An der Uni einschreiben, um im Bus Geld zu sparen - auch in Aachen

Semesterticket statt Monatskarte : Das Problem mit den Phantomstudenten

Sie sind an der RWTH oder einer anderen Hochschule eingeschrieben, wollen aber gar nicht studieren: Sogenannte Phantomstudenten sind nur deswegen angemeldet, um ein Semesterticket zu bekommen. Damit lässt sich enorm viel Geld sparen.

Das sehen Hochschulen und Verkehrsverbände zwar kritisch, aber verboten ist das nicht. Wenn ein berufstätiger Mensch aus dem Raum Aachen auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist, kommt er um ein Ticket des Aachener Verkehrsverbundes nicht herum. Das kann ein Jobticket oder Firmenticket sein, oder eben eine Monatskarte. Es gibt aber auch noch eine weitere Möglichkeit, über die nicht gerne gesprochen wird: Man kann sich an der RWTH einschreiben, zahlt den Semesterbeitrag und kann dann das Semesterticket nutzen, um damit in ganz Nordrhein-Westwalen Bus und Bahn zu fahren – und neuerdings sogar in Süd-Limburg.

Wie viele Menschen das Semesterticket als Fahrschein nutzen, obwohl sie nicht studieren, darüber können allerdings weder AVV noch das Aachener Verkehrsunternehmen Aseag wirklich Auskunft geben. „Wir können auch nicht sagen, welches Ticket oder Verkehrsmittel diese Menschen nutzen würden, wenn sie kein Semesterticket hätten“, sagt Paul Heesel, Sprecher der Aseag. „Wir können also nicht sagen, wie hoch der Schaden ist, der aus einer missbräuchlichen Nutzung des Semestertickets als Bustickets entsteht.

Deutlich billiger als die Monatskarte

Was hingegen einfach nachgerechnet werden kann, ist die Summe, die „Phantomstudenten“ einsparen: Knapp 200 Euro kostet das Semesterticket, das für ganz NRW gültig ist, für ein halbes Jahr. Bis zu 185 Euro kostet das AVV-Ticket, das in der Region Aachen gültig ist, und zwar pro Monat. Selbst dann, wenn man nur in Aachen unterwegs sein möchte (City-XL-Tarif, 40,80 Euro im Monat), ist das Semesterticket billiger.

Wie groß ist das Problem denn eigentlich? Rund 8000 Studierende, so vermutet man an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, sind „ohne Studienabsicht“ eingeschrieben. In Köln geht man von etwa 4000 Phantomstudenten aus. Während die Unis in Köln und Düsseldorf zumindest schätzungsweise angeben, hält sich die RWTH Aachen mit Zahlen lieber zurück. Glücklich ist man über die „Karteileichen“ aber auch nicht.

„Wir müssen für alle Studierenden, die sich einschreiben, zunächst einmal auch die Kapazitäten vorhalten“, sagt Professor Aloys Krieg, der für Lehre zuständige Prorektor. „Da es kaum Anwesenheitspflichten gibt, ist für die Hochschule auch gar nicht erkennbar, wer denn eigentlich nur das Semsterticket haben möchte.“ Grundsätzlich unterstütze man aber Forderungen nach einer gesetzlichen Verankerung von Mitwirkungspflichten, um den Missbrauch von Sozialleistungen auf der Ebene des Semestertickets einzudämmen. Dennoch schätzt Krieg, dass das Problem in Aachen nicht so gravierend sei wie in der Metropolregion Rhein-Ruhr. Das sei bei dem jeweiligen Studierendenschwund bei der Einführung von Studiengebühren erkennbar.

Nicht richtig, aber auch nicht illegal

Illegal ist das, was diese Studenten machen, aus Sicht von Rechtsanwälten nicht. „Es ist nicht verboten, es gibt keinen Studierzwang“, sagt Christian Birnbaum, Experte für Hochschulrecht aus Siegen. „Man kann diese Fälle politisch als Missbrauch sozialer Vergünstigungen ansehen. Rechtswidrig ist das Verhalten nicht“, sagt auch der Landeschef des Deutschen Hochschulverbandes, Christian von Coelln.

Laut NRW-Wissenschaftsministerium sind es die Hochschulen, die gegen Phantomstudenten vorgehen könnten: „Die Hochschulen könnten über die Prüfungsordnungen Einfluss auf die Dauer des Studiums nehmen“, heißt es aus Düsseldorf. Damit wäre nach mehreren Semestern ohne Scheine irgendwann Schluss.

„Aus unserer Sicht ist es nicht okay, das Semesterticket als günstigen Fahrschein zu missbrauchen“, sagt Paul Heesel. Schließlich fahre man auf Kosten der anderen Fahrgäste und der Steuerzahler, die den ÖPNV finanzieren. Allerdings sei auch zu berücksichtigen, dass das Semesterticket nach dem Solidarprinzip finanziert wird. Sprich: Auch die Studierenden, die nicht mit dem Bus fahren, müssen ein Ticket kaufen.

Studentenvertreter sind zwiegespalten

Zwiegespalten in der Sache sind übrigens die Studentenvertreter: Denn mit dem Semesterbeitrag wird nicht nur das Semesterticket finanziert, sondern auch die Studierendenwerke. Ohne diese Beiträge könnten die Preise für die Tickets der „richtigen“ Studenten steigen, oder auch das Essen in der Mensa teurer werden. Wenn aber Phantomstudenten Studienplätze belegen, die jemand anderes benötigt, dann sehe man das kritisch, sagt Katrin Lögering vom Landes-Asten-Treffen NRW.

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