Aachen: Angst und Frust eskalieren rund um den Bushof

Aachen : Angst und Frust eskalieren rund um den Bushof

Der ältere Herr im Rollstuhl bahnt sich tapfer seinen Pfad durch den Pulk der Trinkenden. Seelenruhig umkurvt er die eine oder andere halbleere Bierpulle, die irgendjemand gerade auf dem Bürgersteig abgestellt hat. Mitten auf dem Trottoir hält ein großer schwarzer Hund ein Nickerchen.

Man muss sich nicht lange umschauen, um den Eindruck zu gewinnen: Die überdachte Aseag-Haltestelle direkt gegenüber dem Bushof mutet eher an wie eine Endstation. Ringsum hocken ein paar mehr oder weniger abgerissene Gestalten im Dreck. Im Supermarkt gleich neben dem Eingang zur City-Passage findet das Billig-Export, 32 Cent die Flasche, an diesem heißen Freitagmittag sichtlich reißenden Absatz. Just startet ein Streifenwagen mit Blaulicht Richtung Blondelstraße durch.

bushofmja12 27.07.2018 Bushof.

Die Polizisten haben zwei Männer nach einem handfesten Streit zur Raison gebracht, hört man. „Da war dieser Typ, der versucht hat, meinen Hund zu klauen“, erzählt einer von ihnen, der sich Acky nennt, wenig später, als wir ihn am Peterskirchhof ansprechen, wo er sich mit zwei anderen Männern niedergelassen hat, um eine kleine Pfeife kreisen zu lassen. „Natürlich hab‘ ich den nochmal zur Rede gestellt, dann hat der zugehauen . . .“ Szenen wie diese kennt wohl jeder Aachener — seit Jahren.

Eine Haltestelle als Endstation: An der Peterstraße prägen Trinker und Junkies das Bild. Viele fürchten sich vor übler Anmache. Konjunktur haben neben Alkohol und Drogen nicht zufällig Produkte wie Pfefferspray. Geschäftsleute wie Roman Kravtsov (kleines Bild), Betreiber einer Snackbar in der City-Passage, wappnen sich oft vergeblich gegen Vandalen. Foto: Michael Jaspers

Jeannette Aretz ist nach eigenem Bekunden allerdings eher selten im Umfeld der Peterstraße unterwegs. Seit ihre Tochter an einem Ferienkurs bei der VHS teilgenommen hat, hat sich das geändert. „Ich habe mich als Bürgerin dort unsicher gefühlt“, hat sie jetzt beinahe lakonisch in einem Offenen Brief an den Oberbürgermeister geschrieben.

Altbekannter Angstraum, wo seit Jahr und Tag auch Bildungseinrichtungen wie VHS und Bibliothek beheimatet sind: Die Situation am Bushof verschärft sich.

Und geschildert, was sie auf dem Weg Richtung Bushof immer wieder gesehen und erlebt habe: „Zitternde Menschen, Menschen, die laut ins Leere sprachen, abgemagerte Menschen, Menschen, die mich quer über die Straße hinweg nach Geld fragten und mir hinterher schimpften.“ Ihrer Tochter habe sie eingeschärft, das VHS-Gebäude erst zu verlassen, wenn sie abgeholt werde.

An den OB appelliert sie: „Bringen Sie Sozialarbeiter und Polizisten an einen Tisch. Sprechen Sie mit denen, die etwas von der Lage verstehen, und finden Sie eine Lösung.“ Die Leiterin des Ferienkurses habe ihr erzählt, dass sie selbst sich nach Feierabend kaum noch traue, den Heimweg über die Peterstraße zu nehmen, berichtet sie im Gespräch mit der AZ.

Natürlich ist Jeannette Aretz längst nicht die einzige, die inzwischen vergleichbare Hilferufe an die Adresse des Stadtoberhaupts gesendet hat. Was (und wann) auch immer der OB ihr antworten wird: Die Zustände zwischen Willy-Brandt-Platz und Peterskirchhof waren wohl kaum je derart katastrophal wie derzeit.

„Nicht weiter hinnehmbar“

Katastrophal — das ist die Vokabel, die wir von so ziemlich jedem Geschäftsmann im Umfeld als erste hören, wenn wir ihn nach der aktuellen Situation fragen. Die meisten wollen ihren Namen allerdings lieber nicht in der Zeitung lesen. „Dann kacken sie mir wieder vor die Tür“, sagt einer. „oder sie schlagen mir wieder die Schaufensterscheibe ein.“

Ordnungsdezernentin Annekathrin Grehling überraschen Klagen wie diese keineswegs. „Jawohl“, bekennt sie, „wir sehen, dass sich die Situation zusehends verschärft. Wir stoßen da in der Tat an unsere Grenzen.“ Selbstverständlich hätten die Vertreter der sogenannten Ordnungspartnerschaft — von Polizei, Stadt, Justiz und Suchthilfe — die Lage am sozialen Brennpunkt Bushof nach wie vor permanent im Blick, betont sie. Patentlösungen hat sie freilich keine.

„Aber wir wissen, dass das so nicht weiter hinnehmbar ist. Deshalb dränge ich aktuell darauf, das Personal im Ordnungsamt weiter aufzustocken — und wir reden hier nicht nur über eine oder zwei Stellen.“ Wie viele es werden könnten, weiß (oder sagt) sie freilich auch nicht. „Wir müssen auch das Gesundheitsamt stärker in die Pflicht nehmen“, betont sie noch. „Aber wir haben es einfach auch verstärkt mit Menschen zu tun, die schlicht nicht therapiefähig sind oder jede Betreuung ablehnen. Da sind uns immer öfter schlicht die Hände gebunden.“

Grehling sagt allerdings auch: „Wir müssen jetzt zu Lösungen kommen.“ Fragt sich eben nur, wie. Die meisten Gewerbetreibenden aus dem Viertel scheinen die Hoffnung auf Besserung inzwischen jedenfalls aufgegeben zu haben. „Schauen Sie sich um“, sagt Roman Kratsov, der seit 17 Jahren einen kleinen Getränke- und Süßwarenladen in der City-Passage betreibt. „Mindestens 70 Prozent der Geschäftslokale hier stehen leer.“

Das Kölner Immobilienunternehmen Rendita Colonia, Eigentümerin des Objekts im Herzen der City, mache gar keine großen Anstalten mehr, Mieter zu locken. „Die wollen nur noch ganz kurzzeitige Verträge abschließen — darauf lässt sich natürlich kein Geschäftsmann ein“, meint Yerlikay Erdal, Besitzer der Boutique Kickdown am Eingang zum Willy-Brandt-Platz. In der Unternehmenszentrale am Rhein gibt es auf Anfrage der AZ am Freitag dazu keine Stellungnahme. Die zuständige Managerin, heißt es, sei bis Mitte kommender Woche leider nicht erreichbar.

Verbrannter Müll und Urin

Erdal nimmt sich ein bisschen Zeit, um uns die typischen Schlupfwinkel von Junkies und Alkoholikern in der Passage zu zeigen. Im Hof nebenan, der als Notausgang stets offen sein muss, wurde kürzlich Müll abgefackelt, erzählt er. Urinieren und Schlimmeres sei da an der Tagesordnung.

Auf der Treppe zum Parkdeck über der Passage, halbwegs abgeschirmt von den Blicken der wenigen Einkaufsbummler, lässt sich gerade eine junge Frau nieder. Sie steckt sich eine kleine Pfeife an, die jedenfalls keinen Tabak enthält. Den „Stoff“ entnimmt sie sorgfältig einer kleinen Dose. Als sie uns erblickt, signalisiert sie per Handzeichen: „Bin gleich wieder weg!“

Nicht nur Yerlikay Erdal weiß, dass sie bald wiederkommen wird.

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