Ausstellung von RWTH-Studenten in Aachen zu Novemberpogromen

80. Jahrestag der Synagogenbrandstiftung : Der Vergangenheit gedenken mit Blick auf die Gegenwart

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war für viele Juden im damaligen Deutschen Reich das unbeschwerte Leben vorbei. RWTH-Studenten haben Einzelschicksale recherchiert und diese anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Synagogenbrandstiftung vorgestellt.

Wenn Sibilla Ullmann ihre Haustür öffnete, war das eigentlich immer ein Grund zur Freude. Seit ihrer Geburt im Jahr 1860 lebte sie in Rödingen, einem kleinen Dorf zwischen Jülich und Bergheim. Die rüstige Frau war bekannt für ihre Handwerksarbeiten und die köstlichen Kuchen, mit denen sie Verwandte und Besucher verwöhnte. Letztere gab es viele, besonders seit ihr Vater im Hof des Hauses eine kleine Synagoge errichtet hatte, die nun Treffpunkt und Gebetsort für die Juden in Rödingen war. Weil sie selbst eine Gehbehinderung hatte, übernahmen die Nachbarskinder im Gegenzug für einige Süßigkeiten die Einkäufe und andere Erledigungen für sie.

Wie für viele andere Juden im damaligen Deutschen Reich war dieses unbeschwerte Leben mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten abrupt vorbei. Weil diese Millionen von Schicksalen in ihrer Masse aber nicht begreifbar sind, haben Studierende der RWTH Aachen einzelne ausgesucht, dazu recherchiert und ihre Lebensgeschichten aufgeschrieben. In einer eindrücklichen Ausstellung am Rande der zentralen Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Synagogenbrandstiftung im Aachener Rathaus zeichneten sie das jüdische Leben in der Region detailliert nach.

Vier antisemitische Straftaten pro Tag

„Unser Gedenken drängt in eine Zeit, in der in Deutschland jeden Tag im Durchschnitt vier antisemitische Straftaten begangen werden“, mahnte Aachens Bürgermeisterin Margrethe Schmeer. Diese Ausstellung über Vergangenes lenke daher den Blick auch auf die Gegenwart und zeige, was passiert, wenn eine Gesellschaftsgruppe stigmatisiert und herabgewürdigt werde. Dies sei der Boden für das, was 1938 bei den Novemberpogromen auch in Aachen geschehen sei, und dass hunderte Bürger nur tatenlos bei den Verbrechen zugesehen haben.

Das Schicksal von Millionen greifbar machen: In einer Ausstellung zeichneten Studenten der RWTH Aachen individuelle Lebensgeschichten jüdischer Mitmenschen in der Region nach. Foto: Andreas Herrmann

„Auch heute ist es in unserem Land wieder möglich, antisemitische Parolen laut herauszuschreien – auf den Straßen und sogar im Parlament“, sagte Eva-Maria Bugger von der Aachener Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, welche die jährliche Gedenkveranstaltung organisiert. Statt unüberlegte Aussagen in die Öffentlichkeit zu tragen, sollten die Menschen daher wieder lernen, abzuwarten, zuzuhören und versuchen, den Schmerz und die Empfindungen anderer nachzuempfinden, betonte sie.

Tod nach vier Monaten

Zahlen haben keine Gesichter und lassen darum leicht verdrängen. Auch zu Zeiten von Sibilla Ullmann kam die Katastrophe in Gestalt des Massenmordes nicht ohne deutliche Vorzeichen der Warnung. Wegen finanzieller Nöte musste sie 1934 ihr Haus in Rödingen verkaufen und kam zwischenzeitlich bei ihrem Neffen unter. Dieser geriet durch das Regime der nationalsozialistischen Diktatur jedoch selbst in existenzielle Not und konnte nicht weiter für sie sorgen, weshalb sie schließlich 1942 in ein jüdisches Altenheim nach Rheydt zog. Nur kurze Zeit später wurde sie mitsamt allen anderen Bewohnern von dort in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Tante Billchen, wie sie Familie und Nachbarn stets nannten, verhungerte nach vier Monaten auf dem Speicher einer Baracke.

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