Aachen: Asbestputz: „Kein Grund zur Panik“

Aachen : Asbestputz: „Kein Grund zur Panik“

Man sieht sie nicht, schmeckt sie nicht, riecht sie nicht, aber ihr Ruf könnte schlimmer kaum sein: Asbestfasern gelten als potenziell krebsauslösend und lebensgefährlich. Seit 1993 darf Asbest nicht mehr verbaut werden, doch die Gefahren lauern bis heute in ungezählten Gebäuden.

Diese Erfahrung machen die Fachleute der Stadt Aachen seit Jahren — und seit kurzem ist ein weiteres Problem erkannt worden: Asbest in Putz und Spachtelmassen.

Vor gut drei Jahren wurden die Leute um Klaus Schavan, der als technischer Leiter des städtischen Gebäudemanagements für insgesamt rund 550 Gebäude der Stadt verantwortlich ist, mit dieser Thematik erstmals bei der Sanierung der städtischen Musikschule am Blücherplatz konfrontiert.

Die Frage lautete seitdem: Wie gefährlich ist asbesthaltiger Putz, der vor allem in den 1950er bis 1970er Jahren vielfach verwendet wurde? Am Dienstag gaben Verantwortliche von Stadt, Städteregion und der hinzugezogene Sachverständige und Asbestspezialist Otmar Reifer in einer großangelegten Pressekonferenz die Antwort: „Kein Grund zur Panik.“

Im Alltag gehe keinerlei Gefährdung von den fraglichen Putzsorten aus, versicherten übereinstimmend Schavan, Reifer und Hilde Opdenberg, die beim Gesundheitsamt für die Innenraumhygiene öffentlicher Gebäude zuständig ist. Denn erstens seien nur geringe Mengen Asbest in Putz und Spachtelmassen vorhanden, die Fasern seien fest in einer Kalkschicht eingebunden und zudem in aller Regel von einem Anstrich überdeckt. Bei „normalem Nutzerverhalten“ drohe keine Gefahr. Selbst bei massiveren Eingriffen wie Bohren oder Putzabschlagen konnte Fachmann Reifer keine Faserbelastung in der Raumluft feststellen.

Der Aussage liegen umfangreiche und praxisnahe Untersuchungen zugrunde, wobei die Experten vor allem auch den Alltag in Schulen und Kindertagesstätten im Blick hatten. Genau diese Bauten werden derzeit auch vorrangig untersucht, wie Schavan darlegte.

36 der 56 städtischen Kitas wurden vor 1993 errichtet, könnten demnach also asbestbelastet sein. 29 wurden bereits untersucht, nur vier sind jedoch laut Schavan betroffen. Die Namen wollte er am Dienstag nicht nennen, weil er zunächst das Personal informieren will. Gleiches gilt für die 59 Schulen, von denen bislang 39 untersucht wurden und von denen wiederum 14 betroffen sind, deren Namen ebenfalls nicht genannt wurden. Vor allem den Hausmeistern sollen in Kürze jedoch Hinweise und Anweisungen gegeben werden, was im Falle einer Asbestbelastung zu tun ist.

Nägel einschlagen gilt als unproblematisch. Und auch der Stuhl, der gegen die Wand fällt und den Putz rieseln lässt, sei noch keine Gesundheitsgefahr. Beim Bohren hingegen sollen künftig Absaugvorrichtungen eingesetzt und auch ein Atemschutz empfohlen werden. Weitreichendere Vorkehrungen müssen hingegen bei Türdurchbrüchen, Rohrbrüchen oder etwa auch beim Austausch von Fenstern oder Heizungen getroffen werden.

Und im Falle einer Grundsanierung werden ohnehin alle Schadstoffe beseitigt, wie Rolf Lenzen-Gasper vom Gebäudemanagement erklärte. Auch gehe jeder Baumaßnahme eine Materialuntersuchung voraus, versicherte er. Sollte dabei Asbest entdeckt werden, würden sofort alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.

„Ich habe ein persönliches Interesse daran, dass wir gut aufgestellt sind“, betonte Schavan, der eigener Einschätzung nach auch für mögliche Gesundheitsschäden der Gebäudenutzer haftbar gemacht werden könnte. Man packe das Thema in Aachen daher schon seit Jahren „professionell, sachlich und konsequent“ an, betonte er.

Erleichtert nahm dies auch Heinrich Brötz zur Kenntnis, der den städtischen Fachbereich Kinder, Jugend und Schule leitet. Das Thema sei „sehr heikel“, weiß er. Denn nicht zuletzt machen sich auch viele Eltern Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder. „Die Erkenntnisse haben mich ungemein beruhigt“, sagt er.

Spätestens im nächsten Jahr will die Stadt für alle Schulen und Kitas Gewissheit über die Qualität des Putzes und der Spachtelmassen haben. Die Untersuchung der weiteren städtischen Gebäude wird laut Lenzen-Gasper hingegen noch Jahre in Anspruch nehmen.

Unterdessen verwies Schavan darauf, dass asbesthaltiger Putz ja nicht nur an den Wänden der öffentlichen Gebäude pappt. „Wir gehen davon aus, dass 20 bis 25 Prozent der Gebäude betroffen sind, die vor 1993 errichtet wurden“, sagte er. „Das ist im privaten Bereich nicht anders.“

Der asbesthaltige Putz ist somit auch noch in vielen Einfamilienhäusern, Mietshäusern, Garagen oder Industriebauten zu finden. Wer beim Bohren künftig auf Nummer sicher gehen will, sollte daher zumindest über einen Atemschutz nachdenken.