Aachen: Auf der Suche nach der eigenen Form

Aachen: Auf der Suche nach der eigenen Form

Ivo Huppertz hält eine Puppe in den Händen. Rote, gelockte Haare hat sie, Sommersprossen, sie trägt ein Sweatshirt, Kopfhörer hängen um ihren Hals. „Diese Puppe habe ich von meinen Freunden zum Geburtstag bekommen”, sagt er.

„Sie gefällt mir, weil sie genauso aussieht wie ich.” Wie er und kein anderer. Individuell, charakteristisch. Ivo erzählt diese Geschichte auf der Bühne einem Publikum. Er ist nicht der einzige. Andere berichten von Urlaubserlebnissen, von ihrem Drang zur Perfektion, von der Familie. Es sind persönliche, wahre Geschichten über sie selbst.

Sie sind Teil des Theaterstücks „Wie ein anderer” des Rohestheaters der Aachener Mies-van-der-Rohe-Schule. Mit dieser Eigenproduktion standen sie am vergangenen Samstag auf der Bühne des Jungen Schauspielhauses in Düsseldorf. Sie waren eingeladen worden zum Landesschülertheatertreffen „Maulhelden”, gemeinsam mit acht weiteren Schultheatern aus ganz NRW. Dort vertraten sie am Wochenende die Städteregion.

Bekannt im ganzen Land

So ein Ausflug zu einem überregionalen Theater-Ereignis ist für das Rohestheater keinesfalls Neuland. Seit seiner Gründung 1992 ist es schon mehrfach zum Landesschülertheatertreffen nach Düsseldorf gefahren, unter anderem mit der Inszenierung vom „Besuch der alten Dame” von Dürrenmatt oder der Eigenproduktion „Mephisto”. Und damit nicht genug. Fast jedes Jahr spielte die Truppe sich zu solchen Veranstaltungen, etwa zur Theaterwoche in Korbach, zum Theater der Jugend in Berlin, zum Schülertheaterfestival „Maskerade” in Düsseldorf oder auch zum internationalen Jugendtheatertreffen „Bina mira” in Bosnien Herzegovina. 2000 gab´s sogar eine Förderung durch den Aachener Friedenspreis. Zudem hat das Rohestheater bereits viermal NRW auf Bundesebene beim „Schultheater der Länder” vertreten.

Das Rohestheater ist also kein ganz normales Schülertheater. Was aber ist der Schlüssel zu ihrem Erfolg? Was macht den Unterschied zu anderen jungen Laientheatern? Für Theaterleiter Eckhard Debour, Deutsch- und Religionslehrer an der Schule an der Neuköllnstraße, liegt das vor allem an der eigenen Spielform: „Unsere Form ist das stilisierende, das abstrahierende Theater. Das heißt, wir spielen nicht einfach klassische Stücke in Kostümen nach. Sondern wir finden eigene Formen, durch Überlagerungen von Texten, durch Verfremdung und selbst entwickelte Szenen.”

Aktuell hat Debour mit seiner 32-Mann starken Gruppe für „Wie ein anderer” eine Collage aus biographischen Erzählungen, dem Kinderbuch „Pinocchio” und Peter Handkes Sprechstück „Kaspar” erarbeitet. Im vergangenen Juli kamen die ersten Konzepte für die neue Produktion auf den Tisch. Dann hieß es für die Schüler erstmal: lesen, lesen, lesen. In Gruppenarbeit näherte man sich schließlich den Textvorlagen und dabei auch sich selbst. „Wir haben uns gegenseitig persönliche Geschichten erzählt”, sagt der 18-jährige Tim Werths. „Und dann überlegt, wie wir die für das Stück verwenden können.”

„Jugendrelevanz”

Eigenleistung statt eines vorgesetzten Skripts, das ist Debours Anliegen. Heraus kommt so eine Aufführung, die sich abhebt. Optisch und inhaltlich. Das sehen auch die Schüler so. „Die Stücke sind nicht oberflächlich, sondern sehr vielschichtig. Man kann richtig viel interpretieren”, sagt Simon Mertens, der die 12. Klasse an der Mies-van-der-Rohe-Schule besucht. Bei „Wie kein anderer” geht es etwa um die komplexe Suche nach sich selbst. Wie Pinocchio auf dem Weg zum Erwachsenenwerden viele Abenteuer bestehen muss und Kaspar bei Handke seine Individualität sucht, tun das auch die Schüler vom Rohestheater. „Und darin liegt die Jugendrelevanz”, erklärt Debour. „Die ist uns wichtig. Und da viele klassische Stücke sich meist nicht auf das Jugendmilieu beziehen, müssen wir etwas Eigenes entwickeln.”

Dafür proben die Jung-Schauspieler und ihre Mitstreiter in Licht, Technik, Regie, Kostümen und Bühne fleißig. Neben der Schule, am Freitagnachmittag und am Wochenende. Mit Leidenschaft. Sicher ist auch das einer der Schlüssel zum Erfolg.