Aachen: Ausgrabungen und alte Dokumentationen führen zu neuen Erkenntnissen

Aachen: Ausgrabungen und alte Dokumentationen führen zu neuen Erkenntnissen

Der Mai 2005 war im wahrsten Sinne des Wortes ein Einschnitt in Aachens Stadtgeschichte. Über nahezu die gesamte Länge des Katschhofs wurde ein Graben ausgehoben, die Stadtwerke verlegten Leitungen.

Dabei wurden vier Züge des karolingisches Mittelbaus, deren Lage bekannt und oft publiziert ist, radikal beseitigt, allerdings hatten die Bagger einige Mühe mit den mehr als zwei Meter dicken Fundamenten. Dieser Akt der Zerstörung verursachte einen bundesweiten Aufschrei der Empörung, von da an ging Aachen pfleglicher mit seinen historischen Überresten um, Stadtarchäologen wurden eingestellt. Inzwischen wird jede Baumaßnahme, hinter der Wertvolles zu vermuten ist, von den Bodendenkmalpflegern begleitet. Es gab zahlreiche Ausgrabungen, das Bewusstsein hat sich radikal verändert.

Ganz aktuell: Zwei Meter unterhalb des Marktpflasters sind die Archäologen erst vor wenigen Wochen auf Reste der karolingischen Königshalle gestoßen. Foto: Harald Krömer

Ein Teil dieser neueren sowie viele ältere Forschungen sind eingeflossen in das Pfalzmodell, das derzeit in einer Werkstatt in der Eifel in einem Maßstab von 1:50 errichtet wird und das ab Juni einer der ganz großen Hingucker im Centre Charlemagne am Katschhof sein soll. Im Auftrag der Stadt baut Handwerker Matthias Schramm den berühmten mittelalterlichen Herrschersitz.

Forschung seit fünf Jahren

Granusturm, Königshalle, karolingisches Oktogon — also die Pfalzkirche — mit Annexbauten und Atrium — all das entsteht in Imgenbroich. Wie aber unterscheidet sich die neue Miniaturpfalz von der aus dem Jahre 1965, die der damalige Dombaumeister Leo Hugot zur Europarat-Ausstellung „Karl der Große“ angefertigt hatte? Hugot hatte schon vor rund 50 Jahren die Königshalle und den Mittelbau rekonstruiert.

In einem Punkt allerdings irrte Leo Hugot. Er vermutete, dass der große Kaiser im Granusturm gewohnt habe. Marc Wietheger vom Kölner Büro „baumass — Dipl.-Ing. Hoffmann & Wietheger“, das von der Stadt Aachen mit der inhaltlichen Konzeption des neuen Pfalzmodells beauftragt worden ist, erklärt: „Der Granustrum war sicher nicht der Wohnturm.“ Zwar stamme er zu einem Großteil aus karolingischer Zeit und verfüge über ein reiches Innenleben. Doch wo Karl der Große gewohnt hat, bleibt auch weiterhin ein Rätsel.

Eine Zeit lang gab es die Hypothese, dass der Mittelbau, dessen Fundamente in Höhe der Domsingschule 2005 teils weggebaggert wurden, als Wohngebäude gedient habe. Aber auch das kann nicht sein, weil dieser Bau erst in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts entstanden ist. Und Karl ist bekanntlich 814 verstorben: „Dort kann höchstens ein Nachfolger gewohnt haben“, sagt Wietheger.

Er und seine Architekten-Kollegen Judith Ley und Daniel Lohmann sowie der Archäologe Sebastian Ristow — alle für die Modellkonzeption bei Baumass tätig — beschäftigen sich schon lange mit Karls Pfalz und ihrer architektonischen Geschichte — natürlich nicht alleine. Seit fünf Jahren wird an der Pfalz umfangreich geforscht. Und zwar interdisziplinär: Bauforscher und Archäologen arbeiten Hand in Hand, dahinter stehen Stadt, RWTH, Landschaftsverband Rheinland, Domkapitel und das Kölner Büro.

Bändeweise sind Ergebnisse zusammengetragen worden, angereichert mit den unpublizierten Nachlässen von Hugot und Co. und garniert mit ganz aktuellen archäologischen Erkenntnissen der Stadtarchäologie — etwa, dass sich das Bodenniveau am Rathaus (früherer Standort der Königshalle) zu Karls Zeit gut zwei Meter unter der heutigen Oberfläche befunden hat — bilden sie das wissenschaftliche Grundgerüst für das neue Modell. Monika Krücken, Abteilungsleiterin Denkmalpflege und Stadtarchäologie: „Wir sind da wirklich weitergekommen und heute auf einem ganz anderen Stand.“

Keine Puppenstube

Aus dieser riesigen Menge an Daten, Dokumentationen, Zeichnungen, Schriftstücken und wissenschaftlichen Arbeiten haben Ley, Wietheger und Lohmann das komplexe Modell am PC entworfen und errechnet. Wietheger: „So ein Modell zum Anfassen ist definitiv die beste Möglichkeit, um unser heutiges Wissen über die Pfalz zu visualisieren. Aber es ist auch die schwierigste.“ Das liegt auch daran, dass der Anspruch von Wietheger und Co. sehr hoch ist — und sich die Konzeption und Gestaltung des Modells von dem Hugots grundlegend unterscheidet.

Denn der alte Dombaumeister hat ein möglichst anschauliches Pfalzmodell bauen lassen. Das heißt, er hat auch Thesen und Vermutungen, die nicht klar belegt waren, mit einfließen lassen. So ist etwa der überdachte Gang, der von der Aula zur Pfalzkirche führte, in Hugots Modell dargestellt. Es gibt dem Betrachter quasi eine bestimmte, teils mit Fantasie angefüllte Version der Pfalzanlage, die aber keineswegs genau so ausgesehen haben muss.

Das neue Modell von Baumass und Matthias Schramm dagegen ist ein „Forschungsmodell“. Lohmann: „Wir geben hier keinesfalls ein Endergebnis vor. Wir wissen heute noch nicht genau, wie die Pfalz in allen Details aussah. Die Forschung daran wird weitergehen, also zeigen wir nur einen Zwischenstand.“ Das heißt für die Architekten aber auch, dass Gebäudeteile, die nicht hundertprozentig erforscht und nachgewiesen sind, im Modell nicht abgebildet werden. Dazu gehört der viel diskutierte Gang mit Mittelbau.

Wer sich also nun auf eine nachgebaute Miniatur-Pfalz freut im Stil einer Puppenstube, mit verzierten Fensterrahmen, ausgestalten Deckenmosaiken und Mini-Karl, dem muss man sagen: Das wird es nicht geben. Denn tatsächlich werden nur die karolingischen Mauern, die durch archäologische Original-Funde klar nachzuweisen oder heute noch vorhanden sind, am Modell durch spezielle, raue Materialien hervorgehoben. Der Rest, alles unfertig Erforschte, bleibt glatt und weiß — reine Rekonstruktion. Ley: „Das ganze Modell ist eine Hypothese, die auch noch erweitert werden kann.“ Es ist also auch eine Arbeit, die zeigt, wie Forscher vorgehen und dass Forschung ein Prozess ist, der niemals endet.

Auf hohen Stelzen

Wie sich Karls Pfalz über die Jahrhunderte entwickelt hat, wo sie erweitert und umgebaut wurde, kann der Centre-Besucher demnächst unter dem Pfalzmodell nachvollziehen. Denn das neue Modell, das Karls Zeit widerspiegelt, steht auf hüfthohen Stelzen. Und in den Boden darunter wird eine große Metallplatte eingelassen, mit deren Hilfe die Lage der Pfalz sowie die umliegende Straßenführung nachvollzogen werden kann. In unterschiedlichen Farben werden die Bauphasen der Pfalzbauten markiert.

Aufgestellt wird das Modell in den nächsten Monaten. Am 19. Juni wird das Centre Charlemagne eröffnet. Gerd Wagner, Geschäftsbereichsleiter Route Charlemagne: „Wir zeigen erstmals Dinge, die in Aachen noch nie zu sehen waren. Was uns jetzt schon an Anfragen erreicht, ist enorm. Das Centre wird ein neues Stadtmuseum.“