Aachen: Aus großem Chaos wird ein kleiner Film

Aachen: Aus großem Chaos wird ein kleiner Film

Da hatten die Schüler der Maria Montessori Gesamtschule aus Aachen ihr ganz persönliches Chaos. Im Rahmen ihrer Kulturwochen haben sie zwei Wochen lang einem Film über unsere Zeitung gemacht. Genauer gesagt darüber, wie das Chaos der großen Informationsflut gebändigt und in eine Zeitung gepackt wird.

„Oh je“, sagte Sára Szeberenyi. „Wir haben jetzt schon über drei Stunden Filmmaterial. Wie sollen wir das bloß in fünf bis zehn Minuten Film packen?“ Live und in bewegten Bildern haben die Schüler der neunten Klasse so miterlebt, wie schwer es ist, furchtbar viele Informationen so zu verarbeiten, dass am Ende eine Zeitung oder ein Film dabei herauskommen. Das Resultat nach einem Tag Drehen in der Redaktion: fünf Stunden Filmmaterial. Wie schwer es im Journalismus ist, das Chaos zu beherrschen — das ist Lektion Nummer eins von vielen. „Wir haben ja nichts Unwichtiges gedreht“, sagt Wibke Hartmann schon fast entschuldigend.

Die Nachwuchs-Filmemacher schauen Redakteur Christoph Velten auf die Finger. Foto: Guido Jansen

Lektion Nummer zwei: Den verschroben wirkenden Journalisten, der im stillen Kämmerlein über seinen Texten brütet, gibt es kaum noch. Große Büros, viel Kommunikation, viele Konferenzen — so funktioniert die Zeitung heute.

Lektion Nummer drei: Bei den Fernsehleuten passieren viele Dinge, von denen der Zuschauer nichts sieht. Fernseh-Machen ist anstrengend. Beispielsweise für den Tontechniker, der mit dem Mikrofon an der langen Angel unterwegs ist. „Das Mikrofon wird wegen der Hebelwirkung ganz schnell immer schwerer“, hat Joel Okpa festgestellt. Die sogenannte Dolly-Kamera hat keinen Hebel. Das Gewicht wird von einem Gürtel getragen, das Stativ der Kamera ist daran befestigt. „Trotzdem: das ist ziemlich anstrengend“, sagt Junior-Kameramann Matthias Struck. Die Dolly-Kamera ist beweglich und hält den Menschen, der sie bedient, ganz schön auf Trab. Auch, weil man aufpassen muss, dass man keinen Achssprung macht. „Es gibt eine Linie, die man beim Drehen nicht überschreiten darf“, erklärt Matthias Struck.

Das mag jetzt langweilig klingen, ist es aber nicht: Planung ist das halbe Leben. Beim Fernsehen auf jeden Fall. Das haben die Schüler der Maria Montessori Gesamtschule bei ihrem Drehtag im Zeitungsverlag festgestellt. Wer nimmt die Dolly-Kamera? Wo positioniert man die Kamera auf dem Stativ, damit sie mit Dolly nicht ins Gehege gerät? Wer führt die Interviews? Und was fragt man überhaupt? Fragen über Fragen, die geklärt sein müssen, bevor man das erste Mal auf den Aufnahme-Knopf drückt. „Ich habe gedacht, dass da mehr einfach so aus der Hüfte geschossen passiert“, sagt Nachwuchs-Kameramann Matthias Struck. „Und ich hätte nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen drum herum arbeiten, damit man im Film nachher zwei Menschen im Bild sieht“, sagt Sára Szeberenyi.

Das hat die 14-Jährige am Ende des langen Drehtags in unserer Redaktion gesagt. Ein Bild von der vielen Arbeit, die noch wartet, hatte das junge Filmemacherteam da noch nicht. Vier Tage waren die Schüler mit Filmemacher Michael Chauvistré, der seine Ausrüstung und seine Kenntnisse für das Projekt zur Verfügung gestellt hat, im Aachener Zeitungsmuseum zugange. Dort gibt es einen Schnittplatz für Filmmaterial.

Viel Arbeit machte beispielsweise das Sichten des Materials. Die Schüler mussten die Interviews mitschreiben und markieren, welche Passagen aus ihrer Sicht interessant und wichtig sind. Dabei haben sie den sogenannten Timecode erstellt. So wird markiert, welche Szene in welcher Minute des Filmmaterials zu finden ist. Dann weiß der Cutter, der den Film schneidet, schneller, welche Sequenz wo zu finden ist. Es folgten Stunden am Schnittplatz, dem Ort, an dem aus dem Kameramaterial ein kurzer Film wird, der Ort, an dem die sogenannten Blenden eingebaut werden, die den Übergang von einer Szene zur nächsten nicht so hart erscheinen lassen.

Das Ende der Fahnenstange war damit noch nicht erreicht. Das Stück musste vertont werden. Dafür haben sich die Schüler und Chauvistré namhafte Unterstützung ins Studio geholt. Der Aachener Musiker Dieter Kaspari hat mit den Schülern eigens Musik komponiert. Erst danach, nach fast zwei Wochen Arbeit, waren die zehn Minuten über eine Zeitungsredaktion fertig.