Aachen: Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft?

Aachen: Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft?

Mit einer Mahnwache wurde am Montagabend vor der Synagoge der Opfer der Pogromnacht vor 71 Jahren gedacht. Eindringliche Mahnungen dabei: Man müsse dafür Sorge tragen, dass sich das Geschehene nie wiederholt.

Ähnlich wie in anderen deutschen Orten war auch in Aachen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge von SA-Männern und Bürgern in Brand gesteckt worden. Juden waren misshandelt, ihre Wohnungen und Geschäfte zerstört worden.

Aufruf des OB

Rund 120 Menschen hatten sich bei Nieselregen vor der Synagoge versammelten. Organisiert hatte die Mahnwache ein Bündnis religiöser, antifaschistischer und linker Initiativen, Vereine und Parteien. Ebenso unter den Teilnehmern waren Vertreter der im Rat vertretenen Parteien und Oberbürgermeister Marcel Philipp. Zuletzt hatte der OB wegen eines Neonazi-Aufmarsches dazu aufgerufen, sich an der Gedenkfeier für die Opfer der Pogromnacht zu beteiligen. Man könne so der Opfer gedenken, aber ebenso ein Zeichen für die Demokratie und eine menschlichere Zukunft setzen.

Von Neonazis ermordet

In einem Redebeitrag wies Kurt Heiler von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) darauf hin, dass das Gedenken im Schatten der Feiern zum zwanzigsten Jahrestages des Mauerfalls stehe. Dabei müsse jedoch auch daran erinnert werden, dass seit dem Fall der Mauer in Deutschland über 130 Menschen durch neonazistische Täter ermordet worden seien. Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus reichten heute bis hinein in die Mitte der Gesellschaft. Heiler verwies auf den Bundes-Banker Thilo Sarrazin, der gegen Migranten gewettert habe. Die Stichwortgeber der Neonazis säßen nicht nur in deren Reihen, so die scharfe Kritik.

Nach 60 Jahren vor Gericht

Erinnert wurde durch eine Sprecherin des Arbeitskreises „Kein Vergessen” auch an den Prozess gegen einen ehemaligen SS-Mann in Aachen. Trotz Ermittlungen und Urteilen gegen diesen in den Niederlanden habe der deutsche Staat ihn erst nach rund 60 Jahren vor Gericht gestellt. Nun aber, so die Sprecherin, versuche dessen Verteidigung, den 88-Jährigen, der all die Jahre unbehelligt in Deutschland leben konnte, als Opfer der Justiz darzustellen. Das sei eine unglaubliche Umkehrung von Täter und Opfer. Überdies besuchten Neonazis das Verfahren provokativ, und auch sie verdrehten die Tatsachen, stilisierten den ehemaligen SS-Mann zum Opfer.

Jüdisches Totengebet

Verlesen wurden im Rahmen der Mahnwache auch bewegende Berichte über die Verschleppung von Juden in das KZ Buchenwald. Die Schauspielerin Elisabeth Ebeling vom Theater Aachen rezitierte ein Gedicht von Heinrich Heine. Der Geiger Illya Kiuila, Mitglied der jüdischen Gemeinde, begleitete das Gedenken mit jiddischer Musik.

Am Ende sprach Rabbiner Mordechai Bohrer das eindringliche jüdische Totengebet für die Opfer des Holocaust, in deutscher und in hebräischer Sprache.