Campus West: Auf dem Weg zum großen Erfolgsprojekt

Campus West : Auf dem Weg zum großen Erfolgsprojekt

Experten erklären den Fortgang auf dem Campus West und zeichnen ein optimistisches Bild. Insbesondere die Verkehrsanbindung wird zur Herausforderung.

„Wir haben vor Augen, dass man in zehn Jahren in einem autonomen Shuttle vom Bahnhof zum Büro fahren kann“, sagte Dr. Klaus Feuerborn gegen Ende seiner Ausführungen. Der Geschäftsführer der Campus GmbH brauchte für diese Vision durchaus Mut, aber er hatte gute Gründe. Geäußert hat er sie im (wegen der Sperrungen am Ponttor) stauumtosten Audimax, im grünen Hörsaal, dessen Ausstattung seit einem halben Jahrhundert dem Zahn der Zeit trotzt. Mit Bahnhof ist der Westbahnhof gemeint, der sich seit Jahrzehnten in einem erbärmlichen Zustand befindet. In der öffentlichen Anhörung legten jetzt Experten der Verwaltung dar, wie es mit dem Campus West weitergeht, Bürger konnten erneut Anregungen, Kritik und Wünsche äußern.

Nur wenige Interessierte

Es verloren sich nur wenige Interessierte im antiquierten Vorlesungsgebäude Audimax. Ein Indiz dafür, dass sich die Wogen geglättet haben und die großen Diskussionen geführt worden sind? Für eine derartige Feststellung ist es sicher noch zu früh, doch die großen Kritikpunkte wie die Brücke der sogenannten Norderschließung und die geplanten Hochhäuser tauchten in der Diskussion kaum noch auf.

Allerdings sind die Planungen, die schon seit zehn Jahren laufen, in einigen wichtigen Punkten geändert worden. So ist die maximale Höhe der Gebäude reduziert worden: von 90 auf 70 Meter für den Campus-Tower, erläuterte Stadtplanerin Gabi Hergarten, von 65 auf 50 Meter für die sogenannten Hochpunkte mit zwölf Geschossen in jedem Cluster. „Wir sind deutlich runtergegangen.“ Und die Brücke, die als Bestandteil des 26 Meter breiten Campusbandes die beiden Campus-Projekte West und Melaten miteinander verbindet, stellt sich durch die Wahl einer anderen Trasse ebenfalls erheblich weniger wuchtig dar und wird deshalb das Landschaftsbild auch weniger stören, jetzt noch 44 Meter lang und 8,50 Meter hoch. Mit ihrem Bau könnte es etwa im Jahr 2021 losgehen, das jetzt noch am Anfang stehende Bebauungsplanverfahren könnte etwa in einem Jahr abgeschlossen sein, schätzte Hergarten.

Ende 2023 könnte das erste Gebäude auf dem Campus West fertiggestellt sein, schätzte Geschäftsführer Feuerborn. Er lieferte in seinem Kurzvortrag hochinteressante Daten. 2005 sei man mit dem Projekt Campus Melaten gestartet, zusammen mit privaten Investoren hat die Elite-Uni Forschungsflächen geschaffen. 10.000 Arbeitsplätze sollten entstehen, zwei Milliarden Euro investiert werden, das waren die Vorgaben zu Beginn. Etwa ein Viertel dieses Weges habe man bislang geschafft, 2500 Jobs sind schon entstanden, 500 Millionen in Gebäude gesteckt worden. Das Inte-
resse der Industrie sei riesig, mehr als 400 Unternehmen hätten sich eingeschrieben, viele auch schon niedergelassen, angelockt etwa durch Leuchtturmprojekte wie das Elektroauto E.go: „Wir haben andere hochspannende Projekte.“ Die weitere Entwicklung im Campus West stellt sich Feuerborn als eine Art Stadtlabor vor, alle Innovationen zum Beispiel in Informations-, Digital- und Mobilitätstechnologien berücksichtigend, etwa das bereits erwähnte autonome Fahren.

Ein Projekt mit echter Aufenthaltsqualität: Der Campus wird auch städtebaulich gestaltet. Foto: "Masterplan: RKW / FSW / BSV, Visualisierung: formtool"

In diese schöne neue Welt passt allerdings kaum die Tatsache, dass für jedes der zwischen Westbahnhof und Süsterfeldstraße geplanten fünf Forschungscluster ein eigenes sechsgeschossiges Autoabstellgebäude vorgesehen ist, vier oberirdisch, eins unter der Innovation Factory, in der Erde. Feuerborn: „Wir wollen den Verkehr aus der Stadt raushalten und keine Parkhäuser bauen.“ Doch die gegenwärtigen Vorgaben zwingen dazu, allerdings sind vor kurzem neue Landesrichtlinien erlassen worden, die diese unmittelbare Verknüpfung mit dem Individualverkehr (Pkw) möglicherweise reduzieren. Feuerborn: „Wir können flexibel reagieren.“

Freilich ist es nicht so, dass durch den Campus West nicht zusätzliche Belastungen auf die Umgebung zukommen. Der Verkehr etwa wird um 6000 Pkw-Fahrten pro Tag zunehmen, legte Verkehrsgutachter Alexander Göbbels von einem eigens beauftragten Büro dar. Zusammen mit den noch einmal gut 6000 Pkw pro Tag für die zweite Hälfte des Campus Melaten also rund 12.000 zusätzliche Autos, die bei der sukzessiven Verwirklichung der Campus-Projekte auf den jetzt schon stark belasteten Verkehrsachsen, etwa Pariser Ring, der Autobahn Hollandlinie, der Kohlscheider Straße oder der Roermonder Straße landen, die jetzt schon Spitzenbelastungen zwischen 28.000 und 62.000 Pkw aufweisen. Aber: „Das Verkehrsaufkommen lässt sich grundsätzlich im Bestandsnetz abwickeln.“ An einigen Knotenpunkten müsse man allerdings etwas tun, Gespräche seien auch schon mit dem Land aufgenommen, wurde dazu versichert – etwa über die jetzt schon überlastete Autobahnabfahrt Laurensberg.

Auch der Knoten zwischen Roer-
monder Straße und Kohlscheider Straße wird wahrscheinlich neu und leistungsfähiger gestaltet werden müssen, ebenso die Süsterfeldstraße, von der aus das zentrale Campusband (bis zu 5300 Pkw pro Tag) in Höhe Kühlwetterstraße beginnt. Allerdings sind anhand der Prognosen auch Entlastungen, etwa für den Seffenter Weg, zu erwarten. Und auch die Verkehrswende, der Umstieg auf ÖPNV, Fahrrad, Roller oder Fußwege, lasse erwarten, dass die Gesamtbelastung nicht zunehme. Auf dem bis zu 26 Meter breiten Campusband sind beispielsweise nur 6,5 Meter für Fahrbahnen vorgesehen, dazu getrennte Radwege und eine Grüntrasse, auf der auch eine Regiobahn verkehren könnte, entsprechende Überlegungen werden angestellt.

Bürgeranhörung im Audimax: Die wenigen Besucher nahmen die Pläne und Informationen mit großem Interesse auf. Foto: Heike Lachmann

Ob denn diese Stadt, die den Klimanotstand ausgerufen hat, die Zunahme des Verkehrs und der Bebauung in diesem Bereich überhaupt verkraften könne, wollte ein Besucher wissen. Klaus Meiners von der Umweltverwaltung sieht das durchaus optimistisch: „Ich bin zuversichtlich, dass uns dieses Projekt nicht auf die Füße fällt und die Probleme lösbar sind.“ Die Kaltluftschneise im Wildbachtal werde wohl nicht ernsthaft gestört, für die Lufthygiene werde es ein Gutachten geben, ebenfalls zu den zu erwartenden Lärmbelästigungen: „Stadtklimatisch ist das eine verträgliche Entwicklung.“ Und alle Expertisen würden sofort ins Internet gestellt versicherten die Stadtvertreter, die eigentliche Offenlage mit der Möglichkeit der Eingaben stehe ja erst noch an. Verkehrsplaner Uwe Müller: „Wir haben sehr gut zugehört.“

Überhaupt solle der Campus West ja ein Mischgebiet werden, mit Wohnungen wie am Guten Hirten, Gewerbe, Gastronomie und Dienstleistungen, skizzierte Stadtplanerin Hergarten die Marschrichtung. Und auch weit darüber hinaus ausstrahlen: „Dort soll ein Entwicklungsimpuls für das gesamte Gebiet
Roermonder Straße/Kackertstraße gesetzt werden.“ Dort sei zum Beispiel dann auch sechsgeschossige Bebauung vorstellbar.

Nicht im Wege stehen

Klar ist, dass die Wissenschaftsstadt die Pläne ihrer wahrscheinlich wichtigsten Institution RWTH mit allein 10.000 Beschäftigten, 50.000 Studenten und zahllosen Firmenausgründungen nicht im Wege stehen wird – im Gegenteil. So wird in absehbarer Zeit auf zusammen 2,5 Quadratkilometern eine der größten Technologieflächen Europas entstehen, zeigte Geschäftsführer Feuerborn auf, auch wenn die Technische Hochschule sich weniger auf die Grundlagen als auf die Anwendungen richte: „Wir bewegen uns auf die Industrie zu.“

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