Aachen: Auch viel Trennungsstreit beschäftigt das Jugendamt

Aachen : Auch viel Trennungsstreit beschäftigt das Jugendamt

Prügel, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch: Das passiert Kindern. Das passiert auch Kindern in Aachen. Das städtische Jugendamt hat allein im vergangenen Jahr 106 junge Menschen in seine Obhut genommen, weil das Wohl dieser Kinder so dramatisch gefährdet war, dass sie, zumindest zeitweise, nicht mehr bei ihren Eltern bleiben konnten.

Pro Jahr hat das Jugendamt mit 600 bis 700 Fällen von Kindeswohlgefährdung zu tun. Und bei aller Hilfe und Begleitung, die die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter den betroffenen Familien anbieten: Das Wohl der Kinder steht immer an erster Stelle, betont Brigitte Drews, Abteilungsleiterin im städtischen Fachbereich Kinder, Jugend und Schule. Ob man ein Kind (zunächst) in seiner Familie lasse oder es in Obhut nehme, das sei dabei die schwierigste Entscheidung. Manchmal hängt sogar ein junges Leben davon ab. Auch in Aachen hat es in der Vergangenheit vereinzelt Fälle gegeben, in denen Kinder durch elterliche Gewalt ums Leben kamen.

Die Arbeit der Jugendämter in Deutschland stand zuletzt verstärkt im Fokus der Aufmerksamkeit. Nach einer Studie der Hochschule Koblenz, für die mehr als 600 Mitarbeiter aus 175 Jugendämtern befragt worden waren, sind die Jugendämter zu schlecht ausgestattet, um Kinder wirksam vor Misshandlung zu schützen. Zu wenig Personal, zu viele Fälle, unzureichende Ausstattung, so lautete der Befund, der deutschlandweit Schlagzeilen machte.

Für Aachen will Jugendamtschef Heinrich Brötz das allerdings nicht gelten lassen. „Dass das Jugendamt nicht in der Lage sein soll, professionelle Arbeit für Kinder und Jugendliche zu leisten, das weisen wir weit von uns“, sagt er mit Nachdruck. Natürlich müsse man Strukturen immer wieder überprüfen, „denn Bedarfe verändern sich.“ Jüngstes Ergebnis einer solchen Anpassung an den Bedarf ist die Einrichtung des neuen Sozialraumteams IX für Aachen.

Organisationsuntersuchung

Dieses Kriseninterventionsteam kommt bei akuten Fällen von Kindeswohlgefährdung zum Einsatz. Mit dem Sozialraumteam 9 ist die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sozialen Dienst des Jugendamts auf 115 gestiegen. Es sei kein Problem, neue Stellen zu besetzen, stellt Brigitte Drews erfreut fest. „Wir erhalten in diesem Bereich auch regelmäßig Initiativbewerbungen.“ Die Katholische Hochschule in Aachen und die guten Kontakte dorthin seien dabei durchaus hilfreich.

Angelaufen ist im Jugendamt zudem eine große Organisationsuntersuchung, in der alle Prozesse genauestens betrachtet und bewertet werden. „Das ist echte Pionierarbeit“, sagt Heinrich Brötz zu dem aufwändigen Verfahren. Er ist überzeugt: „Darum werden uns die anderen Kommunen beneiden.“ Ende des Jahres sollen erste Ergebnisse vorliegen. Auf der Basis diese Analyse, erwartet Brötz, werde sich künftig auch der konkrete Personalbedarf genau belegen lassen.

Die Bandbreite der Schicksale, mit denen die Sozialarbeiter konfrontiert werden, ist riesig. Da kommt der 17-Jährige, der zu Hause rausgeflogen ist und nicht weiß, wo er unterkommen soll. Da meldet sich — das gibt es tatsächlich — ein Kind und sagt: „Ich bekomm‘ von meinen Eltern zu Hause kein Taschengeld.“ Da rufen Nachbarn an, weil sie sich um das Kleinkind in der Wohnung nebenan sorgen.

Und ganz häufig beschäftigt Zoff unter getrennt lebenden Partnern das Jugendamt. „Da streiten Eltern auf Kosten des Kindes“, sagt Brötz. „Da wird mit ganz harten Bandagen gekämpft. Als ich hier in Aachen anfing, habe ich gestaunt, wie viele Trennungsgeschichten übers Jugendamt ausgetragen werden.“

Schwere Fälle besonders im Blick

Ein anhaltend großes Thema ist die Betreuung von Kindern, die mit psychisch kranken Eltern leben. Und immer wieder in den Blick nehmen müssen die Fachleute vom Jugendamt Jugendliche, die selbst von den vorhandenen Hilfesystemen nicht mehr erreicht werden, die zum Beispiel in einem Kinderheim auch in der Intensivgruppe nicht klarkommen.

In Fachkreisen werden diese Kinder „Systemsprenger“ genannt, ein Begriff, den Heinrich Brötz eigentlich unglücklich findet. In Aachen werden diese Kinder in speziellen Kleinstgruppen für junge Leute ab zwölf betreut. „Wir überlegen derzeit, diese Gruppen auch schon für Sechsjährige zu öffnen“, sagt Brigitte Drews. Auch das sagt wohl etwas aus über die Dringlichkeit des Problems.

Ausdrückliches Lob kommt aus dem Jugendamt für die gute Zusammenarbeit mit der Politik in Aachen und für eine engagierte und experimentierfreudige Trägerlandschaft, die mit neuen Angeboten auch viel zum wichtigen Aspekt Prävention beitrage, wie Heinrich Brötz und Brigitte Drews betonen.

Mehr von Aachener Nachrichten