ADFC Aachen: Neuer Vorsitzender im Interview

ADFC-Vorsitzender Marvin Krings : Radfahren ist in Aachen „umständlich und oft gefährlich“

Wenn Marvin Krings mit dem Fahrrad zur RWTH fährt, dann ist das selten eine angenehme Erfahrung. Damit sich das ändert, engagiert sich der 25-jährige Doktorand der Mathematik seit 2016 im Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) Aachen.

Ende März wurde er zum neuen Vorsitzenden des Kreisverbands gewählt. Mit Annika Kasties sprach er über Gefahrenstellen in Aachen, die Macht der Verbände und die Aussagekraft des jüngsten Fahrradklimatests.

Herr Krings, hatten Sie heute schon Angst? Sie waren doch bestimmt mit dem Fahrrad unterwegs.

Krings: Heute ging es tatsächlich. Oft erlebe ich auf dem Weg zur Uni aber diverse gefährliche Situationen. Ich fahre den Seilgraben hoch, da wird man in der Kurve immer ziemlich knapp von den Bussen überholt. Das ist nicht angenehm.

Woher kam die Motivation, sich beim ADFC zu engagieren?

Krings: Mir gefällt es einfach nicht, wie der Radverkehr in Aachen geführt wird. Es ist umständlich, es ist oft gefährlich, und man hat den Eindruck, dass die Politik überhaupt nichts verbessern will. Sie sagt zwar immer, dass sie das tue, doch wenn man sich anguckt, was am Ende dabei herauskommt, dann sind das fast immer nur Schutzstreifen, die viel zu schmal sind und die Autofahrer oft auch dazu verleiten, zu knapp zu überholen. Das geht einem einfach auf die Nerven, wenn man das länger mitmacht.

Seit wann machen Sie das denn mit?

Krings: Ich komme ursprünglich aus Kalterherberg und wohne seit 2011 in Aachen, also seit ich angefangen habe, hier zu studieren.

Ist die Situation in Kalterherberg denn besser?

Krings: Da gibt es nicht so viele Autos.

Aber auch Fahrradfahrer?

Krings: Es werden mehr. Hauptsächlich sind es aber wohl noch Touristen.

Was gehört zu den Aufgaben des ADFC?

Krings: Wir sind zum einen politisch tätig, um die Bedingungen für den Radverkehr zu verbessern. Wir haben aber auch ein touristisches Angebot und bieten Radtouren an. Früher haben wir auch Fahrräder codiert, das heißt, wir haben eine Nummer eingraviert, damit es weniger attraktiv ist, sie zu klauen und gestohlene Räder leichter zum Besitzer zurückverfolgt werden können. Hoffentlich können wir das bald wieder aufleben lassen. Und wir verkaufen Fahrradkarten.

Sind auf diesen Karten auch Gefahrenstellen eingetragen?

Krings: So detailliert sind die Karten leider nicht.

Wenn sie es wären, welche Stellen würden Sie eintragen? Was sind die drängendsten Probleme in Aachen?

Krings: Das Drängendste ist, denke ich, der Grabenring. Der soll bei den geplanten Radvorrangrouten eine zentrale Rolle spielen. Das passt allerdings nicht mit den vielen Autos und Bussen zusammen, die schon jetzt auf dem Grabenring fahren.  So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben.

Wie sollte es denn sein?

Krings: Wir haben vor zwei Jahren ein Konzept im Bürgerforum vorgestellt. Das beinhaltet, dass es weniger Autoverkehr auf dem Grabenring gibt, zum Beispiel indem der Durchgangsverkehr für Autos nicht nur im Bereich am Elisenbrunnen unterbrochen wird, sondern zusätzlich auch am Templergraben, am Kapuzinergraben und an der Kurhaus- und Komphausbadstraße. Das würde das Problem deutlich reduzieren. Doch seitdem wir das Konzept vorgestellt haben, ist in der Politik leider nicht viel passiert.

Woran hakt es denn?

Krings: Woran es in diesem konkreten Fall hakt, weiß ich nicht genau. Ich vermute mal, dass die Verwaltung wegen der Planung der Radvorrangrouten relativ ausgelastet ist. Die meisten Sachen, die die Stadt machen will, werden von der Verwaltung ausgearbeitet und gehen dann in die Politik. Die Politik selber traut sich meistens nicht, irgendwas zu tun, das Parkplätze kosten würden. Und das schränkt natürlich sehr ein.

Beim jüngsten Fahrradklimatest des ADFC kam Aachen mit einer Durchschnittsnote von 4,3 schlecht weg. Allerdings ist diese Umfrage nicht repräsentativ, für Aachen haben nur 1230 Menschen mitgemacht – gerade mal ein halbes Prozent der Bevölkerung. Welche Aussagekraft hat so eine Umfrage dann überhaupt?

Krings: Es gibt 1230 Leute, die sich sehr über die Situation in Aachen ärgern und sich dazu aufraffen, an so einer Umfrage teilzunehmen. Ich glaube, das heißt schon was. Natürlich ist es auch richtig, dass Leute, die sich über die Infrastruktur für Radfahrer ärgern, womöglich auch eher geneigt sind, bei so einer Umfrage mitzumachen. Ignorieren kann man das aber nicht. Mit unserer 2. Vorsitzenden habe ich mir die Freitextfelder des Fahrradklimatests etwas näher angeguckt. Insgesamt gab es 600 Felder, in denen die Teilnehmer frei Kommentare abgeben konnten. Und von den 300, die ich ausgewertet habe, waren gerade mal sechs Kommentare lobend – die
anderen 294 waren durchweg negativ.

Was wurde gelobt?

Krings: Ein Teilnehmer hat gesagt, dass sich die Stadt Mühe gibt, ein anderer hat die schlechte Infrastruktur mit den örtlichen Gegebenheiten begründet, also, dass es bergig ist.

Und was wurde kritisiert?

Krings: Die Liste ist lang. Zu den am häufigsten genannten Kritikpunkten gehört, dass die Schutzstreifen zu schmal und zu gefährlich sind. Weitere Punkte sind, dass Ordnungsamt und Polizei sich nicht um Falschparker kümmerten, es keinen Winterdienst gebe, die Politik zu autoorientiert und die Führungsform des Radverkehr zu unübersichtlich sei…

Denken Sie, dass der Fahrradklimatest eine entsprechende Wirkung haben wird?

Krings: Wir hoffen es. Der letzte Test ist ja auch nicht viel besser ausgefallen. Man könnte also positiv sagen: Es ist nicht viel schlechter geworden. Das hat jetzt noch nicht unbedingt zu großem Druck geführt. Was eher Druck aufgebaut hat, war die Diskussion um Dieselfahrverbote. Es bleibt zu hoffen, dass die Stadt dranbleibt.

Wir sieht die Zusammenarbeit mit der Stadt aus?

Krings: Die ist schwierig. Mit den Planern in der Verwaltung verstehen wir uns, auch mit der Straßenverkehrsbehörde haben wir seit einem halben Jahr wieder öfters Kontakt. Aber es ist manchmal schwierig, das alles durch die Politik zu bringen. Unser Eindruck ist, dass die am ehesten blockiert.

Werden Sie manchmal auch um Rat gebeten?

Krings: Das wäre schön. Meistens müssen wir aber selbst tätig werden. Wenn wir die entsprechenden Verwaltungsvorlagen für den Mobilitätsausschuss sehen und diese als problematisch einstufen, dann wenden wir uns mit unseren Bedenken an die Verwaltung.

Mit Erfolg?

Krings: Bei der Diskussion um die Lothringerstraße hat der Druck der Verbände sicherlich geholfen. Die Verwaltung hatte der Politik drei Vorschläge vorgelegt. Die von der Verwaltung bevorzugte Variante entsprach aber nicht den Gestaltungsrichtlinien für Fahrradstraßen, die vom Mobilitätsausschuss beschlossen wurden. Daraufhin haben wir zusammen mit dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) und den Initiativen Fahrradfreundliches Eilendorf und Fahrradfreundliches Brand protestiert. Bekanntermaßen mit Erfolg.

Apropos Erfolg: Wie schätzen Sie die Chancen der Bürgerinitiative ein, die mit einem sogenannten Radentscheid die Rad-Infrastruktur verbessern will?

Krings: Da bin ich ziemlich optimistisch. Man braucht 8000 Unterschriften, damit der Rat sich mit dem Thema befassen muss. Falls der Rat die sieben Ziele dann ablehnen sollte, gibt es automatisch einen Bürgerentscheid. Ich gehe davon aus, dass die Forderungen mehrheitsfähig sind. Es geht ja nicht nur um die Leute, die jetzt Rad fahren, sondern auch um diejenigen, die es gerne tun würden.

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