Aachen: Adalbertstraße: „Ein einziges städtebauliches Desaster“

Aachen : Adalbertstraße: „Ein einziges städtebauliches Desaster“

„Shop dich glücklich“, lädt der Slogan am Schaufenster in der Stiftstraße zum Einkaufsvergnügen ein. Nur: Das Geschäft steht leer. Seit langem. Schlendert man durch dieses Einzelhandelsparadies einige Meter weiter, erfährt man auf zugeklebter Schaufensterscheibe: „Einkaufen in Aachen. Alles drin!“

Nur: Es ist alles raus. Auch aus diesem Geschäft. Und auch der fröhliche Italiener, der „Mini-Pizza nur zum Mitnehmen“ plakativ feilbietet, hat sich selber schon mitgenommen. Irgendwohin. Nur weg von hier.

Hier, damit ist der Block zwischen Unterer Adalbertstraße und Stiftstraße gemeint. Ein — abgesehen von wenigen „normalen“ Einzelhandelsgeschäften — „einziges städtebauliches Desaster“, wie es nicht nur in politischen Kreisen genannt wird. Ein Puzzle aus verwaister Hässlichkeit, gepaart mit betonter Trostlosigkeit. Dem Verfall preisgegeben. Gegenüber die blank geputzte Einkaufs-Mall Aquis Plaza. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Und er wird wohl zementiert. Auf lange Sicht? Die Vorstellungen von Investor Gerd Sauren und die von Verwaltung und Politik liegen derzeit weiter auseinander denn je. „Diskutier dich unglücklich“, könnte der passende Slogan lauten.

2014 wurde der Stadt eine Planung des Architekturbüros Chapman Taylor vorgelegt, die in erster Linie eine neue Bebauung in diesem Blockbereich vorsieht. Wie bisher sollte die Untere Adalbertstraße Einzelhandel beherbergen. Und zwar kleinteiligerer Struktur, wie sie auch jetzt noch zumindest zu erahnen ist. Auf der anderen Seite, in der Stiftstraße, war ebenfalls Einzelhandel im Erdgeschoss vorgesehen, darüber Wohnbebauung. Gestaltungsbeirat und Planungsausschuss haben sich mit der Materie beschäftigt, das Modell schien schlüssig.

Nur: „Diese Planung wurde von Seiten des Investors nicht weiterverfolgt“, heißt es in einer Stellungnahme der Verwaltung. Dafür sei der Stadt eine neue Planung vorgelegt worden, „die erheblich von der Planung aus 2014 abweicht“. Kleinteiligerer Einzelhandel? Fehlanzeige! Wohnen? Fehlanzeige! Stattdessen soll nach den Vorstellungen von Gerd Sauren der genannte Bereich (rund 4000 Quadratmeter) komplett mit einer rund 13 Meter hohen eingeschossigen Halle überbaut werden. Sie soll dem künftigen Nutzer laut Darstellung der Verwaltung „eine größtmögliche Freiheit geben, diese flexibel zu nutzen“. Mit Einzelhandel, Gastronomie, Freizeiteinrichtungen. Immerhin: Die Fassadengliederung zur Adalbertstraße einschließlich Dachform sollte beibehalten werden, informiert die Verwaltung.

Nicht wirtschaftlich umsetzbar?

Der Grund für die Rolle rückwärts: Die bisherige, vier Jahre alte Planung sei aus Sicht des Investors nicht wirtschaftlich umsetzbar. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Die neuen Vorstellungen des Investors sind nicht genehmigungsfähig. „Da der Entwurf keine Wohnungen in den Bereichen vorsieht, in denen sie zwingend erforderlich sind, widerspricht die Planung den Festsetzungen des Bebauungsplanes Nr. 9242“, so die Verwaltung. Und weiter: „Um die Planung umsetzen zu können, wäre die Aufhebung des Bebauungsplanes erforderlich. Hierfür wäre ein Zeitraum von ca. eineinhalb Jahren anzusetzen.“

Laut städtischem Presseamt finden „kontinuierlich Gespräche zwischen der Stadt und dem Investor statt“. Nach AZ-Informationen derzeit allerdings mit relativ wenig Übereinstimmungspotenzial. So soll man zum Beispiel auch in Sachen Stellplätze Lichtjahre voneinander entfernt sein.

Dennoch ist die Stadt nach Aussage von Stadtsprecher Stefan Herrmann sehr daran interessiert, „gemeinsam an tragfähigen und baurechtlich umsetzbaren Lösungen zu arbeiten“. Das Problem ist hier — wie an anderen Stellen der Stadt —, dass es aus baurechtlichen Gründen keine Fristen gibt, in denen ein bestimmtes Projekt realisierbar sein muss. Stefan Herrmann: „Dem aktiven Eingriff in Privateigentum durch Behörden sind sehr enge Grenzen gesetzt.“ Ein Eigentümer entscheide in der Regel „völlig selbstständig“, wie er mit seiner Liegenschaft verfährt. Ob er zum Beispiel ein Gebäude saniert oder nicht, etwas abreißen, neu planen und/oder errichten will. Behörden könnten hier in der Regel nur eingreifen, wenn zum Beispiel von dem Eigentum eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht.

Grüne fordern mehr Information

Also wird sich eine Besserung der städtebaulichen Situation erst abzeichnen, wenn Kompromisse gefunden sind. Und der Weg dahin scheint länger denn je zu sein. Die Politik jedenfalls soll sich jetzt aktiver in den Diskussionsprozess einschalten. Auf Antrag der Grünen steht das Thema in nichtöffentlicher Sitzung des nächsten Planungsausschusses auf der Tagesordnung (6. September, 17 Uhr, Verwaltungsgebäude Lagerhausstraße). Die Grünen haben beantragt, dass die Verwaltung „alle ihr vorliegenden Vorgänge zu dem nunmehr seit Jahren angekündigten Abriss und/oder Umbau“ offenlegt. Michael Rau, planungspolitischer Sprecher der Grünen-Ratsfraktion: „Wir sehen einen dringenden Informations- und Handlungsbedarf. Die Verwaltung muss die Politik umfassend informieren.“

Investor Gerd Sauren will sich „gerne in der Sache äußern“, könne sich allerdings erst in der kommenden Woche melden, teilte sein Büro am Freitag auf AZ-Anfrage mit.

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