Aachen: Acht neue Stolpersteine erinnern an zwei Aachener Familien

Aachen: Acht neue Stolpersteine erinnern an zwei Aachener Familien

„Der Blick zurück ist hart“, sagte David Bier bei der Verlegung der Stolpersteine an der Friedrichstraße 50. Seine Mutter ist 1939 als 17-jährige aus Deutschland nach England geflohen und hat den Holocaust überlebt. Ihr Bruder Rudolf und ihre Eltern Adolf und Olga Dahl dagegen sind in Nazi-Deutschland geblieben und wurden ermordet.

Zu ihrem Gedenken hat der Kölner Künstler Gunter Demnig jetzt an der Friedrichstraße, ihrem letzten selbst gewählten Wohnort, Stolpersteine verlegt. „Uns an Menschen zu erinnern, bringt sie uns zurück“, sagte Bier und freute sich ganz offensichtlich über die Gelegenheit, Aachener Bürger zu treffen.

Acht neue Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig jetzt in Aachen verlegt. Angehörige der Familien und Aachener Schüler gestalteten jeweils eine kleine Gedenkfeier. Foto: Ralf Roeger

Gleich eine ganze Traube von Nachfahren der Dahls war aus England und Amerika angereist, um der Verlegung der Gedenksteine beizuwohnen. Die Hausnummer 50 existiert in der Friedrichstraße zwar nicht mehr - die Nummerierung springt von 48 auf 52/54 - aber dennoch fanden die Gedenksteine ihren Platz. Und für alle war es ein bewegender Moment. „Wir sollten immer daran denken, aus der Welt einen besseren Ort zu machen“, sagte David Bier, bevor die Gäste aus England und Amerika gemeinsam beteten.

© : dmp /// Heute Mittwoch 01.Februar 2018 2018-02-01; Stolpersteinverlegung, : Friedrichstr. Gunter Demnig

„Meine Mutter ist 1939 ganz allein nach England gekommen“, erzählte Bier. Ihr Bruder sei damals noch zu jung gewesen, um sie zu begleiten. Sie habe zunächst als Haushaltshilfe, später dann als Krankenschwester gearbeitet. „Eigentlich wäre sie gerne Ärztin geworden“, sagte er weiter. Das sei schon ihr Traum gewesen, als sie in Aachen noch das St. Ursula-Gymnasium besuchte.

Ohne Nachfahren blieb dagegen die jüdische Familie Blankenstein, die am Neumarkt 5 lebte. Max und Gertrud Blankenstein sowie ihre Kinder Erna und Alfred wurden alle Anfang 1943 in Auschwitz ermordet. Schüler des Einhard-Gymnasiums haben sich in einer Arbeitsgemeinschaft unter Leitung von Waltraud Felsch mit ihrem Schicksal befasst. Auch an sie erinnern nun Stolpersteine.

„Das ist eine schöne Geste“, meinte Mara Mummert, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft am Einhard-Gymnasium und Schülerin der elften Klasse. Sie findet es „total schön“, dass die Opfer des Nationalsozialismus auf diese Weise geehrt werden. Schüler lasen aus der Biografie der Familie, die sie selbst zusammengetragen haben, vor, und gaben der Verlegung der Steine auch mit ihrem Flötenspiel einen feierlichen Rahmen.

56 Stolpersteine in Aachen

Mit der Arbeitsgemeinschaft will Waltraud Felsch die Schüler für das Schicksal der vertriebenen oder ermordeten Menschen sensibilisieren. Gemeinsam forschen sie in Archiven nach dem Schicksal jüdischer Familien. Insgesamt 18 Stolpersteine haben sie inzwischen mit dem Gunter Demnig verlegt. „In Aachen gibt es 56 Steine an 27 Orten“, sagt Matthias Fischer, Koordinator des Netzwerks Schulen gegen Gewalt und Rassismus. Die jetzt acht verlegten Gedenksteine kommen noch dazu. Finanziert werden sie aus dem Erlös des Friedenslaufs Aachener Schulen.

David Bier und seiner Familie hat diese Geste ganz offensichtlich sehr gut gefallen. Und auch die Schüler des Einhard-Gymnasiums waren zum Teil sichtlich bewegt, als sie die traurige Geschichte der Familie Blankenstein vorlasen. „Es waren Menschen wie du und ich“, sagt Waltraud Felsch. Und ihre Schüler sehen das ganz genau so.

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