Aachen: Auf der Suche nach Liefer- und Ladezonen in der Stadt

Aachen : Auf der Suche nach Liefer- und Ladezonen in der Stadt

Arno Distelrath hat ein kleines Problem. Aber eigentlich ist das Problem größer als Distelrath, es betrifft die ganze Stadt — und nicht nur diese: Wo soll jemand, der Ware an Kunden ausliefert, währenddessen sein Fahrzeug abstellen?

Diese Frage hat Distelrath, Bäcker aus dem belgischen Astenet, aus gegebenem Anlass mit einer Aachener Politesse diskutiert. Zweimal pro Woche beliefert er hier Bioläden, auch am Brander Marktplatz hat er einen Kunden. „Parkplätze sind da knapp“, sagt der Bäcker, „deshalb stelle ich den Wagen dann in der zweiten Reihe ab.“ Einer dort diensthabenden Politesse kann das von Amts wegen nicht gefallen. Im Rahmen einer mündlichen Verwarnung habe sie ihm erklärt, berichtet Distelrath, dass er so nicht parken könne, sondern sich einen korrekten Stellplatz suchen müsse.

Der wäre Bäcker Distelrath auch lieber. „Dann hätte ich mehr Ruhe und müsste nicht vom Laden aus immer mein Auto im Blick behalten.“ Allzu weit entfernt sollte der Parkplatz aber nicht sein. Bäcker Distelrath hat schwere Brotkörbe zu tragen, in denen er seine Ware offen transportiert. „Auch aus hygienischen Gründen“ will er damit nicht lange über die Straße laufen, und bei Regen ...

Das sei nunmal sein Problem, erfuhr der Bäcker von der Überwachungskraft des Ordnungsamts. Distelrath hat das Problem nicht alleine, unzählige Paketdienste, Pizzaboten und andere Auslieferungsfahrer haben es auch. „Das sind nunmal die Vorschriften der Straßenverkehrsordnung“, sagt Harald Beckers vom städtischen Presseamt, „die gelten bundesweit.“

Parken in der zweiten Reihe sei eben nicht erlaubt, Geh- und Radwege seien grundsätzlich auch tabu, bei Feuerwehrzufahrten und Behindertenparkplätzen sei auch der Abschleppwagen schnell da. Trotz solcher Regelungen gelingt es nicht immer, den Verkehr im Fluss zu halten. Beckers verweist auf zugeparkte Bushaltestellen, derentwegen die Busse auf der Fahrbahn halten müssen, was zu teils langen Rückstaus im Berufsverkehr führt.

„Es gibt massive Probleme mit Paketdiensten“, sagt Beckers. Deren Fahrer würden im knappen Verkehrsraum der Aachener Innenstadt oft keine regulären Parkplätze für ihre Lieferwagen finden. Dass sie dann in der zweiten Reihe stehen bleiben, erklärt sich Beckers auch mit dem „zeitlichen Druck“ in der Branche.

„Das ist eine Herausforderung für die Paketzusteller“, weiß Dieter Pietruck, Pressesprecher der Deutschen Post AG, zu der auch der Paketdienst DHL gehört. Dessen Fahrer würden allesamt darauf hingewiesen, dass die Straßenverkehrsordnung für sie keine Extrawürste bereithält. „Abgesehen von den Ausnahmeregelungen für Fußgängerzonen“, schränkt Pietruck ein. Dort dürfen die Autos von DHL und andere Lieferfahrzeuge morgens von 6.30 bis 12 Uhr und abends von 18.30 bis 21 Uhr fahren und parken, „Zu dieser Zeit ist der Fußgängerverkehr nicht so dicht wie sonst“, erklärt Harald Beckers. Weitere Sonderregelungen gebe es noch für Lebensmittellieferungen, wenn Kühlketten nicht unterbrochen werden dürften.

Außerhalb der Fußgänger-Reservate gibt es einige Liefer- und Ladezonen, etwa am Büchel vor dem Kaiserbad. Dort können Auslieferungsfahrer ihre Wagen abstellen und den Rest des Weges zum Kunden zu Fuß zurücklegen. Die DHL-Zusteller hätten dafür Handkarren im Auto, sagt Pietruck. Dennoch werde es immer schwieriger, das Geschäft zu organisieren, weil der Verkehr —auch in der eigenen Branche — immer weiter zunehme.

„Es fehlen Flächen, auf denen ein Wagen mal für zehn bis 15 Minuten abgestellt werden kann“, beklagt Ingo Bertram, der Pressesprecher des Paketdienstes Hermes. Denn allzu weit dürften solche Zwischenstationen nicht auseinander liegen. Strecken von 100 bis 150 Metern schweben ihm vor, „darüber hinaus wird es für die Boten unzumutbar“. Die würden oft mangels Ladezonen in der zweiten Reihe parken, „weil ihnen nichts anderes übrig bleibt“.

Gut findet Bertram das auch nicht. „Es nervt mich ja selbst, wenn ich dahinter im Stau stehe.“ Und den falsch parkenden Fahrern, die ihre Knöllchen aus der eigenen Tasche bezahlen müssten, mache das auch keinen Spaß. „Wir sind da an einer Lösung interessiert“, sagt Bertram.

Eine Lösung für Distelraths Problem in Brand könnte in der Nähe liegen. Unweit des Brander Marktplatzes gebe es eine Bucht, die als Liefer- und Ladezone genutzt werden könne, erklärt Presseamtsvertreter Beckers. Er räumt allerdings ein, dass der Bäcker von dort aus noch ein Stückchen Fußweg zu bewältigen hätte. Distelrath selbst würde es als Zeichen des guten Willens werten, wenn die Stadt ein Auge zudrücken könnte.

Für eine große Lösung dürfte das aber nicht reichen. Hermes-Sprecher Bertram verweist auf Wachstumsprognosen in der Paketdienst-Branche, die durch den zunehmenden Online-Handel befeuert werde. Experten erwarteten eine Verdoppelung der Lieferungen in den nächsten acht Jahren. „Wir müssen was machen“, sagt Bertram.

Nötig seien „alternative Konzepte“ wie etwa Packstationen, von denen aus die Boten ihre Pakete zu Fuß oder per Fahrrad verteilen könnten. Auch dafür würden Flächen gebraucht. Und wenn Dieselfahrverbote eingeführt würden, müsste eine große Flotte möglichst auf Elektromobile umgestellt werden. „Das geht alles nicht von heute auf morgen“, sagt Ingo Bertram.

Es ist nicht nur ein Problem von Bäcker Distelrath.

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