Aachen: Aachener Optikerin engagiert sich für Brillenversorgung in Malawi

Aachen : Aachener Optikerin engagiert sich für Brillenversorgung in Malawi

Es ist stickig, schwül und stinkt nach Schweiß in diesem Krankenhaus irgendwo in Malawi. Überall liegen Patienten, auf dem Boden, auf Bänken und Betten. Der Strom fällt aus, draußen bildet sich eine Schlange. In einem kleinen Raum, vielleicht 12 Quadratmeter groß, untersuchen drei Augenärzte Patienten. Die Aachener Optikerin Uta Baumsteiger schaut ihnen über die Schulter.

Insgesamt sind sie zu zehnt in dem engen Raum. Von neun Patienten braucht jeder Dritte eine Brille. Doch die können sich die Einwohner Malawis nicht leisten. Nur selten werden Sehtests gemacht. Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit beherrschen ihr Leben.

Baumsteiger will das ändern. Sie zieht es oft in die Ferne, schon in Frankreich und Großbritannien hat sie gelebt. Die 47-Jährige engagiert sich für die NGO Ein-Dollar-Brille. Im Februar hat sie drei Wochen in malawischen Krankenhäusern die Ein-Dollar-Brille bekannt gemacht und Personal geschult. „Die Menschen waren so freundlich, hilfsbereit und immer geduldig, obwohl es ihnen bei weitem nicht so gut geht wie uns in Deutschland“, sagt die Optikerin, die von den Einheimischen als Muzungu, Suaheli für „Weiße“, bezeichnet wird. Wer sich Videos von malawischen Dörfern auf Youtube anschaut, sieht einfache Hütten, simpel bestellte Felder, trockenes Land. Nach Angaben des Bundesstatistikamts leben 16 Millionen Menschen in dem südostafrikanischen Land. Eine Frau bekommt im Schnitt fünf Kinder. Nur jeder 20. ist mit dem Internet verbunden.

Den etwa 150 Millionen Menschen weltweit, die sich eine Brille nicht leisten können, will Ein-Dollar-Brille helfen. Das Problem ist weitreichend, Kinder und Jugendliche mit Sehschwäche können nicht zur Schule gehen, betroffene Menschen nicht arbeiten. Geschätzte 120 Milliarden US-Dollar Einkommen gehen so verloren. In acht Ländern ist Ein-Dollar-Brille aktiv, in Malawi seit einem Jahr. „Es ist einfach genial“, sagt Baumsteiger begeistert. Sie sieht sich nicht als Missionarin. Die Optikerin ist ehrgeizig, das Projekt nach vorne zu bringen, damit es zum Selbstläufer wird.

Ein Teil an die Ärzte

Gegründet hat es Martin Aufmuth, ein Lehrer aus Erlangen. Das Prinzip ist simpel, die Materialkosten der Brille betragen einen Dollar, verkauft wird sie in den Krankenhäusern für zwei bis drei Tageslöhne. Das sind etwa fünf Euro in Malawi. „Oder etwa der Gegenwert eines Huhns“, sagt Baumsteiger. Der Federstahl für die Fassungen kommt aus Deutschland, die fertig geschliffenen Gläser, die sowohl links als auch rechts eingesetzt werden können, aus Asien. Immer wenn Baumsteiger in Deutschland jemandem die Brille zeigt, wollen die Leute sie haben. „Sie ist echt klasse“, sagt die Optikerin.

Ärzte in den Krankenhäusern erhalten Pakete mit Fassungen und Gläsern. Sie dürfen einen Teil des Profits behalten, der Rest geht an die Krankenhäuser und zurück an die Organisation, um das Projekt weiter anzukurbeln „Wenn wir den Krankenhäusern nichts geben würden, dann machen die nicht mit“, sagt Baumsteiger. 500 Optikshops bräuchte das Land, um die Versorgung zu decken. Zur Zeit gibt es Sehtests nur in Krankenhäusern. Ute Baumsteiger schätzt, dass etwa 30 Prozent der Einwohner Malawis eine Brille brauchen. Die Weltgesundheitsorganisation geht von 13 Prozent aus. „Die meisten merken es, weil sie in der Kirche die Bibel nicht mehr lesen können“, sagt sie, denn in Malawi geht sonntags jeder in die Kirche. Die medizinische Versorgung ist simpel. „Die Ärzte können nur antibiotische Augensalbe verschreiben“, sagt Baumsteiger.

Die Ein-Dollar-Brille schafft Arbeitsplätze, will Menschen von der Straße holen und ausbilden. Die Fassungen müssen gebogen, die Kits gepackt werden. Baumsteiger zückt ihr Handy und zeigt ein Video. Francis arbeitet als Fassungsbieger und verdient rund 160 Euro, das ist mehr als ein Arzt im Monat bekommt. „Uta makes me to look far, now I am very happy“, sagt er und lacht. Natürlich trägt der Malawier eine Ein-Dollar-Brille.

64 Euro Schulgeld

Baumsteiger ist beeindruckt von den Malawiern. Sie erzählt von Martha, die Pakete packt und für die NGO Inventur macht. 48 Euro verdient sie im Monat, malawischer Durchschnitt. Sie wohnt mit ihren drei Kindern in einem Lehmhaus, mit einer weggebrochenen Wand. Es gibt kein Wasser, Strom oder eine funktionierende Toilette. Trotzdem arbeitet Martha hart, um die 64 Euro Schuldgeld im Jahr für ihre Kinder bezahlen zu können.

Seit die Optikerin aus Malawi zurück ist, bleibt sie per Telefonkonferenz verbunden. „Da hängt jetzt einfach mein Herz dran“, sagt sie. Doch Fernweh muss sie nicht allzu lang erleiden, schon in der zweiten Hälfte diesen Jahres möchte sie wieder zurückkehren.

Mehr von Aachener Nachrichten