Aachen: Anti-Gewalt-Training für junge Straftäter: Wieder Mitleid lernen

Aachen : Anti-Gewalt-Training für junge Straftäter: Wieder Mitleid lernen

Der Kampf gegen sich selbst ist bekanntlich am schwierigsten zu gewinnen. Die jugendlichen Straftäter, die bei Siegfried Schölzel landen, müssen ihn dennoch aufnehmen — selten aus eigenem Antrieb, sondern weil sie ein Richter dazu verdonnert hat. Entsprechend gering war bei den meisten der zehn jungen Männer die Motivation, als sie Anfang März das erste Mal zum Anti-Gewalt-Training in den Räumen des Tai Kien Boxsportvereins Eilendorf erschienen.

Im Laufe der folgenden sechs Monate sollte sich das aber grundlegend ändern. „Das Wichtigste ist, dass sie nicht mehr vom Faustrecht Gebrauch machen und lernen, Empathie für die Opfer zu entwickeln“, sagt Anti-Gewalt-Trainer Schölzel. Das ist insofern schwierig, weil diese teils schwere Verletzungen davongetragen haben und bei den Jugendlichen vor allem zu Beginn des Trainings kaum Reue für die eigenen Taten erkennbar war. Erst als sie selbst im Rahmen des Programms die Rolle des Opfers einnehmen mussten, sagen sie später einhellig, habe das den Anstoß gegeben, über ihre Straftaten nachzudenken.

Das Programm beginnt damit, die Aggressionsauslöser bei den Jugendlichen ausfindig zu machen. Auf dem sogenannten „heißen Stuhl“ werden sie in der Mitte eines Stehkreises von den Trainern und den anderen Teilnehmern mit ihrer Tat konfrontiert, um so das moralische Bewusstsein zu wecken.

Der Druck dabei ist groß und jeder Versuch, sich in Ausflüchte zu retten, wird im Keim erstickt. Das ist sehr effektiv: „Auch wenn man jemand anderem seine Taten vorhält, fühlt man sich gleichzeitig selbst angesprochen, weil man ja genau dasselbe getan hat“, sagt einer der Trainingsteilnehmer. „Keiner kann sich hier moralisch überlegen fühlen, weil alle die gleichen Fehler gemacht haben.“

Suche nach dem guten Kern

Diese Erkenntnis ist das, was die Trainer herausarbeiten wollen. „Es kommt niemand schlecht auf die Welt, aber manche werden durch ihr Umfeld negativ beeinflusst“, sagt Oliver Stahlhofen, der die jugendlichen Straftäter die vergangenen sechs Monate über eng begleitet hat. Erst der hohe Druck, der während des Trainings entstehe, bringe letztlich die Empathie, also das Einfühlungsvermögen, wieder hervor. Alleine schon wegen der Nähe zu den Jugendlichen komme man eigentlich immer an den guten Kern der Menschen heran, bestätigt seine Trainerkollegin Annika Linneweber.

Nun ging das sechsmonatige Programm zu Ende, und von den ursprünglich zehn Teilnehmern sind noch sechs übriggeblieben. Es sind keine anderen Menschen aus ihnen geworden, aber ihre Einstellungen haben sich grundlegend geändert.

So richtig scheinen sie sich jedoch selbst noch nicht zu trauen: „Ich werde gefährlichen Situationen in Zukunft aus dem Weg gehen — ich will meine Reaktion gar nicht erst im Ernstfall testen“, erklärt einer. Vertrauen zu den Trainern und Freundschaften untereinander sind in diesen sechs Monaten gewachsen. In gleichem Maße auch das Misstrauen gegenüber sich selbst und die Frage, ob die Bewährungsprobe im Alltag gelingen wird. Denn wohl für alle gilt, was Trainer Stahlhofen am Schluss zu einem Teilnehmer sagt: „Du stehst noch ganz am Anfang.“

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