Aachen: Ansturm auf Rückkehrberatung: Sogar auf die Warteliste muss man warten

Aachen : Ansturm auf Rückkehrberatung: Sogar auf die Warteliste muss man warten

Zurzeit muss man sogar darauf warten, bei Jean Bizimana auf die Warteliste zu kommen. Beim Raphaelswerk, einem Fachverband des regionalen Caritasverbands, kümmert sich Bizimana um die Rückkehrberatung. Er informiert und begleitet Migranten und Flüchtlinge, die darüber nachdenken, aus Deutschland wieder in ihre Herkunftsländer zurückzukehren.

Und mit der Zahl der Flüchtlinge ist auch die Zahl der Rückkehrwilligen stark angestiegen. Die Beratungskapazitäten beim Raphaelswerk sind mehr als ausgeschöpft. „Wir können uns kaum retten vor Anfragen“, sagt Ralf Bruders, Abteilungsleiter Ehrenamt, Familie und Migration beim Caritasverband.

Der Caritasverband unterhält in ganz NRW drei Rückkehrberatungsstellen. Eine davon ist in der Scheibenstraße in Aachen angesiedelt, und die Ratsuchenden kommen aus der ganzen Städteregion und sogar aus den Kreisen Düren und Heinsberg.

Das Angebot ist mit einer halben Stelle ausgestattet, finanziert mit Landesgeldern und Mitteln der Caritas. „Das Land geht davon aus, dass wir mit dieser halben Stelle bis zu 40 Leute im Jahr intensiv begleiten“, erläutert Bruders. Die tatsächlichen Zahlen gehen längst weit darüber hinaus. Im Jahr 2013, also noch bevor der ganz große Flüchtlingsstrom einsetzte, lag die Zahl der Ratsuchenden schon bei 154.

Im Jahr 2015 wurden 178 Menschen beraten. Und allein im ersten Quartal 2016 hat Bizimana bereits 78 Ratsuchenden zu helfen versucht. „Zwischendurch muss ich sogar die Warteliste schließen“, sagt er. 38 Menschen haben es immerhin auf die Liste geschafft.

Menschen, die sich bis nach Deutschland durchgeschlagen haben, denken aus ganz unterschiedlichen Gründen über eine Rückkehr nach. Manche finden im fremden Land doch keine Perspektive für sich, manche wollen aus familiären Gründen zurück, viel­leicht auch, weil es mit der Familienzusammenführung nicht vorangeht.

Manche entscheiden sich auch zur freiwilligen Rückkehr, um einer drohenden Abschiebung zu entgehen. Viele der Rückkehrer kamen ursprünglich aus Pakistan, Afghanistan oder Syrien nach Deutschland. Neuerdings ist auch der Iran wieder verstärkt ein Ziel für Rückkehrer. „Seit das Handelsembargo aufgehoben ist, gibt es wieder Arbeit im Iran“, erläutert Bizimana, „und manche wollen dann dort lieber in ihrem Herkunftsland ihr Glück versuchen.“

Jeder Einzelfall ist anderes, weiß Jean Bizimana. Er versucht deshalb, mit jedem Menschen, der da vor ihm sitzt, einen Hilfeplan zu entwickeln. Er weiß, in welchen Ländern die Hürden für eine Rückkehr besonders hoch sind. Er weiß, für welche Länder es Mittel zur Existenzgründung gibt. Er hilft bei den Rückreiseanträgen, organisiert Bargeld für die ersten Tage im Land, er beantragt die Flugtickets. „Pro Woche sind das derzeit etwa vier“, sagt er.

„Wer sich mit dem Gedanken trägt zurückzukehren, bekommt bei uns eine ergebnisoffene Beratung“, betont Ralf Bruders. Und manche entscheiden sich nach der Beratung, doch in Deutschland zu bleiben. „Drei Viertel der Ratsuchenden aber reisen tatsächlich aus“, bilanziert Bizimana.

Man sehe sich nicht als Erfüllungsgehilfe der Ämter, auch diese Feststellung ist Bruders wichtig. „Wir wollen den Menschen helfen, wir wollen humanitäre Arbeit leisten und eine möglichst menschenwürdige Rückkehr ermöglichen. Wir wollen nicht einer Behörde helfen, schnell abzuschieben.“

Angesichts der massiven Nachfrage würde die Caritas die Rückkehrberatung gerne personell aufstocken. Zur Finanzierung laufen Gespräche mit Stadt Aachen und der Städteregion ( Infobox). Für die Kommunen könnte sich eine Beteiligung übrigens durchaus rechnen. Denn für Menschen, die ausreisen, müssen keine Sozialleistungen gezahlt werden.

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