Aachen: Auf dem Campus West geht es nach langer Zeit ein Schrittchen weiter

Aachen : Auf dem Campus West geht es nach langer Zeit ein Schrittchen weiter

Angekündigt wurde der Durchbruch für den Campus West in den zurückliegenden Jahren schon mehrfach, doch nun soll er wirklich gelungen sein: Noch in diesem Monat wird die RWTH das seit langem heiß ersehnte Gelände am Westbahnhof in Besitz nehmen und in den kommenden Jahren zu einer neuen riesigen Forschungslandschaft ausbauen — im Verbund mit dem Campus Melaten und dem Campus Innenstadt soll es die größte in ganz Europa werden.

Zähe Verhandlungen mussten die Beteiligten von Stadt, Land und Hochschule in den letzten Jahren führen, um das Projekt voranzubringen. Man könne manchmal an den handelnden Akteuren verzweifeln, erklärte am Freitag der aus Aachen stammende Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der es seiner Regierung zugutehält, dass nun endlich der Notartermin festgelegt werden konnte, bei dem die entscheidenden Grundstücksfragen geklärt werden sollen. 170.000 Quadratmeter ehemaliges Bahngelände gehen dann für einen zweistelligen Millionenbetrag vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes in den Besitz der RWTH über. Platz genug soll das sein für zehn weitere Forschungscluster, die dort in den nächsten Jahren geschaffen werden sollen.

Bundesweit einzigartig

Aus Sicht des RWTH-Kanzlers Manfred Nettekoven eröffnen sich für die Hochschule mit dem Grundstückskauf völlig neue Möglichkeiten. So wird die RWTH nicht länger nur — wie sonst üblich — Mieter von Gebäuden sein, sondern selbst als Bauherr auftreten können. Bundesweit sei dies einzigartig. Und noch immer ist nicht endgültig klar, ob und wie die RWTH das künftig gestemmt kriegt. Woher kommt das nötige Geld? Und wird weiteres Fachpersonal für Ausschreibungen, Planungen und Auftragsvergaben benötigt? Das sind Fragen, die weiterhin mit Land, Bund, Stadt und auch mit Drittmittelgebern geklärt werden müssen.

Am Freitag aber überwog die Freude über den nächsten großen Schritt, mit dem sich die RWTH „zu einer der weltweit führenden technischen Universitäten“ mausern will, wie es in der Eigendarstellung heißt. Maßstäbe wolle man setzen, erklärte auch Nettekoven, wobei er insbesondere an die Mobilität von morgen und die voranschreitende Digitalisierung denkt, an der auf dem Campus West vorrangig geforscht werden soll. Wie bereits auf dem Campus Melaten, auf dem laut RWTH-Pressesprecher Thorsten Karbach inzwischen nahezu alle Flächen verplant oder zumindest reserviert sind, soll auch auf dem Campus West gezielt die Nähe zur Industrie und zu privaten Investoren gesucht werden.

Man werde dort an einer „kleinen industriellen Revolution“ arbeiten, kündigt Nettekoven an. Aachen könne damit zum wichtigsten Hightech-Standort Deutschlands werden. Dank der nun absehbaren Weiterentwicklung des Campus West könne man Spitzenforscher nach Aachen holen, „die man normalerweise nicht so leicht kriegt“.

Wie kaum ein anderes Projekt werde der neue Campus aber auch das Bild der Stadt verändern, ist Oberbürgermeister Marcel Philipp überzeugt. Der Campus West sei das größte und wichtigste städtebauliche Projekt der kommenden Jahre. Er schaffe die Verknüpfung zwischen den Hochschulbereichen Melaten und Innenstadt. Zwar liegen erste Entwürfe zur künftigen Bebauung bereits vor, dennoch stehe auch den städtischen Planern noch viel Arbeit bevor. Philipp rechnet damit, dass bis zum Jahr 2020 Baurecht auf dem riesigen Westbahnhof-Gelände zwischen Republikplatz und Süsterfeld geschaffen und mit der Entwicklung begonnen werden kann. Viele Gebäude werden allerdings auch erst deutlich danach entstehen.

Wie lange sich eine solche Entwicklung hinziehen kann, ist auf dem Campus Melaten gut zu sehen. Seit 2009 werden dort sechs Forschungscluster entwickelt — und noch immer wartet viel freie Fläche auf die weitere Bebauung. „Es hat ein bisschen länger gedauert“, meint Philipp, „aber inzwischen klappt es wunderbar.“

Wie auf Melaten wird die Stadt auch im Aachener Westen die nötige Infrastruktur zur Erschließung des neuen Campus schaffen müssen. Rund 20 Millionen Euro will sie sich das kosten lassen, doch längst ist fraglich, ob diese Summe tatsächlich reichen wird. Denn alleine für den Bau einer neuen — und von Anwohnern vehement bekämpften — Brücke, die die beiden Bereiche Melaten und West verbinden soll, sind rund 15 Millionen Euro veranschlagt.

10.000 Arbeitsplätze

Von solchen Zahlen und Details war am Freitag allerdings weniger die Rede. Stattdessen überwog die Hoffnung, viele neue industrielle Arbeitsplätze schaffen zu können. Immer noch ist von rund 10.000 neuen Jobs die Rede, die mit der Campus-Entwicklung geschaffen werden sollen. Schon heute würden sich rund 360 Unternehmen auf dem Campus engagieren und die Nähe zur Hochschule suchen.

Zu den Leuchtturmprojekten zählen insbesondere die Entwicklungen im Bereich Elektromobilität, aus denen etwa die Fahrzeuge Streetscooter, der inzwischen von der Post gebaut und vertrieben wird, und e.GO, der in Kürze in die Serienfertigung gehen soll, hervorgegangen sind. Gearbeitet wird in Aachen auch an fahrerlosen Autos, die dann auch auf dem Hochschulgelände unter Alltagsbedingungen auf die Strecke geschickt werden sollen. „Living Lab“ nennt die RWTH dieses Testverfahren.

SPD „verwundert“ über Verzögerungen

Im Jahr 2011 ist die Entwicklung des vor gut zehn Jahren ins Gespräch gebrachten Campus West ins Stocken geraten. CDU und SPD geben sich inzwischen gegenseitig die Schuld für die Verzögerungen.

Auf die Pressekonferenz am Freitag mit Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) reagierten die Aachener SPD-Spitzen Karl Schultheis und Michael Servos mit einer Presseerklärung, in der es unter anderem heißt: „Wir freuen uns, dass die Landesregierung den seit über einem Jahr andauernden Prozess des Grundstückverkaufs endlich soweit gebracht haben könnte, dass die noch offenen Verhandlungspunkte geklärt werden konnten und der Verkauf nun schnellstmöglich dem Landtag zur Genehmigung vorgelegt werden kann.“

Schultheis verweist darauf, dass die Verkaufsentscheidung bereits vor der Landtagswahl im vergangenen Jahr gefallen sei, daher verwundere es, „dass es sich dennoch so lange hingezogen hat, die vertraglichen Details abzustimmen“. Für Aachen sei der Grundstücksverkauf ein wichtiger Schritt zur weiteren Stärkung des Wissenschaftsstandorts, bekräftigt die SPD. „Wir werden alles tun, den städtischen Planungsprozess für das Areal weiter zu beschleunigen und so schnell wie möglich zum dringend erforderlichen Abschluss zu bringen.“

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