Aachen: Aachener Soldat nach fast 100 Jahren geborgen und beerdigt

Aachen : Aachener Soldat nach fast 100 Jahren geborgen und beerdigt

Bei Bauarbeiten für eine Umgehungsstraße wird im Oktober 2010 im Elsass eine Tunnelanlage aus dem Ersten Weltkrieg freigelegt. Aus den Trümmern des Kilianstollens bergen Archäologen ein Jahr später die sterblichen Überreste von 21 deutschen Soldaten, die dort am 18. März 1918 bei einem französischen Angriff verschüttet worden waren.

Am 18. März 2018, auf den Tag genau 100 Jahre nach dem gewaltsamen Tod der Männer, wird an dem Stollen im Elsass ein Denkmal für die Toten enthüllt. Zu den Feierlichkeiten reisen auch zwei Aachener, Hannelore und Klaus-Reiner Börger. Denn der Anführer der toten Soldaten, Feldwebelleutnant August Hütten, war ein Aachener — und Hannelore Börgers Groß­onkel. Er wurde nur 38 Jahre alt.

August Hütten als Soldat in Uniform. Seine Beförderung zum Leutnant der Landwehr hat ihn 1918 nicht mehr erreicht. Foto: privat

Plötzlich ein Brief

Hannelore Börger, geborene Hütten, kannte den Großonkel, der im Krieg gestorben war, nur aus Erzählungen der Verwandten. Ein Brief brachte ihr sein Schicksal vor viereinhalb Jahren plötzlich ganz nah. Im Juni 2013 bekam ihre Mutter Post vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. In Frankreich habe man August Hütten, den Onkel ihres Ehemanns, als einen der 1918 verschütteten Soldaten identifizieren können.

„Meine Mutter war damals schon 88, deshalb habe ich mich um die Sache gekümmert“, erzählt Hannelore Börger. Die heute 65-Jährige hat sich seitdem intensiv mit den Kriegsgeschehnissen im Elsass und dem Schicksal ihres Großonkels befasst. Hannelore Börger ist — mittlerweile pensionierte — Lehrerin für Deutsch, Französisch und Geschichte. Das Schicksal ihres Verwandten interessierte sie nicht nur persönlich, sondern auch beruflich. Für die Familie hat sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem ehemaligen Leiter der Hauptschule Eilendorf, eine kleine Chronik über das Leben ihres Großonkels verfasst.

August Hütten, 1880 als zweiter von fünf Brüdern geboren, stammte aus einer alten Aachener Familie. Er besuchte das Kaiser-Karls-Gymnasium — die Schule, an der Hannelore Börger viele Jahrzehnte später als Lehrerin unterrichtete. 1898 machte August Hütten sein Abitur, er studierte Jura und wurde Amtsanwalt.

Wie seine fünf Brüder musste August Hütten als Soldat in den Krieg ziehen. Ab Dezember 1917 befand er sich, mit Unterbrechungen, mit seiner Kompanie in der Nähe von Altkirch im Elsass, im Kilianstollen von Carspach an der sogenannten Sundgau-Front. Am 7. März 1918 beging er dort seinen letzten Geburtstag. Am 18. März 1918 starb August Hütten.

Insgesamt kamen an dem Tag im Kilianstollen 34 deutsche Soldaten ums Leben. Sie alle gehörten zur 6. Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments 94. 13 der Verschütteten wurden gleich nach dem Einsturz des Stollens tot von ihren Kameraden aus den Trümmern geborgen. Die anderen 21 blieben mehr als 90 Jahre lang verschüttet. Ihre Namen allerdings waren all die Zeit bekannt.

2011 wurden 18 von ihnen offiziell identifiziert anhand von Ausrüstungsgegenständen im Stollen, die den sterblichen Überresten zugeordnet werden konnten. Aber lediglich von drei der verschütteten Soldaten ließen sich noch Angehörige ermitteln. Und nur Hannelore Börger reagierte auf das offizielle Schreiben.

Letzte Ruhestätte im Elsass

Im Juni 2013, als der Brief des Volksbunds eintraf, mussten die Angehörigen in Aachen schnell Entscheidungen treffen. Sollten die sterblichen Überreste des Toten nach Aachen überführt werden?, wollte die Kriegsgräberfürsorge wissen. „Wir haben uns dagegen entschieden“, erzählt Hannelore Börger. „Mein Großonkel sollte gemeinsam mit seinen Kameraden beerdigt werden.“

Am 19. Juli 2013 fanden die verschütteten Soldaten des Kilianstollens ihre letzte Ruhestätte, auf dem Soldatenfriedhof von Illfurth im Elsass. Gerne wären die Börgers zu der festlichen Beisetzung nach Frankreich gereist. Aber aus dienstlichen Gründen konnte das Lehrerehepaar ausgerechnet da nicht aus Aachen weg — es war der letzte Tag vor den Ferien.

Nichts von alter Feindschaft

Seit Sommer 2013 sind die Börgers aber bereits mehrfach nach Carspach gefahren — und sind noch heute berührt und begeistert davon, mit welchem Interesse und welcher Aufgeschlossenheit die Menschen im Elsass das Schicksal der Verschütteten aus dem Kilianstollen verfolgen. „Das ist da ein ganz großes Thema“, erzählt Klaus-Reiner Börger. „Und wenn wir dort sind, ist nichts von alter Feindschaft zu spüren. Vielmehr eine große Verbundenheit.“

Freundschaftliche Kontakte pflegen die Börgers zum Beispiel mit Serge Renger, dem Gründer der Association Kilianstollen 1918. Die 50 Mitglieder des 2015 gegründeten Vereins haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an die Geschichte der riesigen Tunnelanlage zu bewahren und künftigen Generationen zugänglich zu machen.

Zum 100. Jahrestag des Todes von August Hütten und seinen Kameraden hätten sich die Börgers auch eine offizielle Geste seitens der Stadt Aachen in Richtung Frankreich gewünscht. Eine Anfrage im Rathaus sei leider nur auf verhaltenes Interesse gestoßen, berichtet Hannelore Börger. „Eigentlich schade. Denn im Elsass werde ich immer wieder nach Reaktionen aus der Heimatstadt August Hüttens gefragt.“

Rekonstruiert

Die Geschichte der verschütteten Soldaten war auch Thema von Ausstellungen. Sogar ein Stück des Tunnels wurde dafür rekonstruiert. Die Besucher erhielten einen kleinen Eindruck davon, wie es war, in diesem Stollensystem hausen zu müssen. 2014 gab es eine Ausstellung im Militärhistorischen Museum (MHM) in Dresden, 2015 in Altkirch.

Als Ehrenmitglied der Association Kilianstollen hielt Hannelore Börger damals bei der Eröffnung eine Ansprache. „Die Nachricht vom Auffinden dieser unglücklichen Verschütteten im Kilianstollen, die vor mehr als 95 Jahren hier so tragisch ums Leben gekommen sind, hat mich sehr betroffen gemacht“, sagte sie. Und: „Seit 1945 sind wir verwöhnt durch die lange Friedenszeit — durch ein versöhntes und vereinigtes Europa und durch eine wunderbare Freundschaft mit unseren Feinden von damals — nicht nur politisch.“

Die Archäologen haben bei Cars­pach ein Stück Geschichte ausgegraben. Anhand der Funde im Kilianstollen hatten sie die Gelegenheit, den Alltag der einfachen Soldaten in einem großen Kriegsunterstand zu rekonstruieren. Das findet Hannelore Börger sehr spannend. Als Geschichtslehrerin, sagt sie, habe sie stets versucht, den historischen Stoff von der menschlichen Seite her zu beleuchten.

Ein kostbares Gut

Fast tut es ihr deshalb leid, dass sie nicht mehr im Schuldienst steht. Die Geschichte des Ersten Weltkriegs hätte sie gerne auch einmal am Schicksal ihres Großonkels und seiner Kameraden verdeutlicht. Unten im Keller des Kaiser-Karls-Gymnasiums hat sie bei ihren Recherchen sogar noch die Abiturarbeit ihres Groß­onkels entdeckt.

Vor allem aber möchte Hannelore Börger das Andenken an ihren Großonkel August Hütten und an alle anderen toten Soldaten als Mahnung verstanden wissen: „Den Frieden, in dem wir leben, nicht als selbstverständlich zu nehmen, sondern ihn als ein kostbares Gut zu schützen und uns immer für ihn einzusetzen.“

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