Aachen/Stolberg: Abrechnungschaos in der Kanzlei: Anwälte verurteilt

Aachen/Stolberg: Abrechnungschaos in der Kanzlei: Anwälte verurteilt

Nach 16 Verhandlungstagen fällte am Donnerstag die 1. Große Strafkammer am Aachener Landgericht im Untreueverfahren gegen zwei Aachener Anwälte und eine Anwaltsfachangestellte das Urteil.

Für Anwalt Günther J. (66) stellte das Gericht Untreue bei der Verwaltung von Mandantengeldern der Kanzlei in 22 Fällen fest. Dafür kassierte der Anwalt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung und erhielt zusätzlich ein Berufsverbot von zwei Jahren. Sein Sozius Christoph W. (61) erhielt für neun gleichgelagerte Fälle eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Die wegen Beihilfe mitangeklagte Fachangestellte wurde freigesprochen.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Markus Vogt bestätigte im Urteilstenor die von der Staatsanwaltschaft erhobenen 43 Einzelvorwürfe, allerdings nur in weit geringerem Umfang als angeklagt. Fraglos habe sich die Kanzlei jedoch, so Richter Vogt am Donnerstag, mindestens seit 2013 in einer „erheblichen Schieflage“ befunden.

Ein weiterer Sozius hatte sich in dieser kritischen Zeit von der Kanzlei, die später im Jahr 2016 nach Stolberg umzog, getrennt. Jener Anwalt hatte sich massiv über die Abrechnungspraxis seiner Kollegen beschwert und Anzeige erstattet. Die Ermittlungen der Polizei begannen.

In der Tat stellte die Kammer zwar nicht in 43, jedoch in 31 akribisch aufgearbeiteten Einzelfällen bei der Rechnungsstellung wie der Verwaltung der Kanzlei gravierende Unregelmäßigkeiten fest. Die „dominierende Figur“ in der Kanzlei sei zweifelsfrei Günther J. gewesen, der es auch dann nicht für nötig gehalten habe, die unvollständig oder schlampig geführten Akten nach der Aufnahme staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen zu ordnen.

Eines aber müsse klar festgestellt werden, so der Vorsitzende: „Es handelt sich in dieser Kanzlei um Missmanagement und nicht um ein kriminelles System“, sagte Vogt. Eigentlich habe es dort „überhaupt kein System“ gegeben, wunderte sich der Richter, Anwalt J. habe sich mehrfach auf sein „Elefantengedächtnis“ berufen. Das habe bei der Auszahlung von Fremdgeldern an Mandanten oder Sachverständige zu Verzögerungen in Einzelfällen von bis zu vier Jahren geführt.

Wahr sei auch, dass die meisten Forderungen irgendwann beglichen wurden, dennoch blieb ein Rest, der eben nicht an die Mandantschaft „ausgekehrt“, wie es bei den Juristen heißt, wurde. Immer wieder hatten die beklagten Anwälte ins Feld geführt, sie hätten entsprechende Gegenforderungen gegenüber ihren Mandanten geltend machen können, tatsächlich bekamen sie in einem Fall sogar noch einige Hundert Euro heraus.

Ein Schaden habe sich vor allem durch die jahrelangen Verzögerungen bei den Auszahlungen eingestellt, an fehlenden Geldbeträgen sei die Kammer bei Günther J. auf 7500 Euro, bei Christoph W. auf 3800 Euro gekommen, rechnete Vogt vor. Dieser Betrag sei weit geringer als das, was Oberstaatsanwalt Burchard Witte anfangs mit 110.000 Euro beziffert hatte.

So sei man von einer Gefängnisstrafe ohne Bewährung abgerückt, hieß es vom Gericht. Ein Berufsverbot sei nötig gewesen, weil Günther J. bis zuletzt „eine tragische Unbeirrbarkeit“ an den Tag gelegt habe. Davor müsse man Rechtsuchende schützen. Die Verteidigung will in Revision gehen.

(wos)