaftlicher Musiker ist und inzwischen im Sinfonieorchester des Theaters Aachen arbeitet, sondern auch Instrumente sammelt und viele davon kopieren lässt. Ein anderer Sammler habe ihm zudem eine Barockoboe zur Verfügung gestellt, die bei dem Konzert auch mindestens einmal zum Einsatz kommen wird. Es sei eine Oboe der Art, wie Bach sie benutzt habe. Sie ist über 300 Jahre alt. Da sie schon zwei kleinere Risse hat, nutzt Egeling sie nicht allzu oft, sondern eher die Kopie, die ein Freund angefertigt habe. „Das Publikum wird aber mindestens einen Satz darauf hören“, sagt er. Das sei der Barockoboe zumutbar.

Insgesamt spielt er an diesem Abend fünf Konzerte. Sie variieren von acht Minuten bis etwa 20. Das alles zusammen könnte für das alte Instrument dann vielleicht zu viel sein.

Selbstbewusst und virtuos

Doch nicht nur aufgrund der Barockoboe ist dieses Konzert so außergewöhnlich. Und auch nicht nur, weil Egeling ein ausgesprochener Bach-Experte ist. Sondern weil er die Konzerte Bachs, die an diesem Abend erklingen werden, wiederentdeckt und rekonstruiert hat. „Es sind keine Konzerte speziell für die Oboe von Bach erhalten“, sagt er. Um 1717, als Bach in Köthen als Dirigent arbeiten wollte, dort einen Vertrag unterzeichnete, aber eigentlich noch in Weimar angestellt war, da sei er jung, selbstbewusst und virtuos gewesen.

Bach saß allerdings vor genau 300 Jahren für kurze Zeit im Gefängnis, weil er in Weimar aufgrund seines Vertragsbruches und seiner „Halsstarrigkeit“ festgenommen wurde. Damals habe er sich der Instrumentalmusik verschrieben, wollte unbedingt mit den Köthener Musikern arbeiten und kein Kirchenmusiker mehr sein. „Er wusste, was er konnte“, sagt Egeling. Also setzte er alles auf eine Karte. Fürst Leopold von Köthen und König August der Starke setzten sich höchstpersönlich für Bach ein, da sie große Stücke auf dessen musikalisches Talent hielten.

Und so kam er frei. Es sei eine spannende Zeit gewesen. Doch diese Facetten Bachs seien in den Hintergrund geraten. Egeling kramte sie wieder aus und arbeitete zwei Jahre an einer Version für Orchester und Oboe. „Ich habe keine einzige Note verändert, die Sätze nur anders zusammengesetzt“, sagt er. So seien fünf stilistisch komplett unterschiedliche Konzerte entstanden. Und da es diese Konzerte in dieser Form zum aller ersten Mal zu hören gibt, wird das Konzert am 15. November eine Uraufführung sein.

Egeling arbeitete nicht bewusst auf genau dieses Konzert hin, als er vor zwei Jahren damit begann, die Noten herauszusuchen und die Sätze zusammenzusetzen. Er hatte vielmehr die Hoffnung, dass sich eines Tages eine Chance ergeben würde. Er hatte Glück. Egeling ist eben Bach-Fan durch und durch. Der Musiker will an diesem Abend das Maximum aus der Oboe rausholen und verspricht, dass man einen Satz so noch nie gehört habe. Er hat sich vorgenommen, das zu tun, was auch Bach getan hätte, „nämlich sein ganzes Talent geben“, sagt Egeling.

Nun wünscht er sich noch ein volles Haus und dass alles gutgeht. „Jetzt kann ich nichts mehr machen“, sagt er. In der nächsten Woche gibt es noch vier Proben, aber dann muss alles sitzen. Und das wird es sicher auch.

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