Aachen: Alemannias Fanszene: Das Bekenntnis gegen Gewalt ist geplatzt

Aachen: Alemannias Fanszene: Das Bekenntnis gegen Gewalt ist geplatzt

Das große gemeinsame Bekenntnis der Alemannia-Fans gegen Gewalt und Rassismus im Stadion ist geplatzt. Durch die Fanszene zieht sich weiterhin ein tiefer Riss.

Die rechtsunterwanderte Karlsbande und die demokratisch, antirassistisch eingestellten Aachen-Ultras haben ihre Unterschrift unter eine Stellungnahme verweigert, die im kommenden Tivoli-Echo zum Heimspiel gegen den FC St. Pauli erscheint.

Wörtlich heißt es in dem Appell: „Wir fordern alle Fangruppen auf, sich in aller Deutlichkeit von Gewalt, Rassismus, Antisemitismus und jeglichem politischen Extremismus zu distanzieren und Gewalttätern und politischen Agitatoren keinen Platz in ihren Reihen zu bieten. Zum Wohle der Alemannia müssen sich alle Fangruppen zusammenreißen und den gemeinsamen Zielen unterordnen.”

Zwar beurteilen die Ultras den Appell „als positiven Ansatz und Schritt in die richtige Richtung”, dennoch tragen sie die gemeinsame Erklärung öffentlich nicht mit. „Wir wissen nicht, welche Fanclubs sie unterschrieben haben”, heißt es aus ihrem Lager.

Bislang habe sich keiner der Karlsbande beziehungsweise der Alemannia-Supporters seit den tätlichen Angriffen beim jüngsten Heimspiel gegen Aue entschuldigt. Außerdem sei den Ultras nach wie vor unklar, warum sie von gewaltbereiten Mitgliedern dieser Gruppen im Stehblock (S6) überfallen worden seien. „Es kann keinen Vorwurf an uns geben, der solche Taten rechtfertigt”, betonen die Ultras. Und deshalb wollen sie den Aufruf nicht in einem Schriftzug mit der Karlsbande und den Alemannia-Supporters unterschreiben.

Zudem stört die Ultras die Formulierung, dass sich alle Fangruppen von „jeglichem politischen Extremismus” distanzieren sollen: „Warum schreibt man nicht konkret Rechtsextremismus? Eine linke Bedrohung gibt es auf dem Tivoli nicht.”

Was die Karlsbande veranlasst hat, dem Appell nicht zu folgen, weiß auch Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer nicht: „Die Idee zu dieser Stellungsnahme kam aus der Mitte der Fans. Es ist eine freiwillige Aktion, bei der ein Großteil der Fangruppierungen klar Stellung bezieht.”

Die Aachen-Ultras hätten ihre Gründe, die Kraemer nicht bewerten will, die Karlsbande möglicherweise auch: „Beim nächsten Treffen werden wir nachfragen, warum sie die Stellungnahme nicht unterschrieben haben.”

In jedem Fall wird Alemannia auch künftig auf Grundlage der überarbeiteten Stadionordnung (wir berichteten) „hart durchgreifen”, sollte es zu irgendwelchen Zwischenfällen oder Übergriffen kommen. Das hoffen auch die Ultras: „Der Aufruf sollte nicht nur ein Lippenbekenntnis der Alemannia sein. Der Verein sollte auch vor Konsequenzen nicht zurückschrecken und sich klar gegen rechte Gewalt positionieren.”

Fanprojektleiterin Kristina Walther bedauert, dass es nicht zu einer gemeinsamen Erklärung kommt: „Damit ist eine Chance vertan.” Die Situation würde nun komplizierter, die Annäherung untereinander, aber auch in Richtung Alemannia schwieriger.

Hintergründe zur Karlsbande und zum Bruch mit der Fanprojektleiterin

Die Karlsbande mit ihren rund 180 Anhängern behauptet von sich „unpolitisch” zu sein, duldet aber, dass Neonazis in ihrem Umfeld agieren. Dabei handelt es sich um Mitglieder der rechtsextremen Kameradschaft Aachener Land (KAL) und der Hooligan-Gruppe Westwall Aachen.

Das Fanprojekt stellte der Karlsbande noch bis Mitte des Jahres 2011 Räume zur Verfügung, in denen regelmäßig Fans mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen feierten.

Zum Bruch mit der Fanprojektleiterin Kristina Walther kam es Anfang Dezember 2011, als sie bei der vom Fanprojekt veranstalteten Lesung des Autors Ronny Blaschke („Angriff von Rechtsaußen - Wie Neonazis den Fußball missbrauchen”) einige Mitglieder der Karlsbande des Raumes verwiesen hatte. Vor der Tür standen Interessierte, die sich wegen der Rechtsaußen-Sympathisanten nicht zur Lesung trauten.

Beim anschließenden Heimspiel gegen Aue prügelten Mitstreiter der Alemannia-Supporters und der Karlsbande auf die sich deutlich gegen Rechts, Rassismus und Gewalt bekennenden Aachen-Ultras ein.

Nur eine Woche später verwehrten Mitglieder der Karlsbande und Angehörige der rechten Szene bei der Partie in Braunschweig den etwa 60 mitgereisten Aachen-Ultras den Zutritt zum Fanblock. Nur eine Polizeikette verhinderte Schlimmeres.

In Braunschweig versperrten pöbelnde Fans auch der Fanprojketleiterin den Zugang zum Block. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte bezog dazu Stellung: „Der Auftrag von Frau Walther umfasst auch die Bekämpfung extremistischer Tendenzen in der Fanszene. Offensichtlich hat diese Arbeit einen wunden Punkt bei einem kleinen Teil der Aachener Fanszene getroffen.”

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