Aachen: Anne-Frank-Gymnasium: Schulleiter Berthold Winterlich hört auf

Aachen: Anne-Frank-Gymnasium: Schulleiter Berthold Winterlich hört auf

„Ich bin mein Leben lang gerne zur Schule gegangen“, sagt Berthold Winterlich, „Schule hält jung“. Ob er demnächst schneller altert, wird er erleben. Denn Berthold Winterlich geht bald nicht mehr zur Schule. Nächste Woche nimmt der Schulleiter des Anne-Frank-Gymnasiums Abschied von seiner Schule und seinem beruflichen Leben.

Im September wird er 65, hinter ihm liegen 15 Jahre als Schulleiter des Gymnasiums am Hander Weg. Zuvor war er elf Jahre stellvertretender Chef am Rhein-Maas-Gymnasium.

Am Westbahnhof entstehen derzeit provisorische Hörsäle. Das Anne-Frank-Gymnasium bietet jetzt zusätzlichen Raum für Studenten an.

1957 kam der gebürtige Sachse als Flüchtling mit seinen Eltern aus der DDR in die Bundesrepublik. Lehrer wollte Winterlich ursprünglich gar nicht werden. „Meine Zukunft sah ich eher in der Biochemie“, erinnert er sich. Seine Frau allerdings studierte in Aachen an der Pädagogischen Hochschule fürs Lehramt. „Und sie hat in mir alles gesehen, was man fürs Lehramt braucht“, erinnert sich Winterlich. „Und offensichtlich hat sie Recht gehabt.“ In Aachen hat er Chemie, Sport und Mathematik studiert und dann 40 Jahre lang in der Region als Lehrer gewirkt.

Bio, Chemie und Kunst

Wie hat die Ära Winterlich das Anne-Frank-Gymnasium geprägt? Zum Beispiel habe die Schule in der Mittelstufe einen Wahlpflichtkurs „Biologie-Chemie-Kunst“, sagt Winterlich. Sehr gefragt sei dieser „BCK-Kurs“. „Hier kann man Fächer zusammenführen und zeigen, wie alles ineinandergreift.“ So lässt sich das Thema Gesundheit biologisch anhand von Essgewohnheiten aufarbeiten, die Chemie fragt, was in Lebensmitteln drin ist, und die Kunst beschäftigt sich mit Schönheitsidealen.

Winterlich zählt noch einiges auf: etwa die außerschulischen Lernpartnerschaften oder das Förderprogramm „stud.plus“ mit seinen vielen Kursen. Hier können Kinder Schwedisch oder Russisch ausprobieren, mit Chemie experimentieren, Trendsportarten betreiben, Yoga lernen. Hier arbeiten sie aber auch Defizite in den Kernfächern auf.

Das Anne-Frank-Gymnasium hat auch seine Unterrichtstage neu getaktet. Gelernt wird nun in 70-Minuten-Einheiten. „Eine Doppelstunde ist für die Unterstufenschüler zu lang, eine 45-Minuten-Stunde für den Stoff aber meist zu kurz“, begründet Winterlich. Warum also nicht 60 Minuten, wie andere Schule das auch machen? „60 Minuten“, sagt der scheidende Schulleiter, „schafft jeder Lehrer locker im Frontalunterricht“. 70-Minuten-Phasen aber verlangten Methodenvielfalt. „Das bringt den Unterricht weiter“, betont Winterlich. Die zweijährige Probephase ist jetzt vorbei, und die Schulkonferenz hat jüngst beschlossen, dass Schulstunden auch künftig 70 Minuten haben sollen.

Ausdrücklich bedauert Berthold Winterlich, dass in seiner Zeit keine Integrative Lerngruppe (ILG) zustande gekommen ist, in der Kinder mit Behinderung am Gymnasium unterrichtet werden. So intensiv die Zusammenarbeit mit den Förderschulen im Schulzen­trum sei: „Diese Erfahrung in der eigenen Schule hätte ich noch gerne gemacht.“

Das Gymnasium am Hander Weg ist auch heute noch ganz stark Stadtteilschule. „70 Prozent unserer Schüler kommen aus Richte­rich, Laurensberg oder Horbach“, sagt Winterlich. „27 Prozent kommen aus Kohlscheid. Und nur drei Prozent kommen aus dem übrigen Aachener Stadtgebiet oder dem grenznahen Ausland.“

Lieber nur das Kerngeschäft

Der angehende Ruheständler verlässt eine Schule, für die noch kein neuer Chef oder neue Chefin gefunden ist. Zum Beginn des neuen Schuljahres am 1. August zumindest dürfte die Schulleiterstelle nicht besetzt sein. Schulleitung ist offenbar selbst an Gymnasien heutzutage längst nicht mehr so attraktiv. Berthold Winterlich kann das verstehen. Ein Schulleiter habe heute viel mit Organisation und Rechtsfragen zu tun. Das Schulrecht zum Beispiel wird gerade zum neunten Mal geändert.

Riesige Veränderungen hat es in den vergangenen Jahren gegeben: achtjährige Gymnasialzeit, Zen­tralabitur, Lernstandserhebungen… „Viele Lehrer konzentrieren sich da lieber aufs Kerngeschäft, das Unterrichten.“ Winterlichs Stellvertreter Klaus Busse wird die Schule nun zusammen mit dem Schulleitungsteam vorerst kommissarisch leiten.

Offiziell verabschiedet wird Berthold Winterlich am Donnerstag, 18. Juli. Er freut sich darauf, im Ruhestand endlich die Bücher zu Ende zu schreiben, die er schon angefangen hat. Reisen will er, „endlich außerhalb der Hochsaison“. Und den Pilotenschein machen. Fliegen hält bestimmt auch jung.

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