Aachen: Alt-Oberbürgermeister feiert 80. Geburtstag

Aachen: Alt-Oberbürgermeister feiert 80. Geburtstag

Eine Runde sitzt gesellig beisammen und plötzlich fragt einer: „Was macht eigentlich der...?“ Richtig — was macht eigentlich der Alt-Oberbürgermeister Kurt Malangré? Nun, am Donnerstag, 18. September, wird er zunächst einmal 80 Jahre alt.

Wie sieht das Leben eines Mannes heute aus, eines Mannes, der in drei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts immer im Rampenlicht stand, den die Politik mit Haut und Haar gefressen hatte, gehetzt und gestresst von Terminen, Gegnern und auch Parteifreunden? Was treibt so einer heute den lieben langen Ruhestands-Tag?

1. Oktober 1989: Die CDU verliert die Kommunalwahl. OB Kurt Malangré (l.) gratuliert seinem Nachfolger Jürgen Linden zum Wahlsieg.

Er genießt seine „geliebte Heimatstadt“. In vollen Zügen. Mitten im Zentrum liegt der Alterssitz des Ehepaars Kurt und Wiltrud Malangré, hinter schmiedeeisernem Portal ein weiträumiges Heim in der noblen Wohnanlage Barbarossapark nahe dem Eck Pontstraße-Neupforte-Annuntiatenbach.

Von hier ist alles auf kurzem Fußweg schnell zu erreichen. Morgens „Zent Fleng“ (St. Foillan) oder der Dom, wo der Alt-OB den Tag „beschaulich, besinnlich“ angehen lässt und „völ ze beäne“, viel zu beten hat, für die Familie, für Freunde und auch für „Wohltäter, die mir einst so oft politisch aus der Patsche geholfen haben“.

Ameröllchen und Anekdoten über morgendliche Erlebnisse, Gott und die Welt hält Kurt Malangré in mehreren Dutzend parat. Nichts hat er von seiner parlando-mäßig dahinfließenden Erzählfreude verloren, nichts von seinem Charme. Öcher Platt kommt ihm aus dem Effeff über die Lippen, damit ist er aufgewachsen, im Elternhaus und „im Frankenberger Viertel, meinem Heimatviertel“. „Kein Weihnachtsfest ohne Öcher Schängchen“, erinnert er sich.

Nach Zent Fleng geht’s „rüber zur Kneipe, ein oder zwei Stündchen“. Direkt gegenüber ins Café Kittel zu einer Handvoll Freunde. Die haben mit seiner CDU nichts am Hut, aber „wir achten uns als Menschen, nie fällt ein böses Wort“. Ist genug palavert, wartet daheim der Schreibtisch. Post erledigen. Noch immer kümmert sich der Alt-OB zum Beispiel um „die größte Ikonen-Sammlung in Deutschland“, die zwei vermögende ältere Herren aus Düsseldorf nach Aachen schenken wollen. „Viel Zeit und Vorbereitungen“ kostet es, bis so ein millionenschweres Unterfangen unter Dach und Fach ist.

An Markttagen pilgert der Pensionär von Stand zu Stand, den Einkaufszettel von Frau Wiltrud dabei. Neue Blumen für den riesigen Balkon, Obst, Wurst, und er weiß seitdem, was die weißen Eier kosten. „Ich gehe gerne rauf zum Markt, der ist so herrlich bunt und lebendig.“ Mittag gegessen wird daheim, „meine Frau kocht sehr gern und prima“. Nur ab und zu mal auswärts, ringsum liegen so viele nette kleine Lokale, „da kann man immer preiswert essen“.

Nach dem Mittagsschläfchen noch einmal an den Schreibtisch. „Ich brauche auch Bewegung“, sagt Kurt Malangré und kramt unterm Möbel ein Mini-Trimmgerät für Arme und Beine hervor und führt das Ding lachend vor. Als das Herz noch mitspielte, habe er in einer „Muckibude“ trainiert.

Der Lousberg liegt vor der Tür, zum Hangeweiher ist es nicht weit oder ein Spaziergang führt einfach „ins Städtchen, überall ist es hier schön“. „Aber eigentlich bin ich faul, träge, sitze lieber rum und lese, Zeitungen und Bücher.“ Bücher gibt es in der Wohnung ungezählt Tausende, alle Wände des Arbeitszimmers sind bis zur Decke regalvoll.

Abends genießen Ma—langrés ihren Panorama-Balkon „hinter den Blumen“ mit Blick in den kleinen gepflegten Park. Oder Kinder und Enkel schauen vorbei. Oder „nette Nachbarn kommen auf einen Schlag rüber und umgekehrt.“

Jahrzehntelang waren die Abende der Politik geopfert, aus und vorbei. „Von der Politik lasse ich die Finger. Die ist für mich abgeschlossen. Ich mag auch keine Partei-Veranstaltungen mehr, den Kontakt dazu habe ich eigentlich verloren.“ Ein echter Malangré lässt schmunzeln: „Ich will mit meiner alten Weisheit kein Gedränge machen.“

Unter den vielen Geschichten, die Kurt Malangré erzählt, lässt er nie eine aus, die ihn heute wie damals tief bewegt und zu Tränen rühren kann, eine Geschichte, die auch etwas verrät über das damalige politische Innenleben der Bundesrepublik: Eine Aachener Delegation besucht die chinesische Partnerstadt Ningbo, Oberbürgermeister Kurt Malangré und Bürgermeister Anton Grunwald von der SPD dabei. Grunwald, staatsbewusster Sozialdemokrat alter Prägung, bietet plötzlich dem jüngeren, konservativ-katholischen Malangré das „Du“ an. „Wir waren doch Gegner, zwar nie gehässig, nie hinterhältig, aber wir haben uns nichts geschenkt. Nach Jahren des Kampfes fallen wir uns um den Hals und ich fühlte: Mit diesem Du ist die Welt ein Stückchen in Ordnung“, schluckt noch heute der Kurt Malangré.

Das Auto hat er im vorigen Jahr abgeschafft. „Verkloppt!“ Auch das Reisen muss nicht mehr sein. Es ist „zu strapaziös“ geworden. „Jahrzehnte musste ich immer reisen, jede Woche, nach Brüssel, nach Straßburg, durch Europa, gefahren, geflogen. Ich bin das Reisen satt.“ Das alles, die ganze Politik, blickt Kurt Malangré nachdenklich zurück, hätte er nicht gekonnt ohne seine frühere, 1977 verstorbene erste Ehefrau Ursula und seine 1979 geheiratete Wiltrud. „Sie haben mir immer geholfen, beiden Frauen habe ich Gott weiß was zu danken.“

Einmal beim Dank, folgt das Ameröllchen, wie der allgewaltige CDU-Herrscher Joist Pfeiffer ihn, sitzend auf dem berühmt-berüchtigten Pfeifferschen (Rapport-)Sofa in der Nizzaallee, „gezwungen“ habe, 1979 zur ersten Wahl für das Europaparlament als Kandidat anzutreten. Ein segensreiches Drangsalieren im Nachhinein, Malangré blieb 20 Jahre lang Europa-Abgeordneter für die Region Aachen. Heute sagt er dankbar und offenherzig über Joist Pfeiffers Zwangsverpflichtung: „Er hat mir etwas Gutes getan. Meine Altersbezüge beziehe ich von Berlin.“ Das Oberbürgermeister-Amt, gilt es für die Jüngeren zu wissen, war in der Ära Malangré noch ein Ehrenamt, ohne Gehalt und ohne Pensionsanspruch wie heute.

Nie den Drang verspürt, mal die Memoiren zu verfassen? Die Kinder und der eine oder andere raten schon mal dazu, alles „op ze schrieve“, es niederzuschreiben, aber: „Nein, ich bin schreibfaul geworden.“ RWTH-Historikern hat er vor längerem aber „einige Platten“ besprochen.

Der Ehrenbürger Kurt Malangré mag keine Lobeshymnen. „Behäi“, Lärm um seine Person geht er aus dem Weg. So hält er es wie stets an seinen Jubeltagen: Den 80. Geburtstag verbringt er mit der großen Familie „auf Scholle 7 in der Antarktis“. Die treibt irgendwo in der Eifel.