Aachen: Aachener Schriftsteller und Zeitzeuge Helmut Clahsen gestorben

Aachen: Aachener Schriftsteller und Zeitzeuge Helmut Clahsen gestorben

Der Schriftsteller und Zeitzeuge Helmut Clahsen ist am vergangenen Freitag gestorben. Sein langjähriger Wegbegleiter Herbert Ruland schreibt dazu: „Erst vor wenigen Wochen war bei ihm ein unheilbares Lungenkarzinom festgestellt worden. Nach dem ersten ungeheuerlichen Schock haben er und seine Familie diesen Tatbestand akzeptiert. Dank der hervorragenden Betreuung durch eine gemeinnützige private Palliativpflegeeinrichtung in Aachen, konnte er die verbleibenden Tage und Wochen im Kreis seiner Familie — und zahlreichen Besuchs — zu Hause verbringen.“

Helmut Clahsen wurde 1931 in Aachen geboren. Seine Mutter war Jüdin und wurde bereits 1939 wegen einer angeblichen Tuberkuloseerkrankung von den Nazis ermordet. Um zu überleben wurde er zusammen mit seinem kleineren Bruder und 64 anderen verfolgten Kindern 1944 im Kloster Völkerich im belgischen Gemmenich versteckt. Bei Gefahr im Verzug — Razzien der Nazis und Ähnlichem — wurden die Kinder zu vertrauensvollen Menschen in der Nachbarschaft gebracht. Um Helfer und Kinder zu schützen war strengste Vertraulichkeit angesagt: So kannten die Kinder nie die wirklichen Namen ihrer Wirtsleute.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes erlernte er das Bäcker- und Konditorenhandwerk. Später wechselte er den Beruf und machte sich als Schauwerbegestalter selbstständig, bis er 1988 nach einem Herzinfarkt zum Rentner wurde.

In diesem neuen Lebensabschnitt entdeckte er seine Liebe zum Schreiben. Nachdem er das Schicksal seiner Frau niedergeschrieben hat, brachte er auch seine Zeit als Kind zu NS-Zeiten aufs Papier. Sein Buch „Mama, was ist ein Judenbalg?“ entwickelte sich, so Ruland, „zu einem überregionalen Bestseller. Zahlreiche weitere Werke von Helmut Clahsen folgten.“

Besonders am Herzen lag Clahsen, an Schulen aus seinem Leben zu berichten — und zwar sowohl in Belgien als auch in Deutschland. „Im Frühsommer 2015 hat er noch an der Universität Antwerpen vor 1300 Zuhörern gelesen. Er war einer der wenigen Zeitzeugen, die man auch unbedenklich zu ganz jungen Schülern schicken konnte. Er hatte die wirklich höchst seltene Gabe, diesen Kindern etwas zu vermitteln ohne dass auch nur das geringste Gefühl von Angst aufkam“, schreibt Ruland und fährt fort: „Wir waren noch letzten Sonntag bei ihm. Er war in guter und fast ausgelassener Stimmung. Er erzählte Anekdötchen und gab uns dann noch eine private Lesung von skurrilen, wohl noch nicht veröffentlichten Kurzgeschichten: so die Geschichte vom Hund Susi, der die Zähne wie Max Schmeling fletschen konnte.

Viele Menschen, jung und alt, werden sich gerne an ihn erinnern. Mit ihm verlässt einer der letzten Zeitzeugen die Bühne, die noch über den Holocaust und die anderen Nazi-Verbrechen, aber auch über zahlreiche oft unbekannte Helfer und Retter in dunkler Zeit berichten konnten.“

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