Auf dem CHIO in Aachen kann man einen modernen Pferdeflüsterer erleben

Der moderne Pferdeflüsterer im Selbsttest : Wenn das Pferd den Menschen analysiert

Jean-Paul und sein Pferd Volvic analysieren Annikas Charakter

Auf dem CHIO verspricht Pferdetherapeut Jean-Paul Berard, innerhalb weniger Minuten den Charakter eines Menschen zu ergründen – mit dem Pferd als Mediator. Unsere Redakteurin Annika Kasties wagt den Selbstversuch.

Als Volvics massiver Kopf im schwarzen Eimer verschwinden, bin ich davon überzeugt, dass alles verloren ist. Die Ablenkung ist einfach zu groß. Wie soll ich dieses Tier nur dazu bringen, den Eimer in der Ecke Eimer sein zu lassen und zu traben – mit mir, einer Frau, die er 30 Sekunden vorher zum ersten Mal beschnuppert hat? Und die – zugegeben – so gar keine Ahnung von Pferden hat. Wir sprechen in vielerlei Hinsicht nicht dieselbe Sprache, Volvic und ich. Er – Franzose ohne nennenswerte Deutsch- oder Englischkenntnisse, ich – eine Deutsche, die sich in Paris gerade mal einen Kaffee und ein Croissant in der Landessprache bestellen könnte. Und die Sprache der Pferde? Meine Erfahrungen mit den Huftieren beschränken sich auf zwei Reitstunden vor etwa 20 Jahren. Und dem erniedrigenden Erlebnis, als Kind während einer Pony-Wanderung immer, aber auch wirklich immer wieder mitten durchs Gebüsch geführt zu werden.

Die einzige Regel: Nicht anfassen!

Warum also stehe ich hier, mitten im CHIO-Village, in einer eingezäunten Koppel mit Blick auf den Eiffelturm? Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen. Zwei Minuten lang soll ich mit dem zehn Jahre alten Volvic interagieren. Und wenn es besonders gut läuft, dann bringe ich ihn zum Traben. Anders als in den anderen Stadien in der Soers gucken mir zwar zum Glück nicht Tausende Zuschauer bei meinem Unterfangen zu. Beobachtet werde ich dennoch. Von Jean-Paul Berard. Und einem guten Dutzend Schaulustiger, die vermutlich herauszufinden versuchen, was ich da mitten im CHIO-Village nur treibe. Ein Umstand, dessen ich mir stärker bewusst bin als mir lieb ist.

Dabei könnten mir die Zuschauer eigentlich egal sein. Was zählt, sind die Beobachtungen von Jean-Paul Berard. Der Pferdetherapeut aus Frankreich stellt auf dem CHIO seine Arbeit vor. Er besucht Firmen und Unternehmen, um mit ihnen Kurse für eine bessere Teamarbeit zu machen. Oder aber, um Konflikte zu ermitteln und Lösungsstrategien zu finden. Sein Pferd ist dabei Mediator zwischen dem Therapeuten Berard und seinen Kunden. In der Soers tritt der 60-Jährige als moderner Pferdeflüsterer auf. Sein Versprechen: „Ich sehe, wie das Pferd mit dir interagiert, und sage dir dann, wer du bist.“

Der Pferdeflüsterer: Für Jean-Paul Berard sagt die Art und Weise, wie seine Pferde mit Menschen interagieren, viel über den Charakter der Menschen aus. Foto: Ines Kubat

Eine Charakterstudie innerhalb weniger Minuten – und das mit Hilfe eines Pferdes? Ich bin skeptisch. Was soll man auf diese Art und Weise schon über einen anderen Menschen erfahren? Egal. Viel wichtiger ist, was ich in diesem Moment über mich erfahre. Nämlich, dass ich absolut nicht weiß, was ich mit einem Pferd anstellen soll, wenn ich genau eine Regel zu befolgen habe: Nicht anfassen! Das ist gar nicht mal so einfach, wie sich herausstellt. Mein Instinkt sagt mir nämlich genau das Gegenteil. Offensichtlich beschränkt sich der notorische Streichelwunsch eben nicht nur auf Hunde. Wieder was gelernt. Was ich nicht lerne, ist, wie ich Volvics Aufmerksamkeit erfolgreich auf mich ziehen kann. Ein paar Meter trottet er zwar hinter mir her. Mit einer Gemütlichkeit, die Balu, den Bären vom Dschungelbuch, zwar imponieren würde. Die mir in diesem Moment aber wenig hilft. Denn nach dem Eimer, den es zu beschnuppern gilt, kommt das Kleinkind, das sich begeistert über den Zaun hängt und seine Hand ausstreckt. Klar, das weiß ja auch nichts von der „Nicht anfassen“-Regel. Ein klarer Fall von unfairem Vorteil. Auch die paar Brocken Französisch, die ich noch aus Schulzeiten parat habe, sind wenig Hilfe. „Allez“. „On y va“. Nichts. Volvic bleibt einfach stehen und wendet seinen Blick ab. Ob er das mit den verschmähten Reitstunden schon längst durchschaut hat und mir das krummnimmt? Besser nicht zu viel in die Situation hineininterpretieren.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die sicherlich nur auf ganz speziellen Uhren zwei Minuten misst, ruft mich Jean-Paul Berard zu sich. So viel steht schon mal fest: Das mit dem Trab war wohl nichts. Jetzt bin ich gespannt. „Wenn du Menschen triffst, die du nicht kennst, dann bist du freundlich und lächelst viel. Du kennt und respektierst also die Regeln zwischen Menschen“, sagt er. Das klingt schon mal nicht schlecht. „Aber du gibst Fremden nicht viel von dir preis, sondern hältst dich ein bisschen bedeckt. Dich kennenzulernen und dein Vertrauen zu gewinnen, das braucht Zeit.“ Mehr noch: „Du willst keine Zeit verplempern und deine Aufgaben so gut wie möglich erfüllen. Wenn es nicht vorangeht, dann wirst du unruhig.“ Ich fühle mich ertappt. Das hat er innerhalb weniger Momente erkannt? Anhand seines Pferdes? Jean-Paul Berard erklärt mir warum. „Pferde sind sehr sensible Tiere und uns in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Sie leben in Gruppen und haben untereinander Regeln.“ Um glücklich zu sein, müssten sie sich in einem freundlichen Umfeld befinden. „Die Art, wie sie auf Menschen reagieren, ist deshalb ein guter Hinweis auf den Charakter eines Menschen“, sagt er.

Um Menschen zu durchschauen, greift Jean-Paul Berard seit Jahren auf Pferde zurück. Und zwar nicht erst, seitdem er die Tiere in beruflicher Hinsicht als Mediatoren nutzt. Er selbst habe früher Schwierigkeiten gehabt, mit Menschen zu interagieren, und sich deshalb den Pferden zugewandt, erzählt er. Über sie habe er dann gelernt, auch die Menschen zu verstehen.

Auf Tuchfühlung: Unsere Redakteurin Annika Kasties hat sich von dem zehnjährigen Volvic auf dem CHIO unter die Lupe nehmen lassen. Foto: Harald Krömer

In meinem Fall geht dieses Verständnis vielleicht auch so weiter: Man sollte die Dinge auch mal gelassen angehen. Zum Beispiel dann, wenn der Pferdekopf wieder im schwarzen Eimer verschwindet.

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