Aachen: Bach am Haarberg: Eine Idylle wird trockengelegt

Aachen : Bach am Haarberg: Eine Idylle wird trockengelegt

Wenige Meter neben der stark befahrenen Alt-Haarener-Straße tut sich eine kleine Idylle auf, die selbst alteingesessenen Haarenern unbekannt ist. Leise plätschert dort ein kleiner Bach durch mehrere Gärten den Haarberg hinab, der die Anwohner erfreut und allerlei schwirrendes und schwimmendes Kleingetier anlockt.

Erst am Eibenweg verschwindet er wie so viele andere Bäche im Stadtgebiet im unterirdischen Kanalsystem. Nun will die Stadt auch die letzten oberirdischen Reste des kleinen Fließgewässers vollständig in eine Rohrleitung verbannen und das Bachbett trockenfallen lassen.

Von dem Vorhaben, das schon in wenigen Wochen in die Tat umgesetzt werden soll, haben die Anwohner — unter ihnen die Stadtplanerin Astrid Urgatz — nur durch Zufall erfahren. Ihr Entsetzen und ihr Ärger über die klammheimliche städtische Planung ist nun um so größer. Sie hoffen, die Verantwortlichen noch in buchstäblich letzter Minute zum Umdenken bewegen zu können. Auch die örtlichen Politiker haben sie um Hilfe gebeten.

Vorerst hat sich lediglich UWG-Ratsherr Horst Schnitzler auf ihre Seite geschlagen und kurzfristig zum Ortstermin geladen. Per Rats­anfrage will er zudem klären, wer überhaupt die Entscheidung über die Rohrverlegung getroffen hat und ob dem offenen Bächlein nicht doch noch eine Chance gegeben werden kann.

Auch einen Anwalt haben die Anwohner inzwischen hinzugezogen. Denkbar, dass er per einstweiliger Verfügung die Trockenlegung zumindest noch aufschieben kann, meint Detlev Maschler. Schließlich werden mit der Verrohrung sowohl Eigentumsrechte als auch wasserrechtliche Fragen berührt. Das Ziel ist jedenfalls klar definiert: Es müsse ein Einvernehmen mit den Anliegern hergestellt werden, und der Bach solle möglichst weiter plätschern.

Wichtig fürs Klima

Dies entspräche schließlich auch den Zielen, die in dem sogenannten integrierten Handlungskonzept für Haaren festgehalten sind. Ausdrücklich wird darin auf „die Möglichkeit einer räumlichen und funktionalen Entwicklung der Stärken mit der Lage am Wasser und der grünen Potentiale“ hingewiesen. Der Erhalt der Freiflächen mit Grün und Wasser habe demnach sogar eine besondere Priorität für das Klima und die Lebensqualität im Ort. Wie sich dieses Entwicklungsziel mit der nun geplanten Verrohrung des namenlosen Haarener Bächleins verträgt, ist Astrid Urgatz ein Rätsel.

Derweil hat die Stadt den Wasserlauf, der am alten Jüdischen Friedhof entspringt und bis 1972 noch gänzlich offen den Haarberg hinabgeflossen ist und in den Haarbach mündete, zum schlichten Regenwasserkanal umdeklariert. Er sei seit 1972 Teil der Ortsentwässerung und gehöre zur städtischen Kanalisation, heißt es in einer Stellungnahme von Stadt und Stawag. Im Zuge der Kanalsanierung an der Alt-Haarener-Straße soll er nun allerdings nicht länger in den Mischwasserkanal, sondern durch neu verlegte Rohre wieder direkt in den Haarbach geleitet werden.

Die neue Verrohrung sei auch deswegen nötig, weil Teile des alten „Regenwasserkanals“ marode seien. Teils würde der „Kanal“ auch unter privaten Gebäuden durchführen, was im Schadensfall erhebliche Kosten nach sich ziehen würde. Und weiter heißt es in der Stellungnahme zum „Bächlein“: „Wäre es ein natürliches Gewässer, müssten die Rohrleitungen zu Lasten der jeweiligen Grundstückseigentümer saniert werden. Das würde manchem Grundstückseigentümer gewiss nicht sonderlich gefallen, weil er diese Veränderungen bezahlen müsste.“

Aus Sicht der Stadt sei das „Bächlein“, das derzeit noch auf einer Gesamtlänge von etwa 55 Meter offen fließen darf, nur Teil der Gartengestaltung. Von einem „naturnahen Gewässer“ könne keine Rede sein. Abgestimmt sei die geplante Verrohrung mit der Unteren Wasserbehörde.

„Aber es war offenbar allen zu mühsam, mal mit den Anwohnern zu sprechen“, kritisiert Urgatz. Auch auf einer Bürgerversammlung seien die Pläne für die Verrohrung nie vorgestellt worden. Sie drängt daher jetzt auf Aufklärung und bis dahin auf einen umgehenden Stopp des Vorhabens.

Unterstützung erhält sie inzwischen auch von Umweltgruppen. Monika Nelißen vom Ökologiezentrum konnte mit einem schnellen Griff ins Wasser Flohkrebse, Strudelwürmer, Schnecken und Köcherflügellarven herausfischen. „Das spricht für eine sehr gute Wasserqualität“, sagt sie über den angeblichen Kanal.

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