Aachen: Am Anfang höfliche Briefe an Regierungen

Aachen: Am Anfang höfliche Briefe an Regierungen

„Heute kann kein Staat mehr sagen, Menschenrechte sind mir egal”, sagte Wolfgang Grenz, Generalsekretär von Amnesty International, als der Aachener Amnesty-Bezirk am Samstagabend den 50. Geburtstag der Menschenrechtsorganisation feierte.

Er erinnerte daran, wie die Organisation begann, höfliche Briefe an Regierungen zu schreiben, um sich für die Freiheit von politisch Gefangenen einzusetzen. Vielen Menschen habe das Mut gemacht, durchzuhalten, sagte Grenz. Im Laufe der Jahre habe sich die Arbeit der Menschenrechtsorganisation gewandelt, und die Arbeit gegen Folter und Todesstrafe sei dazugekommen.

Grenz befürwortete die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland und begrüßte es, dass sich der Aachener Stadtrat für die Aufnahme für ein Kontingent von Flüchtlingen ausgesprochen hat.

Auch die Kampagne zur Transparenz bei der Polizei habe Erfolg. Amnesty International habe sich für eine Kennzeichnungspflicht stark gemacht. Denn im Fall von Übergriffen von Polizisten auf Demonstranten können die Beamten oft nicht zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie nicht zu identifizieren sind. Amnesty fordere keine namentliche Kennung, wohl aber eine Nummerierung. In Berlin sei die Kennzeichnung eingeführt, in anderen Bundesländern sei sie im Gespräch.

Weitere Themen der Menschenrechtsorganisation seien Zwangsvertreibungen. Hier erzählte Grenz von Brasilien, wo Menschen wegen der WM ihren Wohnraum verlören.

„Wir leben auf einer Insel der Glückseligkeit”, hatte Oberbürgermeister Marcel Philipp zuvor festgestellt. „Wir reden über die Städteregion oder über Personalfragen am Theater, dabei gibt es in der Welt ganz andere Probleme.” Er zeigte sich überzeugt, dass man in Zeiten der Globalisierung auch immer die Produktionsbedingungen in den anderen Ländern im Auge behalten müsse.

„Auch wir tragen die Verantwortung dafür, was an anderer Stelle passiert”, meinte er. Bei den Städtepartnerschaften mit Ningbo und Kapstadt sei man auch mittendrin im Thema Menschenrechte und aufgefordert, kritisch zu hinterfragen. Er verwies darauf, dass Europa in Zukunft eine immer geringere Rolle spielen werde. Amnesty International solle auf ein weltweites Netzwerk setzen.

Zwei politische Flüchtlinge erzählten den Gästen in der Aula Carolina schließlich von ihren Erfahrungen. Maria Elena Bayola war Ende der 1970er Jahre drei Jahre in Argentinien inhaftiert, ohne dass es eine Anklage oder einen Prozess gegeben hätte. Sie hatte sich für politische Themen interessiert und von einem freien Argentinien geträumt. Das wurde ihr zum Verhängnis.

Seit 1982 lebt sie in Aachen. Dass sie wieder in Freiheit kam, verdanke sie der Aachener Unterstützung. Sie ist überzeugt, dass ihr das Engagement der Aachener und die zahlreichen Briefe geholfen haben. „Das muss eine Rolle gespielt haben”, sagte sie. „An Wunder glaube ich nicht.”

Ibrahim Coban wurde in der Türkei zum Staatsfeind erklärt. Auch er lebt heute Dank der Hilfe von Amnesty International in Aachen. Die Situation in seinem Land habe sich gebessert, meinte er, fügte aber hinzu: „Der Konflikt mit den Kurden ist ein großes Problem.” Er und Maria Elena Bayola zählen zu den politischen Flüchtlingen, die ein zweites Leben begonnen haben und die angekommen sind.

Sieger im Schulwettbewerb

Höhepunkt des Festabends in der Aula Carolina war die Siegerehrung im Schulwettbewerb „Menschenrechte in Aachen”, den der Amnesty-Bezirk Aachen aus Anlass des Jubiläums ausgelobt hatte. Eine Jury hatte die eingereichten Arbeiten bewertet.

Zwei dritte Preise wurden vergeben. Sie gingen den Geschichtskurs (Klasse 11) des Pius-Gymnasiums für die Arbeit zum Thema „Hexen im Fokus der Menschenrechte” sowie an Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 und 11 vom Kaiser-Karls-Gymnasium für ihre Arbeit „Recht(s) am KKG. Hinterlässt Vergangeneheit Spuren?”.

Den zweiten Preis erhielten eine neunte Klasse des Pius-Gymnasium für ihre sehr gut gelungene Arbeit über „Kinderarbeit und Kinderrechte in Aachen”.

Siegerinnen im Amnesty-Schulprojekt sind Pia Scholz und Roxana Khajehamiri vom Gymnasium St. Ursula. Die beiden Zehntklässlerinnen hatten das Schicksal von jüdischen Schülerinnen erforscht, die 1938 nach der Reichspogromnacht die Schule verlassen mussten. Die Preisträger gewannen Reisen nach Straßburg, Den Haag oder Brüssel.

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