Aachen: Abgase: Ein Gemisch, das uns krank macht

Aachen : Abgase: Ein Gemisch, das uns krank macht

Aus medizinischer Sicht ist die Luft im Aachener Talkessel ein einziger Graus. Zu viel Verkehr, zu viele Abgase, zu viele Schadstoffe. Es muss ein unappetitlicher Cocktail sein, den die Aachener tagtäglich einatmen.

„Ein Gemisch aus unendlich vielen chemischen Substanzen“, sagt der Internist und Allgemeinmediziner Alexander Mauckner. Und allesamt machen sie „Gesunde krank und Kranke kränker“. Mauckner hat seine Praxis am stark befahrenen Kapuzinergraben und spürt tagtäglich selbst die Auswirkungen schadstoffbelasteter Luft. Regelmäßig nachmittags geht ihm die Stimme weg. „Immer dann, wenn die Staub- und Ozonwerte steigen“, hat er festgestellt.

Doch mehr noch sind es die Krankengeschichten seiner Patienten, die ihm zu denken geben. „Die undefinierten Atemwegserkrankungen nehmen zu, die chronische Bronchitis nimmt zu, die Allergien nehmen zu, das Herzinfarktrisiko nimmt zu.“ Welcher Luftschadstoff was im Menschen anrichtet, kann derzeit niemand mit Gewissheit sagen, aber dass das Gemisch die Menschen krank macht und vorzeitig tötet, könne inzwischen von niemandem mehr angezweifelt werden, sagt Mauckner.

Natürlich verfolgt er derzeit die Diskussion um die Luftreinhaltung in Aachen, um die Umweltzone und um die Einhaltung der Grenzwerte für Stickoxide oder Feinstäube. „Ein hoch komplexes Thema“, sagt er. Denn erstens muss die Frage beantwortet werden, welche Substanz man eigentlich untersuchen will, und zweitens muss ein Schwellenwert festgelegt werden, der noch als tolerabel gilt. „Aus medizinischer Sicht muss er ganz klar bei Null liegen“, ist Mauckner überzeugt. Die Frage, wie weit man sich von dieser Null entfernt und wie viele Tote eine Gesellschaft tolerieren will, müsse hingegen politisch beantwortet werden.

Aktuell nehme man in Deutschland jährlich 16.000 Tote hin — Opfer von Feinstaub und Dieselruß. „Diese Zahlen sind bewiesen“, betont Mauckner. Der im vergangenen Jahr vorgelegte Lungenkrebsreport der Berliner Lungenklinik hat zudem für Aachener ein überdurchschnittlich hohes Risiko aufgezeigt, an Lungenkrebs zu erkranken, was ebenfalls auf hohe Feinstaubbelastungen zurückgeführt wird. „Aber wer hat das Recht für so viele Menschen, ein Todesurteil zu fällen“, fragt Mauckner.

Er sieht daher die Politik in der Pflicht, mehr für eine schadstofffreie Luft zu tun. Höchste Priorität müsse die Verringerung des Kfz-Verkehrs haben. „Jede Verkehrsreduktion hat messbare Folgen und reduziert die Zahl der Toten und der Krankheiten“, betont Mauckner.

Die derzeit von der Stadt so vehement bekämpfte Umweltzone sei dabei noch der minimalste Eingriff. „Der Nutzen ist gering, aber selbst diesen Schritt muss man gehen“, meint er. Und wenn schon kein generelles Verbot für Verbrennungsmotoren in der Stadt durchgesetzt werden kann, sollten mindestens der Lkw-Verkehr und die Paketdienste aus dem Aachener Talkessel verbannt werden. Denkbar seien auch Wochenendfahrverbote, eine flächendeckende Tempo-30-Zone und weniger Parkmöglichkeiten in der Innenstadt. „Darüber müssen sich Verkehrsplaner und Ingenieure Gedanken machen. Wichtig ist, dass man anders plant und nicht stehen bleibt.“

Dass er sich mit solchen Äußerungen vor allem unter passionierten Autofahrern kaum Freunde macht, weiß Mauckner. Auf faule Kompromisse will er sich dennoch nicht einlassen. Durchaus provokant nimmt er die gegenwärtige Verkehrspolitik aufs Korn und sagt: „Wegen fehlender Maßnahmen zur Luftreinhaltung wird die Bevölkerung gezwungen, krank zu werden.“

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