Aachen: Aktivisten besetzen Gebäude der RWTH Aachen

Aachen: Aktivisten besetzen Gebäude der RWTH Aachen

Gemütlich geht es zu in und vor dem Haus am Muffeter Weg 5. Bei strahlendem Sonnenschein sitzen am Sonntagnachmittag junge Menschen davor, rauchen, reden, spielen Gitarre oder mit einem Stoffbällchen Hacky Sack. Durch das Treppenhaus verbreitet sich der Duft frisch gebackener Waffeln, und ein handgemaltes Schild lädt ein zu Kaffee und Kuchen um 15 Uhr.

Ungefähr 50 bis 60 Personen halten das Haus, das einst zur Fachgruppe Biologie der RWTH Aachen gehörte, seit Jahren aber leer steht, seit Samstagmittag besetzt. Die genaue Anzahl sei nicht von Bedeutung, ebenso wenig wie deren Herkunft, sagt eine junge Frau. Wichtig sei, das Haus zu öffnen für jedermann. Und so laden die Aktivisten zu einer Aktionswoche ein, die Raum bieten soll „zum Treffen, Lernen, Ausprobieren, Vernetzen, Machen, Kämpfen, Quatschen, Lesen, Feiern“, wie es in einer ausführlichen Stellungnahme der Besetzer im Internet heißt.

Die Verantwortlichen der Aachener Hochschule haben bislang davon abgesehen, gegen die Besetzung vorzugehen. Foto: Ralf Roeger

Die Leitstelle der Polizei bestätigte auf Nachfrage die Besetzung. Ihr wurde am Samstagmittag zunächst ein Einbruch gemeldet. Vor Ort stellten die Beamten dann fest, dass es sich um eine Hausbesetzung handelt, und informierten die Wache der RWTH. Die Verantwortlichen der Aachener Hochschule wollen davon absehen, gegen die Besetzung vorzugehen. Sie zeigen sogar bedingt Verständnis für die Aktion.

„Sie haben gesagt, dass sie uns dulden“, sagen die Besetzer. Dabei sei die Hochschulleitung aus ihrer Sicht gar nicht mehr zuständig, da Eigentümer der Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes (BLB) sei. „Alle umliegenden Grundstücke, die noch zur Hochschule gehören, dürfen wir nicht betreten“, sagte eine der Besetzerinnen. Ob sich alle daran halten würden, konnte sie nicht beantworten.

Die Besetzer selbst bezeichnen ihre Aktion im Internet als legitim, da eine Stadt Raum bieten sollte für alle Menschen, die dort leben. „Es ist verdammt ungerecht, dass so viele Menschen in zu kleinen oder beschissenen Wohnungen leben oder gar keine Bude haben, während Häuser wie das am Muffeter Weg einfach ungenutzt bleiben und verfallen“, heißt es in der Stellungnahme wörtlich.

Unterstützung von Anwohnern

Sie seien von Anwohnern auf die Situation des Hauses im Muffeter Weg aufmerksam gemacht worden, erzählen die jungen Leute. Als sie dann am Samstag das Haus besetzten, hätten die Anwohner „sehr cool“ reagiert. „Gut so, dass hier mal junge Leute auf der Straße sind“, habe es geheißen. „Einige haben sogar Kuchen vorbeigebracht“, sagt eine Aktivistin. Und auch beim Verteilen von Flugblättern in der Stadt habe man größtenteils positive Reaktionen bekommen.

Die Besetzer wollen nun für eine Woche verschiedene Workshops in dem Haus in idyllischer Umgebung, an dessen Fassade große Banner auf die Besetzung hinweisen, anbieten „von anarchistischer Gärtnerei über Technologiekritik bis Yoga“, wie es im Internet heißt. „Wir laden alle Interessierten ein, vorbeizukommen und mitzumachen“, heißt es dort weiter.

Mit der Besetzung wollen die Aktivisten „einfach mal aus den festgefahren Zuständen ausbrechen und daran schnuppern, wie wir das Leben besser gestalten könnten“. Sie möchten damit die Besitzverhältnisse und Verteilung von Wohnraum in Deutschland kritisieren. „Es kann doch nicht sein, dass die gezielte ,Aufwertung‘ bestimmter Stadtteile dazu führt, dass die Lebenskosten dort so sehr steigen, dass Menschen, die lange dort gewohnt haben, verdrängt werden und es sich bald nur noch eine bestimmte gesellschaftliche Schicht leisten kann, dort zu wohnen“, schreiben die Aktivisten. Deshalb habe man sich für die Besetzung entschieden.

„Ein anderes Lebensmodell“

Doch den Aktivisten, die das Aachener Haus als symbolisch für viele Großstädte in Deutschland sehen, gehe es nicht nur um Gentrifizierung, sagen sie, es gehe auch darum, nicht-kommerziellen Kulturraum zu schaffen. Oder wie es einer ausdrückt: „Es geht um ein anderes Lebensmodell. Wir wollen aus der Konkurrenzgesellschaft ausbrechen hin zu einem solidarisch-kooperativen Miteinander. Und die Ermächtigung dazu nehmen wir aus unserer Selbstbestimmung.“

< „Es ist verdammt ungerecht, dass so viele Menschen in zu kleinen oder beschissenen Wohnungen leben oder gar keine Bude haben, während Häuser wie das am Muffeter Weg einfach ungenutzt bleiben und verfallen“, heißt es in der Stellungnahme wörtlich. In dem seit Jahren leer stehenden Haus mit angeschlossener Gewächshausanlage planen die Besetzer nun, eine Aktionswoche zu veranstalten.

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